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Wie im Buochser Schulzimmer aus der «Tatne» eine «Tante» wird

«Schreiben nach Gehör» bewegt die Gemüter, selbst bei Politikern. Ein Augenschein im Schulzimmer zeigt, wie Schüler heute schreiben lernen – und dass der Rotstift dabei auch künftig mit Bedacht eingesetzt werden kann.
Franziska Herger
Richtig schreiben will gelernt sein. (Bild: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)

Richtig schreiben will gelernt sein. (Bild: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)

Richtig schreiben lernen ist komplizierter als gedacht. Wer erinnert sich etwa daran, wie schwer es anfangs war zu merken, wo in einem Satz ein Wort aufhört und das nächste beginnt? «Ich-war-bei-meiner-Tante-übernachten», zählt Emma (Namen der Kinder sind geändert) an den Fingern ab. Sechs Wörter. Die Buochser Erstklässlerin schreibt langsam auf, was sie in den Fasnachtsferien gemacht hat. «Ich war bei meiner Tate», steht da schliesslich.

Sara Barmettler, die Lehrerin der gemischten Klasse aus Erst- und Zweitklässlern, schaut kritisch. «Was hörst du nach dem a», fragt sie. «n», antwortet Emma – aus «Tate» wird «Tatne». «Lies nochmals Buchstabe für Buchstabe, was hast du geschrieben», hakt die Lehrerin nach. «Tante, Tante», flüstert Emma vor sich hin. Schliesslich landet das «n» am richtigen Ort.

Heilpädagogin Marion Kraut im Gespräch mit einem Schüler. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)Heilpädagogin Marion Kraut im Gespräch mit einem Schüler. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)
Blick ins Klassenzimmer der Erst- und Zweitklässler. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)Blick ins Klassenzimmer der Erst- und Zweitklässler. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)
Lehrerin Sara Barmettler schaut einer Schülerin über die Schulter. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)Lehrerin Sara Barmettler schaut einer Schülerin über die Schulter. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)
Sara Barmettler im Gespräch mit einem Schüler.... (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)Sara Barmettler im Gespräch mit einem Schüler.... (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)
Besuch bei den Erst- und Zweitklässlern. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)Besuch bei den Erst- und Zweitklässlern. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)
Besuch bei den Erst- und Zweitklässlern. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)Besuch bei den Erst- und Zweitklässlern. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)
Die Lehrpersonen und Sara Barmettler mit der Buchstabentabelle. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)Die Lehrpersonen und Sara Barmettler mit der Buchstabentabelle. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)
Spielerisches Lehrmittel am Boden. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)Spielerisches Lehrmittel am Boden. (Bilder: Dominik Wunderli, Buochs, 13. März 2019)
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Wie Kinder richtig schreiben lernen

Ein paar Pulte weiter schreibt Nevin, dass er an der Fasnacht am «umsug» war. «Umzzzug», betont Sara Barmettler. Nach einiger Suche auf der Buchstabentabelle findet Nevin den passenden Buchstaben zum Zischlaut. «Und was ist Umzug für ein Wort», fragt die Lehrerin. «Ein Nomen», kommt es wie aus der Pistole geschossen. Heftiges Radieren, dann stimmt’s. Ihm gegenüber hat die Zweitklässlerin Nadja im Nu ihr ganzes Blatt mit Sätzen vollgeschrieben. Wie alle «grösseren» Kinder darf sie die Schreibweise eines Worts zur Kontrolle im Wörterbuch nachschauen.

Entwicklungsschritt oder Methode?

Die Kinder in Sara Barmettlers Klasse werden nach dem Prinzip «Schreiben nach Gehör» unterrichtet. Das wird gerade kontrovers diskutiert. Nidwalden hat die Methode, nach der Kinder so schreiben dürfen, wie sie die Wörter hören, vergangenen Oktober in die erste Klasse verbannt. Ab nächstem Schuljahr soll ab der zweiten Klasse bei Rechtschreibefehlern der Rotstift angesetzt werden. Der Kanton Aargau hat inzwischen nachgezogen, Nidwaldens SVP-Nationalrat Peter Keller will die Methode schweizweit aus dem Lehrplan streichen. Studien untermauern, dass Kinder, die nach dem lautgetreuen Schreiben unterrichtet wurden, fehlerhafter schreiben als andere. Die richtige Rechtschreibung müsse dann später mühsam umgeübt werden, argumentieren Gegner.

