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Wie Goethe im Nidwaldnerland Ge(h)danken sammelte

Unterwegssein zu Fuss ist wieder gefragt – als analoge Alternative zum digitalen Alltag. Lange legte der Mensch weite Strecken zu Fuss zurück, auch Dichter. Ihre Ge(h)danken lassen das Damalige im Heutigen entdecken und dabei Unbekanntes im Altgewohnten finden.
Carl Bossard *)
Ansicht von Gabriel Lory junior (1784 bis 1846) von Stans vor 1798. Sie dürfte allerdings einige Jahre nach dem Franzosenüberfall – etwa um 1814 – entstanden sein. Bild: Provinzarchiv Schweizer Kapuziner Ikonothek

Ansicht von Gabriel Lory junior (1784 bis 1846) von Stans vor 1798. Sie dürfte allerdings einige Jahre nach dem Franzosenüberfall – etwa um 1814 – entstanden sein. Bild: Provinzarchiv Schweizer Kapuziner Ikonothek

Ein Jahr vor der Franzosenzeit, im Oktober 1797, reiste Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe (1746-1832) durch Nidwalden – «bei günstigstem Wetter» und buchstäblich mit dem Stift in der Hand. Alles, was ihm ein- und aufgefallen ist, hat er notiert und protokolliert, registriert und rubriziert: Ungewohntes und Aussergewöhnliches, Hintergründiges und Vordergründiges, Raritäten und Banalitäten. Alles im späteren Telegrammstil. Entstanden ist ein spannender Bericht, der uns zeigt, wie radikal sich die Landschaft zwischen Beckenried und Stansstad veränderte.

Der Autor dieses Beitrags: Carl Bossard - früherer Rektor am Kollegi Stans. (Bild Markus von Rotz)

Der Autor dieses Beitrags: Carl Bossard - früherer Rektor am Kollegi Stans. (Bild Markus von Rotz)

Goethe war zu Fuss unterwegs. Er hat die Schweiz auf seinen drei Reisen im wahrsten Sinne «ergangen». Seine Gedanken sind darum Ge(h)danken. Nicht umsonst meinte der Philosoph Friedrich Nietzsche: «Trau keinem Gedanken, den du nicht im Freien ergangen hast.» Auch er ist stundenlang gewandert. Viele seiner Ideen sind ihm beim Gehen am Engadiner Silsersee gekommen. Und Nietzsche fügte bei: «Alle Vorurteile kommen aus den Eingeweiden. Das Sitzfleisch ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist.» Eben: Es ginge wohl vieles besser, wenn man mehr ginge.

Die Deutschen hatten eine «Schweiz-Begeisterung»

Viel «gegangen» ist man auch im 18. Jahrhundert. Es war die Zeit des deutschen Philhelvetismus, der «Schweiz- Begeisterung». Eine Reise ins südliche Land gehörte für viele Deutsche zum guten Ton wie bis vor kurzem ein Flug auf die Seychellen oder in die Karibik. Die «Wallfahrt» in «das heilige Land der Freiheit und der grossen Natur» begann um 1750. Kaum ein Poet von Wert und Rang, der die obligate Schweizerreise versäumt hätte. Fast wie von geheimer Stimme gerufen kamen sie alle, die deutschen Dichter und Denker des 18. und frühen 19. Jahrhunderts.

Auslöser waren Jean-Jaques Rousseaus Schriften (1712–1778). Mit seinem Ruf «Retour à la nature!» und dem hehren Loblied auf den edlen Wilden («Le bon sauvage») und das naturbelassene Kind traf er wie kein Zweiter den damaligen Zeitgeist. Er artikulierte ein neues Lebensgefühl und wurde damit zum Inspirator der Französischen Revolution und der Romantik. Fast vollzählig pilgerten darum im Zeitalter des Sturms und Drangs die jungen Revolutionäre ins Land der Eidgenossen; hier liessen sie ihrem Rousseau’schen Natur- und Freiheitsenthusiasmus freien Lauf. Viele fühlten wie der junge Goethe: «Mir ist wohl, dass ich ein Land kenne, wie die Schweiz ist; nun geh’ mir’s, wie’s wolle, hab’ ich doch immer da einen Zufluchtsort.» So schrieb er am Ende seiner ersten Schweizer Reise 1775. Der Dichter trug die bekannte Werthertracht: blauen Frack, gelbe Weste, Kniehose aus gelbem Leder, Stulpenstiefel, dazu den runden grauen Filzhut.

