NIDWALDEN/LUZERN: Hochschule fliegt jetzt ins Weltall

Ein kleines Team der Hochschule Luzern ist an einem Experiment auf der Raumstation ISS beteiligt. Wenn am 6. Januar die Rakete startet, ist man in Hergiswil live dabei.

Flurina Valsecchi
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HSLU-Projektleiterin Alexandra Deschwanden im Kontrollraum in Hergiswil, von wo aus die Weltraumexperimente überwacht werden. (Bild: pd / HSLU)

HSLU-Projektleiterin Alexandra Deschwanden im Kontrollraum in Hergiswil, von wo aus die Weltraumexperimente überwacht werden. (Bild: pd / HSLU)

«Wir sind schon etwas nervös», gesteht Alexandra Deschwanden im Gespräch mit unserer Zeitung. «In der Raumfahrt kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren.» Die Forscherin leitet das Biotesc-Team in Hergiswil, das auf der Internationalen Raumstation (ISS) im Auftrag der European Space Agency (ESA) für den Ablauf von Projekten von Forschungsgruppen aus aller Welt sorgt. Biotesc ist Teil des Kompetenzzentrums Aerospace Biomedical Science and Technology der Hochschule Luzern (HSLU).

Voraussichtlich kommenden Dienstag gilt es ernst für zwei wichtige Projekte des Biotesc-Teams. Um 12.20 Uhr (Schweizer Zeit) nämlich ist der Start einer Falcon-9-Rakete mit dem Transportmodul SpaceX CRS-5 vom amerikanischen Space Center Cape Canaveral in Florida, USA, aus. Rakete und Kapsel bringen mit einem zweitägigen Flug Fracht und verschiedene wissenschaftliche Experimente zur Raumstation ISS. Ursprünglich war der Start am 19. Dezember geplant gewesen, doch dieser musste wegen technischen Schwierigkeiten verschoben werden. Das gut 1,4 Milliarden Franken teure Columbus-Forschungslabor ist seit sechs Jahren Teil der ISS, hier werden die beiden Experimente durchgeführt, die in Hergiswil geplant wurden.

Immunzellen in Schwerelosigkeit

Für Laien ist es nicht einfach zu verstehen, wie die beiden Experimente genau funktionieren und welche Erkenntnisse man gewinnen möchte. Alexandra Deschwanden erklärt, dass einerseits Immunzellen von Muscheln und andererseits menschliche Immunzellen zur Raumstation hochgeschickt werden. Detailliert ausgewertet werden die Daten anschliessend von den Forschungsteams in Deutschland beziehungsweise in den USA. Die beiden Experimente dauern insgesamt acht Tage.

Vereinfacht gesagt will man mehr darüber erfahren, wie sich Schwerelosigkeit auf das Immunsystem auswirkt. So soll den Astronauten geholfen werden. Denn sobald sie sich in Schwerelosigkeit aufhalten, leidet ihr Immunsystem. Ihr Zustand sei beispielsweise zu vergleichen mit dem reduzierten Immunsystem von alten Menschen. Deschwanden sagt: «Wenn wir verstehen, welche Vorgänge bei den Zellen unter Schwerelosigkeit in Gang gesetzt werden, können wir verstehen, wie der Funktionsverlust des Immunsystems zu Stande kommt und wie dieser behandelt werden könnte.» Diese Erkenntnisse wiederum könnten auch den Menschen auf der Erde dienen.

Hergiswil hilft bei Schwierigkeiten

Auf den Start der Mission sei man gut vorbereitet, sagt Deschwanden. Ihr Team war zu Trainings mit den Astronauten extra nach Köln gereist. «Zudem haben wir einen detaillierten Ablaufplan für die italienische Astronautin Samantha Cristoforetti und den ISS-Commander Barry Wilmore erstellt.» Wenn sie auf der Raumstation ISS gut 400 Kilometer über der Erde schweben, müssen sie Schritt für Schritt die Experimente durchführen. Entscheidend ist dabei, dass sie dafür möglichst wenig der kostbaren Zeit im All verbrauchen.

Gut zehn Leute zählt Deschwandens Team. Sobald die Rakete ins All schiesst, wird auch der Kontrollraum an der Seestrasse in Hergiswil besetzt sein. Von dort aus können die Forscher die Arbeit an den Experimenten live mitverfolgen. «Sollte ein System ausfallen oder kommt es zu anderen Schwierigkeiten, werden wir die Astronauten unterstützen», erklärt Deschwanden.

Schnell mal ins Weltall telefonieren – so einfach geht es dann doch nicht. In Hergiswil hört und sieht man zwar alles, was in der Raumstation geschieht. Doch für die Antwort vom Planeten Erde aus gelten strenge Redeprotokolle. Nur eine Person im Kontrollzentrum in München spricht zu den Astronauten. Alle wichtigen Informationen müssen die Hergiswiler also zuerst nach Deutschland liefern.

Weitere Projekte folgen

Das Biotesc-Team kann auf viel Erfahrung in diesem Forschungsbereich zurückblicken. Seit dem Jahr 2000 ist es für die ESA im Einsatz. Das Kompetenzzentrum Aerospace Biomedical Science and Technology war anfangs noch an die ETH angeschlossen, seit 2013 ist es in die Hochschule Luzern integriert. Schon jetzt wird an der HSLU an weiteren, auch eigenen Projekten gearbeitet. Es gibt zum Beispiel ein Experiment mit Hefepilzen, das im Jahr 2018 zur ISS gebracht werden soll.

Auch Tests mit Jets in Emmen

Ein Experiment im All braucht oft jahrelange Vorbereitung. Unter Bedingungen der Schwerelosigkeit kann das Kompetenzzentrum aber auch auf der Erde experimentieren, und zwar ganz in der Nähe. Die F-5 Tiger, die auf dem Militärflugplatz in Emmen stationiert sind, können mit bestimmten Manövern 50 Sekunden lang Schwerelosigkeit herstellen. Mehrmals im Jahr führen die Jets vor den regulären fliegerischen Übungen solche Manöver durch – mit Experimenten der HSLU in den Munitionsboxen. «Wir können so wiederholt biomedizinische Forschung in realer Schwerelosigkeit durchführen», sagt Marcel Egli, Leiter des Kompetenzzentrums. «Eine solche Option hat in dieser Form weltweit keine andere Forschergruppe.»

Flurina Valsecchi

Ein solches Transportmodul, hier angedockt an der Internationalen Raumstation (ISS), bringt Material ins All. (Bild: pd / HSLU / Nasa)

Ein solches Transportmodul, hier angedockt an der Internationalen Raumstation (ISS), bringt Material ins All. (Bild: pd / HSLU / Nasa)