Kolumne

«Ich meinti»: Wo der Schuh drückt

Franziska Ledergerber, Hausfrau und ausgebildete Lehrerin aus Hergiswil, über einen gebrochen Zehn und ihre Sorgen ums Nidwaldner Kantonsspital.

Franziska Ledergerber
Drucken
Teilen
Franziska Ledergerber. (Bild: Corinne Glanzmann)

Franziska Ledergerber. (Bild: Corinne Glanzmann)

Barfuss und mit einem Wäschekorb in den Händen übersah ich vor ein paar Wochen eine Weinkiste, die vor der Kellertür stand. Ungebremst lief ich dagegen. Ich hörte es knacken, autsch! Es war ein Sechserkarton Gantenbein. Danach stand meine kleine Zehe im neunzig Grad Winkel nach aussen. Ich richtete das lädierte Glied wieder gerade, fixierte es mit einem Pflaster an seine Nachbarin und suchte humpelnd die Permanence auf. Nach einer Stunde Wartezeit wurde die Zehe geröntgt, als gebrochen taxiert und fixiert – voilà!

Am stark frequentierten Bahnhof in Luzern musste ich extrem aufpassen, dass mir niemand auf die versehrte Zehe trat. Ich hätte sie am liebsten aufgehoben und in eine Tasche gesteckt, so wie das gelegentlich Hundebesitzerinnen von modisch kleinen Hunden zu tun pflegen.

Was hatte ich mir danach nicht alles anzuhören! «Aha, in eine Weinkiste, andere laufen in die Bettstatt!» Oder: «Wenn dein Mann für seine Weinkisten keinen Platz mehr findet, komme ich gerne mit leerem Kofferraum vorbei!» Andere gaben spontan ihre eigenen Zehenbruchgeschichten zum Besten. Eine Bekannte zählte die Brüche anhand ihrer Finger auf, wobei sie beide Hände dafür brauchte. Fast keiner sei mehr unversehrt. Ja, an Mitleidenden fehlte es mir nicht. Man wusste, wo der Schuh drückt.

Der drückt auch an einer anderen Stelle. In dieser Zeitung konnte man kürzlich lesen, dass unser Spital Stans vom heutigen Status einer öffentlich-rechtlichen Anstalt in eine gemeinnützige Aktiengesellschaft umgewandelt werden solle. «Muss das sein?», frage ich mich. Ist es Aufgabe eines Spitals, Gewinn zu erzielen? Mein Vater, er war Chefarzt am Kantonsspital Uri, ächzte schon früher unter Sparmassnahmen des Kantons, aber er war trotzdem stolz, dass «sein» Spital das kleinste Defizit aller Schweizer Kantonsspitäler aufwies. Mit der Umwandlung zu einer AG bewegt sich das Spital Stans weg von der Erfüllung öffentlicher Aufgaben und hin zu vermehrter Wettbewerbstätigkeit. Eine Kapitalgesellschaft ist wohl agiler und flexibler, doch gibt der Kanton damit nicht das Heft aus der Hand? Werden damit nicht tendenziell Leistungen angeboten, die primär rentieren müssen? Und wie steht es um den Lohnschutz des Personals? Natürlich geht es hier nicht um eine reine Privatisierung wie an anderen Orten.

Auf die Frage zur Spitalorganisation in Deutschland – im Unterschied zur Schweiz – antwortete Stefan Feuerstein, Chefarzt Gynäkologie und Geburtshilfe in den Spitälern Wil und Wattwil, in einem Interview: «Natürlich muss ein Spital auch wirtschaftlich geführt werden. Ärzte sollten aber Leistungen nicht verkaufen müssen und sich genug Zeit für Patienten und Patientinnen nehmen können.» Man solle hier nicht den gleichen Fehler machen, wie in Deutschland, wo viele Spitäler unter wirtschaftlichem Druck privatisiert wurden. Und das mit negativen Folgen. Lohndruck, Konzentration auf lukrative Angebote, Reduktion des Personals. Das alles erzeugt gestresste Ärzte und Ärztinnen und ein überarbeitetes Pflegepersonal, was sich wiederum auf die Qualität der Arbeitsleistungen auswirkt.

Meine Zehe ist inzwischen weitgehend geheilt und die Kiste Gantenbein um eine Flasche leichter. Quasi zur Genesungsfeier entkorkten wir einen Chardonnay: Der Wein zeigte Feuerstein in Nase und Mund, war lang im Abgang. Wenn das nicht ein versöhnliches Ende ist und zumin­dest dieser Schuh nicht mehr drückt!