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200-JAHR-JUBILÄUM: Frau löst politischen Wirbel aus

Die Jahre zwischen 1798 und 1815 waren turbulent. Napoleon hielt Einzug in die Eidgenossenschaft, und der einstige Klosterstaat Engelberg spaltete sich von Nidwalden ab, um 1815 zu Obwalden zu wechseln. In dieser Zeit – in der Frauen nichts zu sagen hatten – war die Stanserin Veronika Gut dennoch mittendrin und politisch aktiv.
Andrea Hurschler
Das Urteil von Veronika Gut. (Bild Staatsarchiv Nidwalden/Nadia Christen)

Das Urteil von Veronika Gut. (Bild Staatsarchiv Nidwalden/Nadia Christen)

Als 1798 die Helvetische Republik ausgerufen wurde, entstanden in Nidwalden zwei gegensätzliche politische Strömungen: Während die einen der Helvetik positiv gesinnt waren, gab es die anderen, die reformkritischen und konservativen Vaterländer. In dieser vaterländischen Bewegung war nicht etwa ein Mann eine der wichtigsten Personen, sondern die verwitwete, siebenfache Mutter und Bauernfrau Veronika Gut. «Sie fürchtete sich vor der von Frankreich diktierten neuen Ordnung», sagt Nadia Christen, Archivarin im Staatsarchiv Nidwalden. Christen hat sich im Rahmen einer Seminararbeit ausführlich mit der Person Veronika Gut befasst. «Viel mehr als der Verlust der politischen Selbstbestimmung widerstrebte Veronika Gut aber die Loslösung der Kirche vom Staat.» Da Gut als Frau der Zutritt zu den Landsgemeinden verwehrt blieb, musste sie sich einen anderen Informationskanal suchen. Sie fand diesen an einem Ort, der ihr auch als Frau nicht vorenthalten werden durfte: in der Kirche. Nicht selten nutzen die Geistlichen den weitverbreiteten Analphabetismus aus und interpretierten den Inhalt des Verfassungstextes frei und missbrauchten die Kirche, um erfolgreich Propaganda zu machen. In den Verhörakten von 1799 sind einige der Ängste Guts gegenüber der neuen Ordnung zu vernehmen. Eine Frau sagte beispielsweise aus, Veronika Gut habe erzählt, dass neue ketzerische Messbücher gedruckt würden und man die alten deshalb werde abgeben müssen. Zudem hätte sie gesagt, dass Geistliche und Klosterfrauen bald heiraten dürften.

«Ruhestörende Lügnerin»

Als sich der Einmarsch der Franzosen 1798 ankündete, wurde die Bevölkerung aufgefordert, dem Kriegsrat Geld zu leihen. Veronika Gut spendete 600 Gulden, wie den Prozessakten im Staatsarchiv Nidwalden zu entnehmen ist. «Das entsprach ungefähr zwei Jahreslöhnen eines Handwerkers», sagt Nadia Christen. Zudem schickte sie – um ihren Glauben an einen Sieg Nidwaldens zu untermauern – ihren 17-jährigen Sohn Leonz in die Schlacht. Dieser starb auf dem Schlachtfeld. Veronika Gut verlor beim «Franzosenüberfall» neben ihrem Sohn auch ihr Wohnhaus und mehrere Scheunen. Nach dem Überfall wurden widerständige Rebellen wie Veronika Gut verhaftet und vor Gericht gestellt. Ihr Urteil: Sie musste sonntags eine Viertelstunde mit einem Zettel mit der Aufschrift «Ruhestörende Lügnerin» vor der Kirche stehen. Und in dieser Zeit eine besondere Demütigung: Statt wie ehrbare Frauen eine weisse Haube zu tragen, musste sie ein Jahr lang eine schwarze Haube tragen. Diese als Erniedrigung gedachte Strafe verwandelte Veronika Gut jedoch in eine Auszeichnung. Sie trug die schwarze Haube mit derartigem Stolz, dass schon bald die Weisung kam, sie solle die Haube nicht mehr tragen. Zu sehr hätte sie damit die Regierung provoziert.

Doch wie konnte Veronika Gut mit ihrem rebellischen Verhalten überhaupt bestehen? «Sie wurde von der Nidwaldner Bevölkerung hoch geschätzt», sagt Nadia Christen. «Das traumatisierte Nidwalden reagierte nämlich mit Trotz auf die französischen Eindringlinge. In diesem Klima konnte sich Gut den Massregelungen entziehen.»

Verbittert bis ans Lebensende

Aber nicht nur das, es gelang ihr auch, ihre vaterländisch gesinnte Partei zu etablieren. Abends hielt sie in ihrem neuen Haus in der Nägeligasse in Stans heimliche Sitzungen ab. Über diesen Weg konnte sie entscheidend Einfluss nehmen auf politische Entscheidungen, obwohl es ihr als Frau sonst nicht möglich gewesen wäre, in politische Positionen zu gelangen oder an offiziellen Veranstaltungen Wort zu führen. Natürlich waren aber nicht alle Nidwaldner auf der Seite Veronika Guts. Wahrscheinlich ist denn auch ein politischer Gegner schuld daran, dass sie bis an ihr Lebensende eine verbitterte Frau war: In der Nacht auf den 11. September 1801 erschreckte sie nämlich jemand mit dem Ruf, französische Truppen seien mordend im Anmarsch. Obwohl dem nicht so war, verliess Veronika Gut mit ihren Kindern sofort das Haus und floh in Richtung Wolfenschiessen. Bei der Überquerung der Engelberger Aa brach der Steg. Guts vier Töchter Agatha, Franziska, Josefa und Anna ertranken. Dieses Unglück, der Verlust von Sohn und Haus beim «Franzosenüberfall» und die zunehmende Liberalisierung des Umfeldes brachen Guts Widerstand zwar nicht, doch die Verbitterung machte auch vor einer starken Frau wie ihr keinen Halt und begleitete sie bis zu ihrem Tod 1829.

Andrea Hurschler

200 Jahre: Alle Beiträge dieser Serie finden Sie unter www.obwaldnerzeitung.ch/engelberg Alle Informationen zum Jubiläum gibt es unter www.engelbergbeiobwalden.ch

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