1797 reiste Goethe ein drittes Mal in die Schweiz; in der Zwischenzeit ist er «ein anderer Mensch geworden», wie er Friedrich Schiller schrieb. Als Gelehrter und Forscher musste er beobachten, sammeln und «seine Erfahrungen [...] rektifizieren». Dabei ahnte er wohl den Sturz der staatlichen Ordnung. Am Vorabend des Untergangs der alten Eidgenossenschaft wollte er nochmals «die kleinen Kantone» um den Vierwaldstättersee sehen. Erneut führte ihn der Weg durch die steinig raue Welt hinauf zum «Vater Gotthard», zu diesem «helvetischen Sinai», wie der Schriftsteller Peter von Matt den Pass bezeichnet.

Und wieder durchquerte Goethe die schaurige Schöllenenschlucht. Mit ihren grauen Granitwänden erschien sie ihm «allmächtig schröcklich [und] öde wie im Tal des Todes – mit Gebeinen besät.» Durchs Reusstal erreichte er die Wilhelm Tell-Gegend. Von Altdorf ging es am 6. Oktober 1797 «zeitig ab» nach Flüelen. Um 9 Uhr fuhr das Marktschiff weg, vorwärtsbewegt von Ruderern. Goethe und seine zwei Begleiter sassen zwischen Einheimischen, gepackt vom Anblick der Landschaft: «Alles Menschenwerk wie auch alle Vegetation erscheint klein gegen die ungeheuren Felsmassen und Höhe.» Die Tellskapelle lag im Schatten. Von Ferne leuchteten die Schwyzer Mythenberge. Dann «kamen [sie] am Rütli vorbei» und an «Türmen». Gemeint war wohl der Naturobelisk, der Mythenstein und seit 1859 Schillerstein. Wäre Goethe hier nicht vorbeigefahren, den Stoff zum Tell-Epos bereits im Kopf, und hätte er seinem Dichterfreund Schiller nicht die Unterlagen zum Drama überlassen, der Stein wäre nichts als der Mythenstein geblieben.

Dreieinhalb Stunden dauerte die Nauenfahrt bis Beckenried, ein Hingleiten in «poetischer Landschaft». Goethe fand die Fahrt «mannigfaltig, gross und interessant». Von Weitem schon sah er das Fischerdörfchen «Beckenried am fruchtbaren Abhange eines Berges liegen, dessen steiler Gipfel nach und nach sanft bis in die Mitte des Bildes abläuft». Goethes Reisebericht gleicht einer Filmreportage. «Wir langten um halb ein Uhr an», schrieb er, «und gingen den Fusspfad nach Stans.»

Voll des Lobes über die Wege in Nidwalden

Und weiter: «Es ist der angenehmste Weg, den man sich denken kann.» Ein Lob für Nidwalden, wenn man weiss, wie unerbittlich Goethe urteilte. Der Feldweg «geht unmittelbar am See hin und steigt sanft in die Höhe durch grüne Matten, hohe Nuss- und andere Fruchtbäume und reinliche Häuser, die an dem sanften Abhang liegen.» Die schöne Aussicht auf den See, dann rüber an die Rigi-Hänge und zum «Frey­staat Gersau». Von Buochs führte ein «schön gepflasterter Weg über eine Höhe, zwischen Matten, auf welchen Kühe schwelgten. [...] Man kommt durch ein schmales Tal auf die schöne, völlig ebene Fläche, worauf Stans, nicht zu nahe von hohen Bergen umgeben, liegt.» So erlebte Goethe das damalige Strässchen, das zwischen Buochserhorn und Ennerberg zur Engelbergeraa und zum ehemaligen Landsgemeindeplatz führt.

