200-JAHR-JUBILÄUM: Der lange Weg auf den Titlis

Trotz oder gerade wegen seiner mächtigen Fels- und Schneelandschaft zieht der Titlis die Menschen seit jeher magisch an. Diese Anziehungskraft war die Triebfeder für den Beginn des Tourismus am Berg und sorgte dabei immer wieder für Diskussionen zwischen den Ob- und Nidwaldnern.

Andrea Hurschler
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Die Luftseilbahn Gerschnialp-Trübsee um 1935. (Bild: Karl Meuser/Stiftsarchiv Engelberg)

Die Luftseilbahn Gerschnialp-Trübsee um 1935. (Bild: Karl Meuser/Stiftsarchiv Engelberg)

Andrea Hurschler

1744 wagten es erstmals vier wackere Bergsteiger, den 3239 Meter hohen Titlis zu besteigen. Über die Jahre hinweg mauserte sich der Gipfel schliesslich zu einem der Höhepunkte des aufkommenden Alpentourismus. Obwohl im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ein wahrer Bergbahn-Boom ausbrach, blieb der Titlis vorerst nur zu Fuss erreichbar. «Eine Bergbahn konnte grundsätzlich nur dann gewinnträchtig agieren, wenn sie per Eisenbahn oder Schiff mit einem der grösseren Zentren verbunden war», erzählt Mike Bacher, der sich tiefgründig mit der Erschliessung des Titlis auseinandersetzt. Erst mit der Eröffnung der Stansstad-Engelberg-Bahn 1898 änderte sich die Situation Engelbergs. Die moderne elektrische Bergbahn rief geradezu nach einer Fortsetzung.

Wahre Pioniere am Werk

Bei der geplanten Fortsetzung dieser elektrischen Bergbahn waren wahre Pioniere am Werk, welche uns heute noch staunen lassen. Initiativkomitees aus Engelberg und Meiringen planten eine Zahnradbahn Engelberg-Jochpass-Meiringen. Zudem war eine Zweigbahn von Trübsee bis auf den Titlis vorgesehen. «Das Projekt einer Bahn vom Trübsee auf den Titlis scheiterte allerdings bereits im Nidwaldner Landrat», weiss Mike Bacher. Die Baukommission und Landrat Hans von Matt (1869–1932) wiesen darauf hin, dass die geplante Schlittenseilbahn das «majestätisch leuchtende Gletscherhaupt des Titlis» zerschneiden würde. In Bezug auf die Zahnradbahn über den Jochpass erklärte sich Nidwalden dann bereit, ein solches Gesuch zu unterstützen, wenn das Trassee so gestaltet wird, dass es ihnen entgegenkomme. «Konkret wäre dies eine Streckenführung via Untertrübsee zur Erschliessung der Alpen Trübsee und Arni gewesen.» Die Baukommission und der Landrat Nidwaldens teilten dies entsprechend dem Bundesrat mit. «Engelberg stellte sich dagegen auf den Standpunkt, dass sowohl aus technischen Gründen, als auch aufgrund der Engelberger Interessen die Streckenführung über die Gerschnialp vorteilhafter sei. Obwalden unterstützte dabei die Engelberger Position.»

Trübseeerschliessung als Goldgrube

Dem Engelberger Komitee wurde zwar die Konzession erteilt, doch die Finanzierung konnte nicht gesichert werden, weshalb die Zahnradbahn über den Jochpass nur ein Traum blieb. Um wenigstens die Schneehänge auf der Gerschnialp zu erschliessen, wurde 1913 die Drahtseilbahn Engelberg-Gerschnialp eröffnet. Mit dieser Eröffnung war nach all den kühnen Projekten immerhin der erste Schritt getan. Bis allerdings der zweite Schritt folgen sollte, vergingen weitere 14 Jahre. Erst durch den föhnigen, schneearmen Winter 1925/26 wurde der Bau der Luftseilbahn von der Gerschnialp nach Trübsee in Angriff genommen. Diese 1927 eröffnete Bahn entpuppte sich schon bald als wahre Goldader. Die Engelberger bekamen Lust auf mehr und projektierten eine Fortsetzung vom Trübsee auf den Titlis. Die Ausführung scheiterte aber an der Wirtschaftskrise, welche zwar die prosperierenden Bergbahnen bis Trübsee nur wenig berührte, aber düstere Zukunftsaussichten befürchten liess.

Firmensitz in Nidwalden

In Sachen skitechnischer Erschliessung erfolgte inmitten des Zweiten Weltkriegs 1943 der Bau des Ski- und Sesselliftes auf den Jochpass. Zusammen mit dem 1938 errichteten Skilift Gerschnialp verhalf dieser Engelberg auch während der Kriegsjahre zu einem ausgezeichneten Ruf als Wintersportort. Das unerwartete «Wirtschaftswunder» in den 1950er-Jahren verhalf auch in Engelberg zu einer rasanten Zunahme der Skisportler. Die Titlis- wie die Brunniseite rüsteten mit Skiliften und Luftseilbahnen auf. «Mit dem Ausbau des Skigebiets am Titlis rückte nun auch dessen Gipfel wieder in den Fokus der Erschliessungspläne», erzählt Mike Bacher.

Allerdings gestaltete sich die Projektierung, auch wegen der komplizierten Grenzverhältnisse, nicht einfach. Im Fokus standen dabei die Überfahrtsrechte. Entsprechend wurde von Seiten Nidwaldens gewünscht, dass die Bahn weitgehend auf ihrem Boden gebaut werde. Auch der Firmensitz hatte in Nidwalden zu sein. «Dies war eine Bedingung für die Erteilung der Überfahrtsrechte», sagt Bacher, «dies ist auch der Grund, weshalb die Titlisbahnen heute ihren Sitz in Wolfenschiessen haben.» Nachdem sich alle Seiten geeinigt hatten, wurde 1963 offiziell mit dem Bau begonnen. 1967 wurde die seilbahntechnische Erschliessung des Titlis mit der Eröffnung der Sektion Stand-Kleintitlis schliesslich vollendet.

Die Luftseilbahn Gerschnialp-Trübsee um 1935. (Bild: Karl Meuser/Stiftsarchiv Engelberg)

Die Luftseilbahn Gerschnialp-Trübsee um 1935. (Bild: Karl Meuser/Stiftsarchiv Engelberg)