Zwei Marienstatuen warten in Nidwalden auf das Ende der Coronakrise

Ein Alpnacher hatte die Idee, zwei Stanser setzten sie um. Ergebnis: zwei Madonna-Statuen fürs Tessin – und eine Art Quarantäne.

Adrian Venetz
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Markus Luthiger, Vergolder bei der Stöckli AG in Stans.

Markus Luthiger, Vergolder bei der Stöckli AG in Stans.

Bild: Adrian Venetz (Stans, 2. April 2020)

Chiesa San Carlo di Negrentino – so lautet der klingende Name der Kirche im Tessiner Bleniotal. In der Deutschschweiz kennt man den Sakralbau aus dem 11. Jahrhundert ganz einfach als Negrentino-Kirche. Jünger als die Kirche, aber nicht weniger eindrucksvoll, ist die knapp 50 Zentimeter hohe Madonna-Statue mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sie stammt vermutlich aus dem 16. Jahrhundert. Und seit kurzem gibt es diese Statue sogar in doppelter Ausführung. Doch sie stehen nicht im Tessin, sondern in Stans – sozusagen in Quarantäne wegen der Coronakrise. Wie kommt das?

Die romanische Kirche San Carlo di Negrentino im Bleniotal.

Die romanische Kirche San Carlo di Negrentino im Bleniotal.

Bild: swiss-image.ch/Jan Geerk

Der Alpnacher Hans Wallimann pflegt seit Jahren eine enge Verbindung zum Bleniotal. Und die Negrentino-Kirche liegt ihm besonders am Herzen. «Ich bin einfach fasziniert von diesem Ort, von dieser Kirche», erzählt der 64-Jährige. Mehrmals bereits hat er sich für verschiedene Renovations- und Restaurationsarbeiten engagiert und dem dortigen Kirchenverwalter Aurelio Dell’Oro unter die Arme gegriffen.

So erfuhr Hans Wallimann auch von der Madonna-Statue, die einst in dieser Kirche gestanden hatte, dann aber ins Museum im Bleniotal gebracht wurde. Schön wäre es, in der Negrentino-Kirche wieder eine Madonna-Statue zu haben, dachten sich Wallimann und Dell’Oro. Und so schritten die beiden zur Tat.

Das Museum stellte die alte Statue leih- und ausnahmsweise zur Verfügung, damit ein Duplikat angefertigt werden konnte. In Bildhauer Rochus Lussi und in Restaurator Wendel Odermatt, beide aus Stans, fand Hans Wallimann die «Idealbesetzung» für diese Aufgabe. Und so wurde der Auftrag, finanziert mit privaten Zuwendungen, an die beiden Nidwaldner vergeben. Rochus Lussi schnitzte die Madonna-Kopie, Wendel Odermatt und sein Team von der Stöckli AG in Stans gaben der Figur den professionellen Anstrich. Pünktlich zu Ostern hätten die beiden Statuen im Tessin sein sollen: die alte Madonna zurück ins Museum, die neue Madonna in die Negrentino-Kirche. Aber dann kam das Coronavirus. Eine beschauliche Fahrt ins Tessin, eine kleine Feier zu Ostern mit Einweihung der neuen Statue – aus diesen Plänen wird nun nichts.

Die Madonna-Statuen im Atelier der Stöckli AG Stans. Geschäftsführer Wendel Odermatt (links) und Vergolder Markus Luthiger begutachten die Figuren.

Die Madonna-Statuen im Atelier der Stöckli AG Stans. Geschäftsführer Wendel Odermatt (links) und Vergolder Markus Luthiger begutachten die Figuren.

. Bild: Adrian Venetz (Stans, 1. April 2020)

«Nun sind sie halt beim Restaurator Wendel Odermatt in Quarantäne», sagt Hans Wallimann lachend. Und tatsächlich, da stehen beiden Madonna-Figuren im Atelier: das Original, dem die Spuren der Zeit anzusehen sind und bei dem das Jesuskind seinen linken Arm verloren hat, und die neue Figur – liebevoll geschnitzt, wunderschön bemalt, vergoldet und ohne fehlende Gliedmasse. «Etwa 60 Stunden Arbeit haben wir in die Bemalung der rohen Holzfigur investiert», sagt Restaurator Wendel Odermatt. Schon öfters arbeitete Odermatt mit dem Stanser Bildhauer Rochus Lussi zusammen. «Er ist einer, der das alte Handwerk noch richtig versteht – ein richtiger ‹Crack› auf diesem Gebiet.»

Der Stanser Künstler und Bildhauer Rochus Lussi.

Der Stanser Künstler und Bildhauer Rochus Lussi.

Bild: PD

Für Rochus Lussi, der hauptsächlich als freier Künstler arbeitet, sind solche Aufträge nicht alltäglich. Etwa 200 Stunden hat er an der Statue gearbeitet. Ist es für einen Künstler nicht unselig langweilig, einfach eine «1-zu-1-Kopie» einer bestehenden Figur zu erstellen? Lussi lacht: «Das könnte man meinen. Aber ich habe sehr gern an diesem Auftrag gearbeitet.» Vor allem, weil er dabei sein Auge schulen kann. Mit einem alten Punktiergerät, das er von seinem Grossonkel geerbt hat, nahm Lussi Mass und übertrug insgesamt rund 100 Punkte vom Original auf den Block aus weichem Lindenholz. Anhand dieser wichtigen Orientierungspunkte entstand so nach und nach die Kopie. Auch die Original-Madonna ist aus Lindenholz geschnitzt. «Solche Arbeiten holen mich auf den Boden. Ich kehre damit ganz zum Grundhandwerk meiner Ausbildung zurück», erzählt Rochus Lussi.

Wie lange die beiden Madonna-Statuen nun in Stans in Quarantäne bleiben, ist offen. Hans Wallimann hofft, dass die neue Statue im Sommer im Rahmen einer kleinen Feier über den alten Saumweg in die Negrentino-Kirche gebracht werden kann.

Die alte Statue aus dem Tessiner Museum (links) und die neu erstellte Madonna im Atelier der Firma Stöckli in Stans.

Die alte Statue aus dem Tessiner Museum (links) und die neu erstellte Madonna im Atelier der Firma Stöckli in Stans.

Bild: Adrian Venetz (Stans, 1. April 2020)