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Warum Ob- und Nidwalden zwei «verfreundete» Nachbarn sind

Niemand weiss genau, wann es geschah: Seit dem Eintritt in die Geschichte besteht Unterwalden aus zwei Hälften und bildet doch ein Ganzes. Beide gehören zusammen und sind doch getrennt, sind sich nahe und doch anders. Ein Kuriosum, beleuchtet von einem «Ausserwaldner».
Carl Bossard *)
Der Grenzstein zwischen Ob- und Nidwalden an der Lopperstrasse. (Bild: Corinne Glanzmann (Alpnach, 18. Dezember 2018))

Der Grenzstein zwischen Ob- und Nidwalden an der Lopperstrasse. (Bild: Corinne Glanzmann (Alpnach, 18. Dezember 2018))

Eines fällt Neuzuzügern schnell auf: das delikate Zwillingsverhältnis zwischen den Nachbarkantonen Ob- und Nidwalden. Eine kleine Episode verdeutlicht die oft zelebrierte Kultkluft: Am Informationsanlass 1988 für die neuen Stanser Kollegi-Schüler stellt der Kapuzinerrektor die Lehrpersonen vor. Bei einem bestimmten Herrn fügt er verschmitzt bei, dieser Lehrer komme zwar aus Obwalden, doch er sei sicher auch ein Mensch!

Dem «Ausserwaldner» Zuhörer war sofort klar: Da gibt es zweierlei Unterwaldner, die von ob und jene von nid dem Wald. Der Kernwald, eine Art grüner Röstigraben, trennt die beiden Kantone. Zueinander gehört haben sie nie richtig. Beide sind zwar Hälften eines Ganzen – mindestens bis zur neuen Bundesverfassung von 1999. Doch von diesem Ganzen weiss man nicht genau, ob es dieses Ganze einmal gegeben hat. Jedenfalls waren die beiden Teile früher da als das Ganze. Doch politisch zwei Hälften sind sie erst seit etwa 1800. Vorher galt Obwalden staatsrechtlich als zwei Drittel des Ganzen und Nidwalden nur als ein Drittel.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Der Satz hat Geschichte geschrieben – vielleicht schon 1291. In der urschweizerischen Eidgenossenschaft spielt Unterwalden das Aschenbrödel. Die beiden Talschaften der Engelbergeraa und der Sarneraa waren so etwas wie der nachgeordnete Juniorpartner von Uri und Schwyz. Im Bundesbrief von 1291 kommt allerdings nur Nidwalden vor. Die Rede ist von der «Gemeinschaft der Leute der unteren Talschaft», also von Nidwalden.

Streit um das Banner am Bundesbriefarchiv Schwyz

Das Bundesbriefarchiv in Schwyz. (Bild: Werner Schelbert)

Das Bundesbriefarchiv in Schwyz. (Bild: Werner Schelbert)

Das Siegel dagegen erwähnt beide Täler. Der eingravierte Text spricht wieder von der Gemeinschaft der Leute von Stans. Er wurde später ergänzt mit dem Zusatz «et vallis sup[er]ioris» [«und des oberen Tales»]. Warum es diesen Kontrast zwischen Pergamentstext und Siegel gab, ist bis heute nicht geklärt. In der Geschichtswissenschaft gilt der Text und damit das Bündnis zwischen Uri, Schwyz und Nidwalden. Obwalden kam später dazu.

Das führte 1936 zu einer harschen Intervention der Nidwaldner Regierung in Schwyz. Das Fresko an der Frontfassade des neuen Bundesbriefarchivs zeige einen Unterwaldner Bannerträger mit der Obwaldner Flagge: ein einfacher Schlüssel auf rot-weissem Feld. Das sei ein «Verstoss gegen die historische Wahrheit», beschwerte sich der Regierungsrat und verlangte den Doppelschlüssel im roten Feld. Es gehe um «das Ansehen unseres Kantons» als Gründer der Eidgenossenschaft. Nach langem Zögern gab Schwyz nach und korrigierte die Fahne. Nidwalden bezahlte 590 Franken, und so prangt bis heute das «richtige» Wappen am Bundesbriefarchiv.

Obwalden beanspruchte zwei Drittel der Rechte

Im losen eidgenössischen Bündnisgeflecht galten die beiden Talschaften Ob- und Nidwalden als ein Ort. Allerdings war diese Einheit eher fiktiv. Doch Uri und Schwyz liessen keine vierte Stimme zu. Das wirkte sich verhängnisvoll aus: Die beiden Orte mussten sich die Standesstimme teilen. Spätestens seit dem 15. Jahrhundert beanspruchte Obwalden aber zwei Drittel der Rechte Unterwaldens. Vermutlich besteht ein Zusammenhang mit der früheren Verwaltungseinheit Unterwalden um 1300. In Nidwalden gab es den Hof Stans, in Obwalden die beiden Klosterhöfe Alpnach und Giswil. Das könnte die ungleichen Rechte erklären. Doch über das Warum gibt keine Quelle präzise Auskunft.

Nidwalden, die im Bundesbrief zeitlich zuerst genannte Talschaft, galt lediglich als ein Drittel. Nur alle drei Jahre wanderte darum das Landessiegel mit dem Petersschlüssel von Sarnen ins Rathaus Stans und mit ihm das begehrte Landesbanner. Und nur jedes dritte Mal konnten sie den Landvogt in die Gemeinen Herrschaften entsenden. So wollte es das ungleiche Stimmengewicht. Das zeigte sich auch im Militär: Die Nidwaldner rekrutierten im Krieg nur einen Drittel der Mannschaft – Obwalden zwei Drittel. Zum Ausdruck kam das später im alten Obwaldner Füsilier-Bataillon 47. Nidwalden stellte lediglich die dritte Kompanie. Das legendäre Nidwaldner «Schützen-Zwölfi», das Gebirgsschützen-Bataillon 12, kam erst 1962. Aufgelöst wurde es 2003.