«Das ist nicht unsere Erfahrung», sagt Marion Kraut. Die Heilpädagogin unterstützt Barmettler im Unterricht. Und weiter sagt sie.

«Das lautgetreue Schreiben ist ein Entwicklungsschritt, den jedes Kind auf dem Weg zum Rechtschreiben durchläuft. Es soll aber natürlich nicht zu lange in dieser Phase bleiben.»

Dass Kraut und Barmettler mit dem lautgetreuen Schreiben fast nur positive Erfahrungen machten, könnte auch daran liegen, dass sie es nicht so unterrichten, wie gemeinhin beschrieben wird. Von völliger Freiheit und null Korrekturen könne keine Rede sein. Von Anfang an würden Erstklässler auf ähnlich klingende Buchstaben aufmerksam gemacht und lernten so, dass etwa Tiger mit T und Dino mit D geschrieben werden. In der Folge lernen sie Lautverbindungen wie «eu» oder «st» richtig anzuwenden. Weiter werden häufige Wörter wie «Sonne» oder «sie» eingeübt.

Die Beispiele, die in der Diskussion um das richtige Schreibenlernen herumgeboten werden, stören Sara Barmettler daher. «‹Oile› statt ‹Eule› oder Grossbuchstaben mitten im Wort werden bereits in der ersten Klasse nicht einfach durchgewinkt», betont sie. Aber man wolle den Kindern nicht die Freude am Schreiben nehmen und korrigiere daher dem individuellen Lernstand des Kindes entsprechend.

«Individuelle Begleitung äusserst wichtig»

Sobald die Schüler wissen, was ein Nomen ist, werden etwa klein geschriebene Nomen korrigiert. Erstklässler kämen mit ganz verschiedenen Voraussetzungen in die Schule, sagt Sara Barmettler. «Einige können bereits lesen und lautgetreu schreiben, andere kennen knapp die Buchstaben ihres eigenen Namens. Daher ist eine individuelle Begleitung und Förderung äusserst wichtig.»

Die Weisung der Bildungsdirektion habe die Unterstufenlehrer überrascht, sagt Barmettler, die als Unterstufenvertreterin im Nidwaldner Lehrerverband mitwirkt. «Sie ist sehr schwammig formuliert und wir konnten uns trotz unseres Angebots bei der Erarbeitung nicht einbringen. Eigentlich machen wir es doch schon so, wie die Bildungsdirektion verlangt, und korrigieren Fehler von Anfang an.» Davon habe man die Behörden vor den Fasnachtsferien zu überzeugen versucht, als eine Delegation der Bildungsdirektion Barmettlers Unterricht besuchte. Und tatsächlich: «Sie gaben uns sehr positives Feedback und sagten, wir müssten eigentlich gar nichts am Unterricht ändern».

In vielen Gemeinden wird schon viel korrigiert

Das kann Patrick Meier, Leiter des Nidwaldner Amts für Volksschulen und Sport, für Sara Barmettlers Unterricht bestätigen. «Bildungsdirektor Res Schmid und ich besuchen seit Monaten Schulen in allen Nidwaldner Gemeinden», so Meier.

«Vielerorts wird tatsächlich schon sehr Wert auf die Rechtschreibung gelegt.»

Mit der Weisung wolle man dies aber im ganzen Kanton auf allen Stufen erreichen. Meier erzählt ein Beispiel von einem Oberstufenschüler, der an einem Test immer noch «Oiropa» statt «Europa» schrieb. «Das geht auch in einer Prüfungssituation nicht.» Lehrer, die das lautgetreue Schreiben aber bereits heute nur als ersten Schritt verwendeten und dann ab der zweiten Klasse die korrekte Rechtschreibung einforderten, müssten nichts ändern, so Meier. «Dabei darf gemäss Weisung auf die inidviduellen Voraussetzungen der Schüler Rücksicht genommen werden.»

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