ZUG/STANS: Ist der alte Glanz verblasst, kommt er ins Spiel

Mit Feinstarbeit geht Wendel Odermatt der Baugeschichte des Theater Casino auf den Grund: Als Restaurator ist der Fachmann Handwerker, Kunsthistoriker, Chemiker und auch ein bisschen Arzt zugleich.

Drucken
Teilen
Restaurator Wendel Odermatt zeigt uns hier einen kleinen (!) Teil seiner Arbeitsutensilien. Als Inhaber der Firma Stöckli AG in Stans ist er massgeblich an der Renovation des historischen Theaters Casino in Zug beteiligt.

Restaurator Wendel Odermatt zeigt uns hier einen kleinen (!) Teil seiner Arbeitsutensilien. Als Inhaber der Firma Stöckli AG in Stans ist er massgeblich an der Renovation des historischen Theaters Casino in Zug beteiligt.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

«Atelier für Konservierung, Restaurierung und Vergoldung». Das klingt irgendwie nach einem Kleinbetrieb. So beschreibt sich die Firma Stöckli AG in Stans. Betritt man aber dieses gegen aussen sehr diskret sich präsentierende «Atelier», so findet man sich in einem mehrgeschossigen Werkbetrieb wieder, der im ersten Augenblick mehrere Berufssparten zu beherbergen scheint. Eine Werkstatt gibt es hier, eine Art Fotostudio, eine Bibliothek, ein Farblager, ein Chemielabor, hier ein Schrank voll mit Arztbesteck, dort eine Sandstrahlkammer, ein ganzes Arsenal an Pinseln, regalweise Bundesordner ... Eine enorme Fülle an Arbeitsutensilien und -material, die auf ein aussergewöhnlich vielseitiges Arbeitsgebiet hinweisen.

Und so eines ist eben die Kunst des Konservierens und Restaurierens, worin die Stanser Firma Stöckli sich spezialisiert hat. Herr über dieses Handwerkerreich ist Wendel Odermatt, der das seit 1898 bestehende, von Xaver Stöckli gegründete Familienunternehmen heute führt. Die Firma beschäftigt zwölf Mitarbeiter. Ursprünglich gelernter Glasmaler, liess sich Wendel Odermatt bald nach der Lehre zum Restaurator umschulen. Als solcher ist der 58-Jährige mittlerweile seit 37 Jahren tätig und verfügt dementsprechend über ein enormes Fachwissen und einen ebenso umfangreichen Erfahrungsschatz, wie sich im Gespräch und auf einem Rundgang durch das Unternehmen zeigt.

Ein Puzzle wird zusammengesetzt

Wendel Odermatt holt einen Ordner hervor. Ein «Kochbuch», wie er es später scherzhaft nennen wird. Der Inhalt: eine umfassende Dokumentation und Untersuchungsberichte über das Theater Casino in Zug. Von der Maler- und Gipserfirma Bachmann aus Immensee, welche mit der Ausführung der entsprechenden Arbeiten am historischen Gebäude beauftragt worden ist, war Wendel Odermatt als Experte herangezogen worden. Der Auftrag an ihn und sein Unternehmen: das Gebäude bezüglich Farbgebung innen und aussen zu analysieren und bauhistorisch zu rekons­truieren, sodass hinsichtlich Farbkonzept der Fassade und der Innenräume der Originalzustand so gut wie möglich wiederhergestellt werden kann.

«Wir versuchen herauszufinden, was im Verlauf der Zeit an dem Gebäude alles gemacht worden ist», erklärt Odermatt. «Wir wollen seine Geschichte zurückverfolgen.» Hierbei ist altes Fotomaterial die wichtigste Quelle. Es ist ein Sammeln und Zusammentragen, ein Vergleichen und Auswerten, sodass sich die «Spreu vom Weizen trennen lässt» und das Puzzle zusammengesetzt werden kann, wie Odermatt ausführt.

«Einen besonders wichtigen Aufschluss geben die vorhandenen Farbschichten, die wir nach und nach aufdecken. Dadurch kriegen wir ein umfassendes Bild davon, wie das Gebäude ursprünglich ausgesehen hat.» Die ganze Fassade sowie Raum für Raum werden so von Odermatts Unternehmen genaustens unter die Lupe genommen und fein säuberlich dokumentiert. Da kommen dann unter anderem feine Arztskalpelle zum Einsatz, Spritzen und chemische Lösungen – mit zuweilen chirurgischer Feinarbeit macht sich der Experte am Gebäude zu schaffen.