Schnitzturm in Stansstad. (Bild Corinne Glanzmann)

Schnitzturm in Stansstad. (Bild Corinne Glanzmann)

Ein putziger Rest dieser obwaldnerischen Vorrechte war bis 1997 sichtbar. Am Schnitzturm Stansstad aus der Mitte des 13. Jahrhunderts war Obwalden immer mit zwei Dritteln beteiligt. Darum zahlte der Kanton für die alten Mauern auch entsprechende Prämien – in die Kasse der ehemaligen Nidwaldner Brandversicherung, obwohl alles Brennbare bereits in den Franzosenstürmen 1798 dem Feuer zum Opfer gefallen war.

Die bescheidene Rolle als Unterwaldner Benjamin muss die Nidwaldner geärgert haben. Vergeblich wehrten sie sich, umsonst verwiesen sie auf den Bundesbrief von 1291. Beigelegt wurde der jahrelange Zank nie. Eidgenössische Schiedssprüche anerkannte man schlicht nicht – weder der eine noch der andere Kontrahent.

Allein gelassen im Kampf gegen die Franzosen

Im Streit mit den Standesgenossen von oberhalb des Kernwaldes den Kürzeren zu ziehen, das wirkte sich auf die Volksseele der Nidwaldner aus. Vielleicht lässt sich daraus ein gewisses gereiztes Ressentiment erklären. Mindestens in den Jahrzehnten nach 1798 schwelte dieser grimmige Groll, und die Animosität war wohl mit Händen zu greifen. Die Obwaldner haben – realistisch genug – als einziger Urschweizer Ort die helvetische Einheitsverfassung ohne Widerstand angenommen. Die Nidwaldner verwarfen sie. Der blutige Einmarsch der Franzosen war die Folge. Lange hat man es in Stans nicht vergessen, dass man im Kampf gegen die französische Okkupation alleingelassen worden ist – in diesem zwar heroischen, aber letztlich aufreibend aussichtslosen Widerstand.

Dass die Nidwaldner ihren Nachbarn «Tschifeler» sagen, hängt mit diesem «Franzosenüberfall» zusammen. Sie fühlten sich verraten, weil die fremden Besatzer von Obwalden her ins Land eingedrungen waren. Bald machte das Gerücht die Runde, die Obwaldner hätten den Franzosen den Weg gezeigt und aus den zerstörten Häusern mit ihren Tragkörben, den «Tschiferen», Beute nach Hause getragen. Deshalb der Übername «Tschifeler». Für dieses Gerücht gibt es keinen historischen Beleg. Die Tschifeler umgekehrt titulierten die Nidwaldner bald als «Reissäckler». Reissäcklein sind Reiseproviant-Taschen. In Kleinformat waren sie traditioneller Bestandteil der Nidwaldner Tracht und willkommenes Sujet für einen Übernamen.

Das subtile Doppelwesen des ehemaligen Kantons Unterwalden zeigt sich auch im Naturell der Leute ob dem Wald und nid dem Wald. Die Obwaldner seien besonnener und nüchterner, sagen Beobachter, die Nidwaldner feuriger und ungestümer. Die einen hätten als Landesheiligen eben Bruder Klaus, den Eremiten und Mystiker aus dem Ranft, die anderen Winkelried, den heroischen Kämpfer von Sempach.

Der erste Unterwaldner Bundesrat werde darum ein Obwaldner; sie seien diplomatischer. So prognostizierte der Nidwaldner Arzt und Schriftsteller Jakob Wyrsch. 14 Jahre später, 1959, wurde der Obwaldner Ludwig von Moos zum Bundesrat gewählt. Die Nidwaldner hatten dieses Jahr in Hans Wicki erstmals einen offiziellen Kandidaten, warten aber noch heute.

Die Schweiz – ein Maximum an Komplexität auf einem Minimum an Raum. Ihr Geheimnis: Es kam nie zum letzten Bruch. Auch in der kleinen Welt von Ob- und Nidwalden. Das Verbindende war stets stärker als das Trennende: im Innern eine gesunde Rivalität und Unabhängigkeit gegenüber dem Nachbarn – nach aussen eine Einheit.

Dieser Aufsatz ist eine gekürzte Fassung eines Vortrags, den Carl Bossard Ende Mai 2018 im Herrenhaus Grafenort hielt – zusammen mit dem Engelberger Liedermacher El Ritschi (Richard Blatter).

*) Der Autor dieses Beitrags

Carl Bossard. (Bild Markus von Rotz (Stans, 30. November 2018))

Carl Bossard. (Bild Markus von Rotz (Stans, 30. November 2018))

Carl Bossard (69), Dr. phil., war von 1988 bis 1996 Rektor der Mittelschule (Kollegi) in Stans und wohnt auch hier. «Das Land hinter Bürgenstock und Lopper gefällt uns eben – wir fühlen uns hier daheim», schreibt er. Darum wollte er das «delikate Nachbarschaftsverhältnis» verstehen. Bossard studierte Geschichte und Erziehungswissenschaften an den Universitäten Freiburg, Montpellier und Bern. Nach seiner Stelle in Stans war er unter anderem Direktor der Kantonsschule Luzern und Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule Zug, wo er heute noch als Dozent arbeitet. Er beschäftigt sich mit schulgeschichtlichen und bildungspolitischen Fragen. (mvr)

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