Kolumne

Wie ich neulich zu mir selber fand

Kolumnist Christian Hug schreibt in seinem «Ich meinti» über ein Dusch-Set mit kleinen Fläschchen und deren vermeintlich einzigartige Auswirkung.

Christian Hug
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Christian Hug.

Christian Hug.

Vor einiger Zeit habe ich so ein Dusch-Set von Kneipp geschenkt gekriegt. Das sind sechs verschiedene Müsterli-Fläschchen in einem Plastikbeutel eingepackt, ganz nach der Maxime «Minimaler Inhalt mit maximalem Abfall», ich sehe vor meinem geistigen Auge schon Reste der Verpackung im Magen einer toten Meeresschildkröte. Aber darum geht es heute nicht.

Letzte Woche habe ich das ganze Set zum Fitnesstraining mitgenommen und mir zum Duschen das erstbeste rausgepickt. Und wie ich da so unter der Brause stand und mich einschäumte, betrachtete ich das Fläschchen und las: «Ich. einzigartig.». Die Leute von Kneipp haben ganz offensichtlich nur wenig Ahnung von Rechtschreibung, aber so heisst das Duschgel nun mal. «Ich. einzigartig.». Mit Koriander und Grapefruit, immerhin. Auch wenn mir bis heute nicht klar ist, warum ich wie ein Küchengewürz duften soll.

Zuerst fühlte ich mich geschmeichelt. Natürlich bin ich der Schönste, Beste, Grösste, der Einzigartigste! Wie zufällig liess ich ein bisschen meine frisch gestählten Bizepse spielen und wünschte mir, ich wäre nicht alleine in der Dusche. Aber dann fing ich an zu rechnen: In der ganzen Schweiz stehen in den Ladenregalen Tausende, ja Hunderttausende solcher Duschgels, Kneipp ist sogar ein international tätiges Unternehmen. Wir sprechen also von Millionen von Fläschchen, auf denen «Ich. einzigartig.» steht. Aber was ist denn daran noch einzigartig, wenn sich Myriaden von Menschen mit demselben Schlabber-Gel und demselben Einzigartigkeits-Versprechen einschmieren? Da ist das Ich-Gefühl doch sehr bescheiden, wenn ich es mit Tausenden von anderen Flaschen teilen muss.

Ich war schlagartig deprimiert. Meine mächtigen Muckis fühlten sich plötzlich nur noch an wie müde Muskeln. Ich musste sofort das Duschgel wechseln. Noch halb voll Schaum und tropfend nass wetzte ich zu meinem Spind und kramte im Duschgel-Set nach möglichen Alternativen. «Mandelblüten hauchzart» war in diesem Moment undenkbar, da ich mich nach dieser niederschlagenden Erkenntnis selber hauchzart dünnhäutig fühlte.

«Sommerglück» ging auch nicht, es ist ja Winter. Ich entschied mich für «Lebensfreude». Das half zwar auch nicht wirklich, mich wieder irgendwie einzigartig zu fühlen. Aber immerhin war ich danach blitzblanksauber und roch nach Litsea Cubeba und Zitrone. Vielleicht kriegte ich deshalb plötzlich Lust auf einen Mojito. Zu Hause habe ich dann auf meine Einzigartigkeit geprostet.

Christian Hug, Journalist aus Stans, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.