ALPNACH: Erste Afrikanerin unterwegs zur Müllerin

Mierry Yohannes ist in der Endphase der Abschlussprüfung als Müllerin. Dabei hatte sie vor sechs Jahren noch kein Wort Deutsch gesprochen. Sie sei «geradezu schweizerisch pünktlich», sagt ihr Lehrmeister.

Robert Hess
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Mierry Yohannes aus Eritrea lernt in der Pfisternmühle den Beruf einer Lebensmittel-Müllerin. (Bild: Robert Hess (Alpnach, 18. Mai 2017))

Mierry Yohannes aus Eritrea lernt in der Pfisternmühle den Beruf einer Lebensmittel-Müllerin. (Bild: Robert Hess (Alpnach, 18. Mai 2017))

Robert Hess

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Nach einem Praktikum 2013/14 und einer dreijährigen Lehrzeit stellt sich die 22-jährige Mierry Yohannes aus Eritrea derzeit als Müllerin – Lebensmittel den Experten zur Lehrabschlussprüfung. Am 22. Mai stand sie zwei Prüfungsexperten der Swissmill Zürich gegenüber. Angesagt war in der Pfisternmühle der Wallimann AG in Alpnach «ganztägige praktische Prüfung im Lehrbetrieb». Einige Tage später meldete Geschäftsführer Franz Suter unserer Zeitung «Start geglückt». Er ist optimistisch, dass Mierry auch an den Prüfungen in der Schulmühle Uzwil und in der Berufsschule Flawil gute Leistungen zeigt. «Sie konnte im 3. Lehrjahr bereits alle Arbeiten von der Annahme des Getreides bis zur Mehlabfüllung selbstständig verrichten.» Mierry sei die erste Frau aus Afrika, die in der Schweiz den Müller-Beruf erlernt.

Mutter mit fünf Kindern geflüchtet

So leicht, wie die Geschichte daherkommt, war ihr Weg ganz und gar nicht. Sie ist mit zwei jüngeren Schwestern und einem jüngeren Bruder aus Eritreas Hauptstadt Asmara geflüchtet und kam 2011 auf Umwegen in die Schweiz. Nach und nach wurde die insgesamt sechsköpfige Familie dank grossen Anstrengungen der Mutter zusammengeführt. Sie durften in Kerns wohnen, die Kinder konnten dort die Schule besuchen. In Eritrea hatten sie etwas Englisch gelernt, in der Schweiz war vorerst das Wichtigste, Deutsch zu lernen.

«Für mich war klar: Ohne genügende Kenntnisse in Deutsch hatte ich keine Chance auf eine Ausbildung, doch ich wollte unbedingt eine Berufslehre im Lebensmittelbereich machen», erzählt Mierry. Während des 10. Schuljahres in Stans entdeckte sie, dass in der Pfisternmühle Alpnach eine Müller-Lehrstelle frei wäre. Sie nahm sofort Kontakt auf. Auf Anraten ihres künftigen Lehrmeisters Franz Suter absolvierte sie vorerst im Betrieb ein Praktikumsjahr, um in dieser Zeit das Schulwissen weiter zu verbessern. 2014 trat sie die dreijährige Lehre als Müllerin – Lebensmittel an. Sie gehörte damit zu den rund 15 Jugendlichen und Mädchen, die jährlich in der Schweiz in diesem Beruf ausgebildet werden.

Wer sich Müller oder Müllerin als Mann oder Frau vorstellt, die mit gebeugtem Rücken von morgens bis abends Getreide- oder Mehlsäcke schleppen, liegt völlig falsch. Die Ausbildung in den Sparten Müller – Lebensmittel oder Futtermüller ist eine abwechslungsreiche und spannende Tätigkeit in einer der 55 ­hochtechnisierten Mühlen der Schweiz. «Unsere Ausbildung umfasst eine ganze Reihe sehr interessanter Fächer», berichtet Mierry Yohannes. Dazu gehören neben Allgemeinbildung und Deutsch berufsspezifische Fächer wie Maschinen- und Warenkunde, Fachrechnen, Ernährungslehre, Automation, Qualitätsmanagement oder Labor.

Finanziell ohne Sozialhilfe auf eigenen Füssen

Mierry Yohannes ist nach wie vor überzeugt, die richtige Berufswahl getroffen zu haben. «Ich liebe diesen Beruf.» Eine angenehme Nebenerscheinung war auch der recht gute Lohn in der Lehrzeit. «Im dritten Lehrjahr», so berichtet sie stolz, «konnte ich mein grosses Ziel erreichen: Ich stehe finanziell auf eigenen Füssen und muss keine Sozialhilfe mehr beanspruchen.» Diese Haltung forderte viel Verzicht auf Freizeitvergnügen. Nach dem Lehrabschluss wird sie für ein Jahr in der Pfisternmühle angestellt bleiben. Sie ist im Besitz des B-Ausweises (Aufenthaltsbewilligung) und erwartet im August den C-Ausweis (Niederlassungsbewilligung). Sie lebt heute in einer WG in Sarnen.

Den eisernen Willen von Mierry, eine Berufslehre zu absolvieren und möglichst rasch selbstständig zu werden, bestätigt Lehrmeister Franz Suter. «Sie arbeitet sehr diszipliniert und ist geradezu schweizerisch pünktlich. In den vergangenen vier Jahren sei sie ein einziges Mal zu spät gekommen – «als der Schnellzug eines Tages beim Fahrplanwechsel in Alpnach Dorf nicht mehr Halt machte und sie darüber nicht informiert worden war.»

Mierry, zweitältestes Kind der Familie Yohannes, darf nicht nur stolz auf die eigenen Leistungen sein, sondern auch auf die der Mutter und der vier Geschwister. Sie haben alle Deutsch gelernt und sich in Obwalden rasch integriert. «Alle befinden sich heute in einer Anstellung, im Praktikum oder in der Berufslehre», berichtet Mierry. Der jüngste Bruder (13) geht noch zur Schule. «Mein eritreischer Vorname Mierry bedeutet glücklich», verrät sie lächelnd. Man glaubt’s ihr.