Wirtschaftsprofi durchleuchtet die reformierte Kirche Nidwalden

Reformierte Kirchgemeinden und Landeskirchen müssen professioneller werden. Deshalb engagieren sie Berater, die sie unternehmerisch auf Kurs bringen sollen. Die reformierte Kirche Nidwalden steckt mitten in diesem Prozess.

Andreas Bättig
Drucken
Teilen
Kirchenratspräsident Wolfgang Gaede (links) mit Albert Schnyder, Dozent am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie an der Hochschule Luzern. (Bild: Sepp Odermatt, Stansstad, 26. November 2018)

Kirchenratspräsident Wolfgang Gaede (links) mit Albert Schnyder, Dozent am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie an der Hochschule Luzern. (Bild: Sepp Odermatt, Stansstad, 26. November 2018)

So könne es nicht weitergehen. Das dachte sich der Kirchenrat der evangelisch-reformierten Kirche Nidwalden. Zwischen Kirchenpflege, Kirchenrat und Pfarrkonvent sei es immer wieder zu Unklarheiten und Unstimmigkeiten gekommen. Das führte zu Reibungsverlusten und verzögerte Entscheide. «Unsere Kirche ist typisch reformatorisch strukturiert. Alle reden bei allem mit», sagt Kirchenratspräsident Wolfgang Gaede.

Bereits vor fünf Jahren habe man eine Veränderung der Strukturen vornehmen wollen, die aber scheiterte. «Wie heisst es so schön, der Prophet im eigenen Haus gilt nichts. Sobald wir vom Kirchenrat etwas ändern wollten, spürten wir eine ablehnende Haltung.» Nun versuche man einen anderen Weg zu gehen: mit einem externen Profi als Berater.

So wie in Nidwalden stehen viele reformierte Kirchgemeinden vor strukturellen Herausforderungen, unter Kostendruck und müssen effizienter arbeiten. Deshalb kann sich Albert Schnyder, Dozent am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie an der Hochschule Luzern, nicht über mangelnde Nachfrage beklagen. Er ist darauf spezialisiert, kirchliche Organisationen zu durchleuchten und zu beraten, so eben auch in Nidwalden.

Schwammige Grenzen bei Kompetenzaufteilung

Die Herausforderungen und Probleme in Nidwalden sind für Albert Schnyder exemplarisch für Kirchgemeinden. «Sie kämpfen mit Mitgliederschwund, dem Rückgang der Finanzen, der Säkularisierung der Gesellschaft. Viele merken, dass sie nicht einfach weiter machen können wie bisher. Sie müssen ihr Kerngeschäft überdenken und bei Strukturen und Verwaltung professioneller werden», sagt der 62-Jährige, der 19 Jahre lang für Caritas Schweiz gearbeitet hatte und in deren Geschäftsleitung vertreten war. Das fange schon beim Personal an. Wer qualifizierte Leute suche, müsse auf deren gestiegene Ansprüche eingehen. «Sie wollen einen ordentlichen Vertrag, ein Einführungsprogramm, ein Mitarbeitergespräch», sagt Schnyder. Gerade in kleineren Kirchgemeinden habe das Ressort Finanzen oder Personal vielleicht jemand neben seiner Arbeit auf dem Bauernhof oder im Ingenieurbüro geführt. Dies funktioniere heutzutage nicht mehr einfach so.

Auch seien die Kompetenzverteilungen zwischen Kirchgemeinde und Kantonalkirche oft unklar. Die Kirchgemeinde wähle beispielsweise den Pfarrer, die Kantonalkirche gebe lediglich eine Empfehlung ab. Gibt es dann aber Probleme mit einer Pfarrperson, soll sich die Kantonalkirche darum kümmern. «Das findet diese natürlich nicht gut. Sie hätte bereits bei der Einstellung mitreden wollen.»

Keine Entscheidungen über Köpfe hinweg

Wenn Albert Schnyder von Gemeinden angefragt wird, steht ihnen das Wasser bisweilen bis zum Hals. Etwa dann, wenn eine Kirchgemeinde auch nach langem Suchen nicht mehr genügend Ehrenamtliche findet, die nur schon zentrale Aufgaben wie Finanzen oder Personelles wahrnehmen. «Zumindest ist dann eine gewisse Einsicht vorhanden, dass es eine externe Sicht braucht.» Er hört sich die Probleme an, ohne sich darin zu verlieren. Sonst arbeite man problem- und nicht lösungsorientiert, sagt er. Doch die Leute aus der Kirchgemeinde müssten die Gewissheit haben, dass sie bei der Lösung mit einbezogen werden. «Sonst haben sie das Gefühl, dass Entscheidungen über ihren Kopf hinweg gemacht werden.»

Der ganze Durchleuchtungsprozess dauert in der Regel zwischen einem und zwei Jahren und kostet zwischen 20'000 und 40'000 Franken. «Je nachdem wie die Gemeinde aufgestellt ist und wie sehr eine Mehrheit wirklich etwas verändern will», sagt Schnyder. In Nidwalden steckt man mitten in diesem Prozess. «Früher hat man einen einfachen Vertrag gemacht und verwies auf das Obligationenrecht. Das funktioniert heutzutage nicht mehr», sagt Kirchenratspräsident Wolfgang Gaede.

Es brauche Regelungen betreffend der Pensionskasse und der Ferien in den Arbeitsverträgen. Das erfordere ein professionelles Personalmanagement. Auch bei den Finanzen seien die Regeln strenger geworden, sagt Gaede. Die Rechnung müsse nach dem Rechnungslegungsmodell für Gemeinden und Kantone aufbereitet werden. «Unsere Rechnung macht die Gemeinde Buochs. Da sind Profis am Werk. Dementsprechend sauber müssen wir unsere Zahlen liefern. Alles andere würden sie gar nicht akzeptieren.»

Reformatorischer Gedanke wird angesägt

Mit Hilfe von Albert Schnyder wolle man nun die Organisationsstruktur vereinfachen, damit Entscheide schneller gefällt werden können. Dass damit der reformatorische Gedanke des «Alle leiten die Kirche» getroffen wird, müsse man ausdiskutieren. «Wir werden sicher einen Mittelweg finden. Auch dafür ist Herr Schnyder da», sagt Gaede.

Hinweis: Der Artikel ist vom Online-Portal ref.ch übernommen worden, wo er in einer ausführlicheren Version am 6. März aufgeschaltet wurde.