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Kolumne

Abbilder

Kolumnist Otto Leuenberger schreibt in seinem neusten «Ich meinti» über das frühe Gefühl von Hochsommer und Ferien.
Otto Leuenberger
Otto Leuenberger.

Otto Leuenberger.

Ferienmodus. Ich kann mich nicht erinnern, so früh das Gefühl von Hochsommer und Ferien gehabt zu haben wie dieses Jahr. Vielleicht auch der Vorteil eines «Jungpensionärs». Ein langes Wochenende als Tourist in Lindau am Bodensee passt da so richtig. Flanieren, Schaufenster und Auslagen mustern, schlendern, in Strassencafes sitzen, Touristen und Eingeborene begutachten und mit guten Freunden sich unter Sonnenschirmen wohlig unterhalten. Der Nase lang, spontan sich treiben lassen. Einfach toll.

Auch ein Wochenmarkt ist immer ein Anziehungsort und ein kleines Paradies. Anbietende aus der Region legen mit Stolz ihre Schätze aus: Käse, Wurst, Früchte, Gemüse und viel Handwerkliches. Wunderbar. So gegen Mittag spüre ich dann erste Müdigkeit und die Füsse sollen nicht mehr weit tragen. Eine Ankündigung lockt in die evangelischen St. Stephan-Kirche, gleich neben dem Markt. Ein Orgelkonzert mitten am Tag und eine Skulpturenausstellung – warum nicht. Drinnen ein schlichter, lichtdurchfluteter Kirchenraum. Typisch evangelisch halt, doch auch sehr lebensfroh und weltoffen.

Das Konzert ist zwar schon vorbei, aber dennoch finden sich recht viele Ausstellungsbesucher. Das Kirchenschiff bevölkern 30 menschengrosse Plastiken, verteilt an Wänden, im ganzen Raum stehend oder sitzend. Es sind Abbilder von wirklichen, lebensecht wirkenden Menschenfiguren, die die Künstlerin Brigit Feil Figuren aus Kunststoff oder Beton geschaffen hat. Irgendwie faszinierend. Ich setze mich und betrachte mitten in der Kirche eine Skulpturengruppe, ein Kind, ein älterer Mann und eine Frau, die sich im Spiegel betrachtet.

Da fällt mir ein sportlicher, mittelalterlicher, gepflegter Besucher auf. Sein T-Shirt beweist mir, dass er auf dem Jungfraujoch war. Mit dem Handy als Fotoapparat mäandert er und «klickt» wie besessen. Er scheint wie in einer Blase und dabei das Rundherum nicht zu bemerken. Nun ist die Frau mit dem Spiegel dran. Der Mann fotografiert die Skultpur, die sich spiegelt, und wäre beinahe von mir wie doppelt gespiegelt worden. Ich kann gerade noch verkneifen, meinerseits das Handy zu zücken. Was für ein Bild! Seltsam und sinnbildlich.

Jetzt erst bemerke ich, dass auch viele andere ausschliesslich Kameras und vor allem Handys vor sich her tragen – und fotografieren, fotografieren, fotografieren. Wie im Rausch, bis die Speicherkarte qualmt! Alles festhalten, für die Nachwelt, für die Ewigkeit oder was? Nun ja, man könnte ja was verpassen.

Mir kommen die Dia-Abende früherer Zeiten in den Sinn, die nach den Ferien drohten. Erinnern Sie sich? Die 36er-Filme damals. Die Sujets mussten mit Bedacht ausgewählt werden, dann das lange Verfahren, bis die entwickelten Fotos endlich verfügbar waren. Heute wandert alles augenblicklich in die Cloud, jene über uns allen schwebende Wolke mit Myriaden von Fotos. Ich stelle mir eine lastenschwere Wolke vor, die drohend schwarz wird und ein unheilvolles Gewitter ankündet. Wer guckt sich diese tollen, leuchtenden Abbilder noch an? Erinnere ich mich noch an die Bilder von vor einem Monat? Und was zeigen sie eigentlich?

Diese Szene an diesem meditativen Ort weist mich auf Unsichtbares hin, weit über das blosse Abbilden hinaus. Starke Bilder, die haften bleiben, entstehen aus magischen Momenten, aus Stimmung, Ruhe, Raum für Gedanken, dem Dazwischen, bei Begegnungen. Weniger kann mehr sein. Ich nehme mir vor, meinen Klick-Finger zu zügeln und mein Handy vermehrt im Hosensack ruhen zu lassen.

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