Kolumne

«Ich meinti»: Zittern mit Beata

Christian Hug hofft auf einen persönlichen Entwicklungsschub und lässt dabei nichts unversucht.

Christian Hug
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Christian Hug.

Christian Hug.

Man sagt ja, dass Kinder Fieber kriegen, bevor sie einen Entwicklungsschub machen. Bei meinen Kindern war das jedenfalls sehr zuverlässig so, und ich habe dieses Phänomen auch schon öfters bei Erwachsenen beobachtet. Weil man sich ja idealerweise ein ganzes Leben lang weiterentwickelt. Deshalb war ich ein bisschen enttäuscht, als ich mir letzte Woche eine Erkältung eingefangen habe: Ich musste zwar gar schröcklich leiden, aber die ganze Qual war komplett frei von Fieber. Schön blöd, der Entwicklungsschub ist ausgeblieben.

Das konnte ich natürlich nur sehr schwer mit mir selber vereinbaren. Ich wollte unbedingt vorwärtskommen im Leben. Darum hielt ich Ausschau nach anderen Möglichkeiten – und stiess auf die Methode des neurogenen Zitterns. Genau: Die deutsche Stressbekämpfungstherapeutin Beata Korioth sagt nämlich, dass das Zittern am ganzen Leib den Stress abbaut, aber dass wir das Zittern eben verlernt haben, weshalb sich unsere Muskulatur zusehends verkrampft und wir in unserem ganzen Wesen knödelig und pampig werden. Wer also etwas erreichen will im Leben, darf sich nicht verkrampfen.

Neurogenes Zittern geht ganz einfach: Legen Sie sich auf den Rücken, winkeln Sie Ihre Beine an, legen Sie die Fusssohlen zusammen und die Knie auseinander, stemmen Sie Ihr Becken in die Höhe – und warten Sie, bis alles zittert. Entspannen Sie sich. Atmen Sie ruhig. Entspaaaaannnen. Eeeeinatmen. Aaaausatmen.

Ich hab’s ausprobiert. Bis ich von den Knien bis zur Brust geschloderet habe. Eingeatmet. Ausgeatmet. Unser Fünftklasslehrer hat uns damals demonstriert, dass Muskeln zittern, wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind. Der bedauernswerte Markus musste ein dickes Buch so lange mit ausgestrecktem Arm halten, bis ihm vor lauter Zittern das Buch aus der Hand fiel. Und ich lag nun in meiner Stube, drückte mein Becken in die Höhe und fühlte mich wie nach einer Stunde intensivem Krafttraining. Nach nur fünf Minuten.

Dann ging ich ins Bett. Am nächsten Morgen plagte mich der Muskelkater. Ich fühlte ich knödelig und pampig. Und alles war wie immer: Zigi, Kafi, Büro. Auch die Welt blieb dieselbe: Trump tweetete, Veganer veganten, und mein Nachbar hatte schon wieder die Güselsäcke viel zu früh rausgestellt.

Das liess nur zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder ich hatte beim neuronalen Zittern alles falsch gemacht. Oder ich bin in meiner persönlichen Entwicklung stehen geblieben. Letzteres beunruhigte mich. Sicherheitshalber trug ich die nächsten Tage nur ganz leichte Kleidung in der Hoffnung, ich würde mich noch mal erkälten, aber diesmal mit Fieber. War aber wieder nichts. Immerhin habe ich während dieser Tage öfters mal vor lauter Kälte gezittert.