Die gesammelten Erkenntnisse werden der ausführenden Firma Bachmann übergeben. «Wir legen ihnen damit ein Werkzeug, eine Art ‹Kochbuch›, in die Hand, mit dem sie die Arbeiten ausführen und je nachdem eigenständig noch verfeinern oder anpassen können.» Das Theater Casino hat es Wendel Odermatt vor allem bezüglich seines Äusseren angetan. «Sein Anblick ist toll, es ist schnell fassbar», sagt er. Etwas schwieriger sei das Innere. «Man hat es einst mit einer überraschend einfachen Malerei ausgestattet, welche aber einen starken optischen Effekt hatte. Dies wiederherzustellen, ist eine Herausforderung für sich.»

Eine riesige Palette an Fachwissen und Können

Im Laufe der Zeit hat Wendel Odermatt eine Vielzahl an Restaurierungs- und Konservierungsmethoden entwickelt, auf die er bei Bedarf und nach Möglichkeit zurückgreifen oder sie modifizieren kann. Die Ordnerbeschriftungen im Archiv verraten schnell, dass das Fachwissen der Firma Stöckli weitherum gefragt ist. Für Arbeiten in zahlreichen Kirchen, Schlössern, Palais und Privathäusern in der Deutschschweiz hat man das Stanser Unternehmen beauftragt. Derzeit ist neben dem Theater Casino Zug auch die Pfarrkirche Schwyz ein grosses laufendes Projekt. Am Lohri-Haus an der Neugasse 27 in Zug sowie am Kemberghof in Hünenberg war Wendel Odermatt mit seinem Unternehmen ebenfalls massgeblich an den Restaurierungsarbeiten beteiligt. Und als man wissen wollte, ob die skandalträchtige Übermalung der Wandbilder in der ehemaligen Kapelle des alten Kantonsspitals Zug gegebenenfalls rückgängig gemacht werden könne, war auch Odermatts Einschätzung gefragt.

Es ist wahrlich eindrucksvoll, was für eine ungeheure Fülle an Wissen und Fertigkeiten das Fachgebiet eines Restaurators und Konservators erfordert. Da ist natürlich einmal das handwerkliche Geschick, über das er verfügen muss. Dann braucht er fundierte Kenntnisse in Chemie und Physik. Und ebenso wichtig ist – an sich selbstredend – eine Sattelfestigkeit in Kunstgeschichte. Hierfür verfügt die Firma Stöckli AG über regalweise Fachliteratur.

Manchmal fallen Wendel Odermatt historische Objekte ins Auge, für die er «Liebe auf den ersten Blick» empfindet. Dann denkt er sich: «Das würde ich gerne restaurieren.» Ein Fall, in dem es sich bewahrheitet hat, war beispielsweise die Wallfahrtskirche im Riedertal bei Bürglen UR, eines seiner «Schätzeli», wie er es liebevoll bezeichnet. Auch andere Überraschungen bereichern Odermatts Berufsleben immer wieder. Etwa damals, als ihm im historischen Hotel Paxmontana oberhalb Sachseln beim Verschieben eines Schrankes eine alte Schachtel auf den Kopf fiel und darin detaillierte Pläne für Stuckplafonds zum Vorschein kamen, von denen kein Mensch mehr etwas gewusst hatte.

Arbeit gibt es immer

Über Arbeitsmangel kann Wendel Odermatt kaum klagen. Im klimatisierten Keller warten zahlreiche Gemälde und Skulpturen auf ihre Auffrischung. Im Arbeitsraum im Obergeschoss indes sind mehrere Monumentalgemälde mit Schweizer Landschaftsmotiven mitten im Restaurationsprozess. Auch grösseres Ungemach wie eine Naturkatastrophe kann ihm und seinem Unternehmen auf einen Schlag unerwartet viele Aufträge bescheren. So wie im August 2005, als das verheerende Hochwasser im Kanton Obwalden zahlreiche Kunstwerke beschädigte, welche im Keller des Klosters St. Andreas in Sarnen lagerten. Und schlussendlich ist es schlicht der Zahn der Zeit, der unentwegt nagt. Wo es genug historische Bausubstanz gibt, gibt es folglich auch genug Arbeit für Restauratoren wie Wendel Odermatt.

Hinweis

In unserer Serie «Menschen hinter den Geschichten» zum Jahreswechsel lassen wir Menschen zu Wort kommen, die Teil eines schlagzeilenträchtigen Ereignisses im Jahr 2016 waren, dabei jedoch eher im Hintergrund blieben.