ALPNACH: 200 Jahre älter als geschätzt

Das so genannte Durrerhaus an der Hinterdorfstrasse wurde in den letzten Monaten aussen und innen renoviert. Und es gab eine Überraschung frei.

Otto Camenzind
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Blick vom 3. in den 2. und 1. Stock des Hauses. Links ein Teil der Blockwandung. (Bild: PD)

Blick vom 3. in den 2. und 1. Stock des Hauses. Links ein Teil der Blockwandung. (Bild: PD)

Man ahnte immer, dass dieses Haus mit seinem Kern wohl auf ein Alter von rund dreihundert Jahren zurückblicken kann. Verschiedene Um- und Ausbauten im Lauf seiner Geschichte haben sein ursprüngliches Gesicht allerdings so verändert, dass eine Aufnahme in die Liste der Kulturdenkmäler nie zur Diskussion stand. Umso mehr ist der heutigen Hausbesitzerin Elisabeth Durrer hoch anzurechnen, dass sie den Altbau mit aller Sorgfalt renovieren wollte, um vom alten Bestand so viel wie möglich zu erhalten.

Um dieses Ziel zu erreichen, engagierte sie für Planung und Bauführung die Imhof Architekten AG, Sarnen, die sich auf die Renovation von Altbauten spezialisiert hat. In der Auseinandersetzung zwischen den Ansprüchen modernen Wohnens und den Rücksichten auf den alten Bestand haben Bauherrin und Architekt viele gute und auch überraschende Lösungen für das Innere des Hauses gefunden. An einigen Stellen im 3. Geschoss, das zu einem unbekannten Zeitpunkt durch eine Anhebung des Dachstuhles vergrössert worden ist, war es möglich, die alte Balkenwandung wieder zu zeigen.

Bauernhausforscher zweifelte

Das war im Wohnbereich weniger angezeigt. Die auffallendste Umgestaltung wurde im Hinterhaus vorgenommen, also in jenem Bereich, wo in den alten Obwaldner Häusern die Küche und die bis unter das Dach offene Rauchkammer lag. Dieses Hinterhaus wurde nun wieder, in Anlehnung an den Altbau, teilweise bis ins 3. Geschoss offen gelassen und gibt dem Hausinneren eine überraschende Weite und Helligkeit. Dieser gewonnene Raum kann zudem als Stiegenhaus genutzt werden. In den Ausmassen der ehemaligen, jetzt abgerissenen Schreinerei wurde neu eine Wohnung eingebaut. Mit den Malerarbeiten wurde der bekannte Bauernhausforscher Walter Zünd aus Giswil beauftragt. Seine Erfahrung liess ihn, als die Wände im Innern vom Getäfer befreit waren, zweifeln am Alter von geschätzten dreihundert Jahren.

Fichten von 1528/29

Auf seinen Vorschlag, eine dendrochronologische Untersuchung zu machen, ging die Bauherrin erfreulicherweise ein. Das Dendrolabor Heinz und Kristina Egger in Worb hat aufgrund dieser Jahrringmethode herausgefunden, dass die Fichten für den Bau des Hauses im Herbst/Winter 1528/29 gefällt worden sind. Damit hat das Durrerhaus nun sein wirkliches Alter preisgegeben. Dieses ist lokalgeschichtlich bemerkenswert. Das Haus ist somit nur rund drei Jahrzehnte nach dem Vierwaldstätterhof (1500) entstanden, also in der gleichen Zeit wie das Schönenbühlhaus an der Spittelgasse 7/9, und auch noch vor dem Schönenbühlhaus an der alten Landstrasse, das mit der Jahrzahl 1586 datiert ist. Damit wird einmal mehr die Bedeutung der alten Landstrasse als die wichtigste Verkehrsader des spätmittelalterlichen Dorfes unterstrichen, angefangen bei der kleinen Schliere mit dem alten Käsereihaus, mit der alten Kirche, dem Beinhaus und der Helferei, mit der Kirchmatte und dem Vierwaldstätterhof, mit dem Landammannhaus und der gegenüberliegenden Badstube und nun neu mit dem Durrerhaus und der abschliessenden Mühle.

Dass die beiden früheren Dirnachenhäuser und die Häuser Hinterdorf­strasse 3 und Hinterdorfstrasse 8 ebenfalls zu diesem alten Ensemble gezählt werden dürfen, würde eine dendrochronologische Untersuchung bei diesen Häusern bestätigen. Das Durrerhaus steht nun wieder mit seinem dezenten Rot und dem angepassten Grün der Läden als Schmuckstück im Hinterdorf. Es ist ein gelungenes Beispiel für den Erhalt von altem Kulturgut, das mit der notwendigen Ehrfurcht renoviert und für die späteren Generationen gerettet worden ist.

Durch Armenverwalter verkauft

Für jene Alpnacher, die sich für die alten Geschlechter interessieren, kann noch hinzugefügt werden, dass in diesem Durrerhaus die letzten Vertreter der Quardi-Linie des Wallimann-Geschlechtes gewohnt haben. Josef Wallimann, verarmt und gevogtet, musste dieses Haus im Jahre 1880 durch den Armenverwalter verkaufen lassen. Gekauft wurde das Haus von Franz Josef Durrer-Spichtig, dem Grossvater von Architekt Arnold Durrer, zum Preis von 3800 Franken. Ein Sohn dieses Josef Wallimann ist jener Quardi Willi, der im Nachbarhaus, in der Mühle, sein Brot als Knochenstampfer verdiente und der älteren Generation noch als Totengräber der Dreissiger- und Vierzigerjahre in Erinnerung sein dürfte.

Der Autor dieses Beitrags, Otto Camenzind, ist Lokalhistoriker in Alpnach. Von 1962 bis 1997 war er Reallehrer. 2007 erhielt er von der Korporation Alpnach das Ehrenbürgerrecht. 2009 schenkte Otto Camenzind (81) seine umfangreiche Sammlung an Dokumenten und Aufzeichnungen zu Geschichte und Kultur Alpnachs der Gemeinde.