Endlich kam der Wanderer nach Stans. «Wir traten im Gasthof zur Krone ein, welcher der Kirche gegenüber auf einem hübschen Platze liegt.» Die Absteige gibt’s nicht mehr; übrig geblieben ist eine imposante kaiserliche Krone. Ebenerdig befanden sich damals wohl Stallungen. Natürlich nickte der deutsche Gast dem «guten alten Winkelried» von 1386 zu: «In der Mitte steht ein Brunnen, auf dem der alte Winkelried mit den Speeren im Arm gestellt ist.» Die Skulptur mit dem Helden von Sempach schmückt seit 1724 den Stanser Dorfplatz, heute allerdings als frisch restaurierte Kopie.

Tags darauf zog Goethe weiter nach Stansstad zum kleinen Hafen im winzigen Fischerdorf: «Früh Nebel; doch der Schein der Morgensonne hie und da auf den Berggipfeln. Gegen 8 Uhr ab. Flache Matten zwischen den Bergen. [...] Gegen Stansstad wird es sumpfiger.» Wie heutige Touristen genoss er die Landschaft: «Am Landungssteg [beim mittelalterlichen Schnitzturm] selbst ist ringsherum die Ansicht gar angenehm wegen den mannigfaltigen Bergen, Buchten und Armen.» Aufgefallen sind ihm die Mädchen. Sie «haben auf den kleinen Strohhüten vier Schleifen, wechselseitig rot und grün.» Im Reporterstil notierte Goethe: «Wir fuhren ab, es war etwas neblig.» Und vom Nauen aus blickte er nochmals zurück: «Südwärts sieht man den berühmten Warttum von Stansstad, den kleinen Ort auf seiner Fläche, umgeben von mannigfaltigsten Gebirgen und Vorgebirgen, hinter denen südwestwärts der Pilatus hervorsieht.» Über Küssnacht und Zug ging die rund zehntägige «Fuss- und Schiffsreise» in Zürich zu Ende.

Bis in die Sechzigerjahre war die Gegend zwischen Beckenried und Stans noch geschlossen bäuerlich – mit gelockert gestreuten Höfen, Nussbaumalleen und weissen Kapellen. Ähnlich erlebte Goethe diese Landschaft. Im wirtschaftlichen Boom der Nachkriegszeit ging sie unter. Goethes Ge(h)danken erinnern – ganz unsentimental – daran.

Im Literaturhaus Zentralschweiz in Stans (Rosenburg) liest die Schauspielerin Marie Gesien Goethes Impressionen, der Historiker Carl Bossard skizziert den ideengeschichtlichen Hintergrund. Der Anlass findet am Sonntag, 8.Dezember, um 10 Uhr statt. Mehr über den Autor finden Sie auch auf www.carlbossard.ch.

Zum Autor dieses Beitrags

Carl Bossard, (70), Dr. phil., war von 1988 bis 1996 Rektor der Mittelschule (Kollegi) in Stans und wohnt auch hier. Er studierte Geschichte und Erziehungswissenschaften an den Universitäten Freiburg, Montpellier und Bern. Nach seiner Stelle in Stans war er unter anderem Direktor der Kantonsschule Luzern und Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule Zug. Er beschäftigt sich weiterhin mit schulgeschichtlichen und bildungspolitischen Fragen.

Der heutige Beitrag beruht auf Goethes Schweizer Reisen und Literaturrecherchen. Grundlage bildet ein Vortrag, den Carl Bossard Ende März 2019 bei der Offiziersgesellschaft Nidwalden hielt.


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