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OBWALDEN: «Lungerer sind stolz auf ihren Dialekt»

Erdig und herb sei der Lungerer Dialekt, findet Autorin Heidy Gasser. Die Sprache bedeutet für sie auch Identität und Sehnsucht.
Adrian Venetz
Heidy Gasser trägt Sorge zu ihrem Lungerer Dialekt – im Alltag wie auch bei ihrer Arbeit als Autorin. (Bild Adrian Venetz)

Heidy Gasser trägt Sorge zu ihrem Lungerer Dialekt – im Alltag wie auch bei ihrer Arbeit als Autorin. (Bild Adrian Venetz)

Adrian Venetz

Sie bezeichnet ihren Dialekt nicht als Muttersprache, sondern als Vater­sprache. Schriftstellerin Heidy Gasser (58) aus Lungern macht diese Unterscheidung aus gutem Grund: Ihre Mutter stammt nämlich aus der Steiermark. Ihr Vater dagegen war ein waschechter Lungerer mit einem lupenreinen Dialekt. Er starb völlig unerwartet – nach einer eigentlich harmlosen Blinddarmoperation, als Heidy Gasser 11 Jahre alt war. Der Lungerer Dialekt bedeutet deshalb für sie nicht nur Heimat, sondern er spiegelt in gewisser Weise auch die Sehnsucht nach dem früh verstorbenen Vater wider. «Er war ein grosser, starker Bauer. Ein Ur-Lungerer», erinnert sich Heidy Gasser. «Wenn er versucht hat, Hochdeutsch zu sprechen, war das wie ein Kabarett für unsere Feriengäste», erinnert sie sich schmunzelnd.

Dialekt zu schreiben, braucht Zeit

Wer Heidy Gasser beim Sprechen zuhört, lernt das sanfte Gesicht der Lungerer Mundart kennen. Vor allem wenn sie aus ihren eigenen Werken vorliest, kommt die unverkennbare, seltsam anmutende melodiöse Monotonie ihres Dialekts zum Ausdruck. «Wenn ich Geschichten aus Lungern erzähle, uralte Geschichten unserer Vorfahren das geht einfach nicht auf Hochdeutsch.» Vor allem in kürzeren Texten verwendet sie gern Dialekt. «Einen längeren Prosatext schreibe ich lieber auf Hochdeutsch.» Einfach auch deshalb, weil es «ringer» von der Hand gehe, weil das Schreiben in Dialektform viel mehr Zeit beanspruche.

Übersetzt, nicht angepasst

Während 20 Jahren hat Heidy Gasser im Kanton Zug gelebt und in einer Arztpraxis gearbeitet. Ihren Dialekt verloren hat sie während dieser Zeit nicht. «Auch wenn ich das Gesagte manchmal übersetzen musste, wenn mich jemand nicht gleich verstand.» Ohnehin habe sie auch während dieser Zeit stets einen engen Kontakt zu Obwalden behalten, vor allem zur hiesigen Kulturszene. «An den ‹13er› heute heisst es ‹Kunsttreff 13› – bin ich immer gegangen.» Mit dabei war damals auch der bekannte Mundartautor Julian Dillier (1922–2001). «Er hat mich immer wieder ermutigt, Literatur in Lungerer Dialekt zu schreiben», erinnert sich Heidy Gasser. «Dank ihm konnten wir auch Radiosendungen machen.»

Viel musikalischer als Hochdeutsch

Ganz spezielle Erinnerungen hat Heidy Gasser an einen dreimonatigen Aufenthalt in Siena. Sie traf dort einige sprach- und kulturinteressierte Menschen. «In einer Bar habe ich zum ersten Mal meine Dialektgedichte vorgetragen.» Ein prägendes Erlebnis: Die Italiener haben zwar kein Wort verstanden, waren aber hin und weg wegen der speziellen Sprachmelodie im Lungerer Dialekt. «Er ist viel musikalischer und atmosphärischer als das Hochdeutsche», findet Heidy Gasser. Gerade deshalb hört sie besonders gern den alten Lungerern beim Sprechen zu: Hier sei die Melodie, das «Singen», noch viel ausgeprägter als bei jüngeren Generationen.

Dennoch freut es sie immer wieder, wenn sie hört, dass junge Lungerer ihren Dialekt behalten und pflegen. «Die Jungen haben eine ganz schöne Sprache. Die Lungerer sind verwurzelte Menschen. Sie sind stolz auf ihren Dialekt.» Dies hänge sicher auch mit Lungerns geografischer Lage zusammen. In Sarnen beispielsweise mache sich die Vermischung von Dialekten natürlich viel stärker bemerkbar. «Das ist der Lauf der Zeit.» Für Heidy Gasser ist dennoch klar, dass ein Dialekt auch identitätsstiftend wirkt. In Lungern sei das besonders ausgeprägt. Das zeige sich auch daran, dass es viele Heimweh-Lungerer gebe. «Man gehört gern dazu.» Oder eben in ihrem Dialekt: «Mä gheert gäärä derzio.» Der Lungerer Dialekt sei weder weich noch hart. Als «herb und erdig», beschreibt ihn Heidy Gasser. Wie viele andere Lungerer benutzt auch Heidy Gasser beispielsweise regelmässig den Begriff «eister» (immer). Ein typisches Lungerer Wort ist das allerdings nicht. Auch etwa in Nidwalden und Uri kennt man dieses Wort nur wird es heutzutage viel seltener benutzt.

Hinweis

In unserer Sommerserie «Wie redsch dui?» treffen wir verschiedene Leute aus Ob- und Nidwalden, die den Dialekt ihrer Gemeinde mit Stolz und Freude pflegen.

Eine Besonderheit ist das «Singen»

Der ehemalige Kernser Pfarrer und Dialektkenner Karl Imfeld beschreibt den Lungerer Dialekt folgendermassen:

«Lungern hat als geschlossenes Hochtal eigene Sprachformen entwickelt und erhalten, die eine Verbindung zum Haslital und zum Wallis herstellen. Mit dem grössten Teil des Sarnertals sagt der Lungerer io und oi, statt uä und ai: Hiod und loiffä. Dasselbe gilt für en und eng statt än und äng: Endi, Engel. Im Sarnertal werden Heu und Streue zu Häi(w) und Sträiwi, in Lungern zu Heww und Strewwi. Es sind ursprüngliche mittelhochdeutsche Formen, die etwa im 10. Jahrhundert entstanden sind und bis heute überlebt haben. So finden wir in Lungern auch noch die mittelhochdeutsche vrouwe (Frau) als Froww.

Spezielle Grammatik

Am Verschwinden ist die Eigenform des Verbs in der 1. Person Plural: miär singi, miär ässi, miär gaa, was im unteren Tal miär singid, ässid, gaand heisst. Ebenfalls rar geworden ist das Partizip Perfekt mit auslautendem ‹s›: miär häi ggässis, miär häi gsunges, miär häi gliogts. Diese Form muss früher auch in Giswil beheimatet gewesen sein: Die Holzbrücke über die Aa heisst heute noch tecktes Brugg.
Eine typische Sonderheit ist die Sprechmelodie, das so genannte ‹Singen›, das nur noch selten, aber zur besonderen Freude auch von einigen jungen Leuten, die sie bewusst pflegen, zu hören ist.»

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