200-JAHR-JUBILÄUM: Engelberg selbst hat profitiert

Was wäre, wenn Engelberg 1815 bei Nidwalden geblieben wäre? Diese Frage zu beant­worten, ist nicht ganz einfach. Mike Bacher und Michael Blatter versuchen es aus zwei verschiedenen Perspektiven und mit zwei verschiedenen Schlüssen.

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Einer der beiden Engelberger Historiker: Mike Bacher (links). (Bild: pd)

Einer der beiden Engelberger Historiker: Mike Bacher (links). (Bild: pd)

Engelberg in Nidwalden? Mike Bacher, Jurist und Historiker, versucht die Frage aus der Sicht von Engelberg und anhand der gegebenen Rahmenbedingungen zu beantworten. «Der aktuelle Zustand ist das Produkt einer zweihundertjährigen Entwicklung. Deshalb untersuche ich, ob diese Entwicklung an sich anders verlaufen wäre», sagt der Engelberger. Bei seiner Untersuchung fiel ihm sofort auf, dass die einzelnen Gemeinden in Obwalden in der geschichtlichen Entwicklung eine wesentlich grössere Eigenständigkeit besitzen als in Nidwalden. Gerade diese Gemeindeautonomie war ein wesentlicher Streitpunkt während der Zugehörigkeit Engelbergs zu Nidwalden (1803–1814/15). Engelberg wollte seine speziellen Rechtsgewohnheiten und Traditionen behalten und möglichst unabhängig bleiben. Nidwalden beharrte demgegenüber darauf, dass sich Engelberg wie die anderen elf Gemeinden dem Landesrecht anzupassen habe.

«Dabei war meiner Ansicht nach auf beiden Seiten nicht zwingend Böswilligkeit oder Missgunst im Spiel, sondern es prallten zwei verschiedene Staatsauffassungen aufeinander.» So erstaunt es denn nicht, dass die Engelberger Gewohnheiten und Rechte die Schlüsselfrage beim Beitritt zu Obwalden waren. Da der Kanton intern bereits föderal organisiert war, fielen diese Sonderrechte, etwa in Sachen Alprecht oder Gültenrecht (Hypothekarrecht) nicht ins Gewicht.

Obwalden begünstigt Aufstieg

Auf die Frage, ob dieser unterschiedliche Staatsaufbau einen direkten Einfluss auf die Entwicklung Engelbergs hatte, folgt von Mike Bacher ein klares Ja. «Dank der rechtlich weitgehenden Eigenständigkeit konnte sich der Tourismus in Engelberg ab 1850 fast ungehindert entwickeln.» Das bereits erwähnte Gültenrecht darf laut Bacher ebenfalls nicht unterschätzt werden. Dieses Recht erlaubte es, Liegenschaften in Engelberg höher zu belehnen als im alten Kantonsteil oder im Grossteil der Schweiz. Dies dürfte ein Grund für das sprunghafte Hotelwachstum zwischen 1865 und 1905 sein. «Man konnte fast ohne Eigenkapital ganze Hotelbauten errichten. Dies erklärt auch, warum es möglich war, aus einem bis anhin armen Tal innert weniger Jahrzehnte einen Kurort mit erstklassiger Infrastruktur aufzubauen.»

Gerade der Sonderstatus Engelbergs innerhalb von Obwalden habe den raschen Aufstieg zum weltbekannten Kurort ermöglicht, folgert Bacher. «Als Fazit lässt sich nach 200 Jahren feststellen, dass sich Engelberg bei Obwalden anders entwickelt hat, als dies unter Nidwalden der Fall gewesen wäre.»

Keinen Einfluss auf Wirtschaftskraft

Michael Blatter betrachtete für einen Artikel im Nidwaldner Kalender 2015 die Frage aus dem statistischen Blickwinkel und aus der Sicht der beiden Kantone Ob- und Nidwalden. Der Historiker und gebürtige Engelberger nahm für seine Analyse harte Fakten und Zahlen. Er verglich zum Beispiel die Einwohnerzahlen mit Engelberg bei Obwalden, respektive Engelberg bei Nidwalden. Wäre Engelberg zum Beispiel 2012 die zwölfte Nidwaldner Gemeinde gewesen, gäbe es 45 573 Nidwaldnerinnen und Nidwaldner und dafür nur noch 32 126 Obwaldner. Doch auch mit den Engelbergern bliebe Nidwalden ein kleiner Kanton, es würde keinen zweiten Nationalratssitz erhalten.

Aufschlussreich ist in seinen Augen insbesondere ein Vergleich der Wirtschaftskraft: «Mit rund 58 000 Franken ist das Bruttoinlandprodukt pro Einwohner fast genau gleich hoch. Beide stehen etwas schlechter da als die Kantone Baselland oder Aargau, aber immer noch besser als die Kantone Uri oder Wallis. Den langfristigen Beitrag des Tourismus zur Wirtschaftskraft beurteilt Blatter kritisch. «Die Branche ist krisenanfällig und erfordert gleichzeitig hohe Investitionen.» Gerade die Besorgnis erregend hohe Verschuldung der Hotellerie in Engelberg am Vorabend des Ersten Weltkrieges zeigten dies augenfällig.

Blatter kommt zum Schluss: «Ich bin skeptisch, ob in der langfristigen Perspektive die Wirtschaftskraft der beiden Kantone mit oder ohne Engelberg, wegen Engelberg, wesentlich anders wäre.» Er kann weder in der wirtschaftlichen, der sozialen oder der politischen Geschichte der beiden Kantone etwas finden, das sich durch Engelberg zwingend anders entwickelt hätte, auch und gerade in der Politik. «Die entscheidenden und grossen politischen Fragen werden seit 1848 auf der nationalen Ebene, aber nicht auf Kantonsebene entschieden.»

Geografie verbindet

Und doch lässt sich ein Einfluss Engelbergs auf den Umgang der beiden Kantone untereinander nicht absprechen. «Engelberg beeinflusst die Beziehung zwischen den beiden Nachbarn Nid- und Obwalden», so Blatter. Durch die geografische Nähe Engelbergs zu Nidwalden und der politischen Angehörigkeit zu Obwalden müssten die beiden Kantone bei zahlreichen Fragen eng zusammenarbeiten.

Beispiele sind die Nutzung des Nidwaldner Kantonsspitals seitens der ­Engelberger, der Hochwasserschutz der Engelberger Aa oder die Zusammenarbeit bei der Strassen- und Bahn­verbindung von und nach Engelberg. «Viele Fragen lassen sich wegen der geografischen Lage Engelbergs gar nicht anders als gemeinsam lösen.»

Andrea Hurschler

200 Jahre: Alle Beiträge dieser Serie finden Sie unter www.obwaldnerzeitung.ch/engelberg Alle Informationen zum Jubiläum gibt es unter www.engelbergbeiobwalden.ch

Die beiden Engelberger Historiker: Michael Blatter.

Die beiden Engelberger Historiker: Michael Blatter.