18-jährige Obwaldnerin erfindet «Helferli» für Trachten

Julia Küchler hat in ihrer Maturaarbeit einen praktischen Beitrag zur Weiterentwicklung der Obwaldner Sonntagstracht geleistet.

Marion Wannemacher
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Als Mädchen wäre sie lieber ins Ballett gegangen, aber sie durfte nicht. Aus Trotz ging Julia Küchler deshalb mit fünf Jahren in die Kinder- und Jugendtrachtengruppe Sarnen. «Die Tracht als Kleid habe ich immer schon wunderschön gefunden», schwärmt sie. Was also lag näher, als sich mit dem Thema Trachten in ihrer Maturaarbeit zu befassen?

Julia Küchler in ihrer Tracht.

Julia Küchler in ihrer Tracht.

Marion Wannemacher (Sarnen, 11. Dezember)

«Am liebsten wollte ich eine Obwaldner Sonntagstracht nähen. Doch das allein wäre nichts Neues und hätte nur einen geringen Eigenanteil an Kreativität gehabt», war sie sich bewusst. Schliesslich habe ihre Mutter sie auf das Thema «Helferli» gebracht. Wie bitte? «Ein ‹Helferlein› ist etwas an der Tracht, das den Alltag beim Tragen oder Pflegen erleichtert, sie aber noch immer wie eine Sonntagstracht aussehen lässt», erklärt die Maturandin.

Trachtenkommission wacht über das Erscheinungsbild

Wichtige Voraussetzung war für Julia Küchler die Frage, wie weit sie die Sonntagstracht weiterentwickeln darf, ohne gegen die Trachtenbeschreibung zu verstossen. Diese hat die Trachtenberatungskommission im Jahr 1995 herausgegeben. Die Sarnerin befasste sich im Prozess auch mit den geschichtlichen Hintergründen der Tracht und konsultierte dafür unter anderem die beiden Trachtenschneiderinnen Rosy Enz und Irene Bürgi.

Trachtenschneiderin Rosy Enz zupft die Tracht von Julia Küchler zurecht.

Trachtenschneiderin Rosy Enz zupft die Tracht von Julia Küchler zurecht.

Bild: Marion Wannemacher (Sarnen, 11. Dezember 2019)

Sie fand heraus, dass die Obwaldner Sonntagstracht 1928 von Julie Heierli neu entworfen wurde. «Zuvor wurde die ‹Alpenröslitracht› getragen, von der man damals dachte, dass es die echte Obwaldner Tracht sei», führt die Maturandin aus. In den Sechzigerjahren wurde die Rocklänge kürzer. Sie vermutet einen Zusammenhang mit dem Aufkommen des Minirocks. Ausserdem wurden Kämme und Löffel als Haarschmuck plötzlich nicht mehr getragen. Durch den Einsatz dreier Obwaldnerinnen etablierte sich der Haarschmuck dann aber doch wieder.

Julia Küchlers Arbeit findet auch in der Trachtenszene Beachtung. Zur Präsentation der Maturaarbeit Mitte Dezember erschien beispielsweise Regula Odermatt. Sie führt in Giswil seit 2007 im Auftrag der Obwaldner Trachtenvereinigung den Verkaufsladen Trachtägwand Obwalden. «Für uns ist es sehr schön, wenn sich junge Leute mit dem Thema Trachten befassen. Das zeigt, dass im Kanton das Interesse da ist, die Tradition zu erhalten», betont sie. Zur Frage der «Helferli» hält sie fest: «Zulässig ist alles, was das Erscheinungsbild der Trachten nicht verändert.»

Nach reiflicher Überlegung entschied sich Julia Küchler für vier Veränderungen an ihrer Tracht: Ein Druckknopf an der Rückseite der Bluse verhindert, dass das Tuch, das sogenannte «Mailänderli», nicht mehr mit einer Sicherheitsnadel befestigt werden muss und somit nicht mehr verrutscht. Zwei Rocktaschen statt einer vereinfachen die für Trachtenfrauen typische Haltung mit den Händen unter der Schürze: «Eine zweite Rocktasche verhindert, dass die Trachtenträgerin die linke Hand unbequem und starr auf den Rock halten muss», erläutert die Maturandin.

Bild: Marion Wannemacher (Sarnen, 11. Dezember 2019)

Als drittes Element ermöglicht ein eingezogener Gummizug, den man vor dem Waschen der Bluse lösen kann, das Bügeln der Ärmel. Gänzlich neu ist, dass das Band während des Waschens in der Bluse bleibt. Ihre Erfindung sind auch vier Druckknöpfe, vorn und hinten am Unterrock, die das Verrutschen des Unterrocks verhindern. Sie gewährleisten, dass der Unterrock nicht mehr unter dem Trachtenrock «hervorblinzelt».

Die «Helferli» bezeichnet Trachtenschneiderin Rosy Enz, die Julia Küchler als Coach zur Seite stand, als «wertvoll». «Ihre Arbeit ist ein Beitrag zur Obwaldner Tradition, sie trägt die Kultur weiter», freut sich die Giswilerin.

Schritt für Schritt in 89 Stunden

89 Stunden hat die Maturandin an ihrer Sonntagstracht genäht. Schritt für Schritt hat ihr Rosy Enz Anleitung und Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben. «Wir haben mit einfachen Sachen angefangen», erzählt die Schneiderin mit mehr als 35 Jahren Berufserfahrung. Herausforderungen waren für die Maturandin das Samtmieder, das beim Aufeinanderlegen des Flors schnell verrutscht oder das Annähen der Spitze am Ärmel von Hand, Kante an Kante. Rosy Enz betont:

«Voraussetzung beim Nähen einer Tracht ist das exakte Arbeiten.»

Julia Küchlers Coach, die Kantonsschullehrerin Fabienne Aytekin, zeigt sich sehr froh über die Unterstützung der Fachfrau. Sie selbst verstehe nichts vom Nähen. Vom Ergebnis, der Tracht und der Broschüre über die «Helferli» zeigt sich die Lehrerin begeistert. Im Hinblick auf die Sonntagstracht sagt sie: «Was dabei herausgekommen ist, ist wunderschön.» Und was sagt die Maturandin selbst dazu? «Die Freude ist riesig.»