ALPNACH: Lawinen rasierten Schutzwald

Vor 70 Jahren donnerten zwei riesige Lawinen vom Matthorn im Pilatus­gebiet ins Tal und kamen erst kurz vor dem Siedlungsgebiet zum Stillstand. Damit war der Lebensraum bedroht.

Robert Hess
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Morgen vor 70 Jahren lösten sich oberhalb von Alpnach die Giessenbach-Lawine (links) und die Hüenerbach-Lawine. (Bild Robert Hess/Repro Alfred Hostettler)

Morgen vor 70 Jahren lösten sich oberhalb von Alpnach die Giessenbach-Lawine (links) und die Hüenerbach-Lawine. (Bild Robert Hess/Repro Alfred Hostettler)

Robert Hess

«Am Donnerstag, 8. März 1945, lag am Morgen zirka 5 bis 10 cm hoher Nassschnee bis tief ins Tal», schreibt der 1980 verstorbene frühere Pfarrer Josef Odermatt in seiner Alpnacher Dorfchronik. «Der Pilatuswächter», so heisst es im Buch weiter, «hatte in dieser Nacht 2,50 Meter nassen Neuschnee gemessen. Als alles zu schwer wurde, rollte der Schnee von allen Hängen. Um 6 Uhr morgens hörte man von der Kretzenalp her ein lautes Tosen, Lawinenrollen und Steinschläge und auch ein Krachen von Waldbäumen. Es wiederholte sich kurze Zeit später nochmals. Wegen Nebels konnte das Geschehen einstweilen nicht beobachtet werden», hielt der damals 48-jährige Pfarrer Odermatt in seinem Tagebuch fest. Um die Mittagszeit sei die Sicht dann frei geworden, und «da konnte man erkennen, dass ein breiter Waldstreifen buchstäblich felsenkahl wegrasiert war». Eine Lawine «hatte sich dem Giessenbach entlang einen Weg gebahnt und kam erst im Grossmattwald zum Stehen. Die Breite der Gasse mag bis 100 Meter betragen», schätzte der Chronist damals. Und: «Die alten Leute können sich nicht erinnern, dass dieser Lawinengang je einmal so weit zu Tal gestiegen ist.»

Drei Lawinenzüge am Matthorn

Noch näher am Geschehen war der damals zehnjährige Josef Wallimann. Wer am 8. März 1945 im Heimwesen Äschi oberhalb von Alpnach Dorf kurz vor 6 Uhr noch nicht wach gewesen ist, wurde durch einen Knall, den Lärm und das Krachen brutal aus dem Schlaf gerissen. «Wir bemerkten zwar den vielen Schnee beim Giessenbach in der Nähe unseres Heimets, viel mehr konnten wir aber wegen des dichten Nebels nicht sehen», erzählt der Äschi-Sepp heute. Der frühere Alpnacher Bürgergemeindepräsident hat ein sehr gutes Gedächtnis und kann sich noch erinnern: «Man wusste vorerst nicht, was eigentlich passiert war.»

Immerhin habe man bald einmal festgestellt, dass ungefähr zur gleichen Zeit nicht nur eine Lawine durch den Giessenbach, sondern eine zweite durch den Hüenerbach in Richtung Alpnachstad bis oberhalb «Kusters Grossmattli» gedonnert war. Und dass die Lawine Hütte und Stall in der Hinteren Oberen Chretzen zerstört hatte. Eine weitere Lawine ging vom Anrissgebiet Ämsigenplangge ins Wolfortbachtobel nieder. Glücklicherweise waren damals weder Todesopfer noch Verletzte zu beklagen. «Und wir konnten trotz der Lawinenniedergänge in unsern Häusern bleiben. «Erst wenn es schlimmer geworden wäre, wären wir evakuiert worden», blickt Josef Wallimann zurück.

Hoher Verlust an Schutzwald

Dem Ereignis vom 8. März 1945 folgten bis 1952 am Matthorn weitere Lawi­nenniedergänge. Sorgen bereitete den Verantwortlichen von Kanton und Gemeinden damals vor allem der grosse Verlust an Schutzwald im Steilhang oberhalb von Alpnachstad. «Dies führte zu einer steigenden Bedrohung der Siedlungsgebiete durch weitere Lawinen und Steinschlag», hält Forstingenieur Josef Berwert, Stalden, in seiner 2005 erschienenen Dokumentation zur Lawinenverbauung Matthorn fest.

Unterstützt wurden die lokalen und kantonalen Behörden damals durch Vertreter der Eidgenössischen Inspektion für Forstwesen, die 1952 nach einem Augenschein in Alpnach Verbauungen sowie Aufforstungen im Anrissgebiet Matthorn als notwendig bezeichneten.

Lehren aus dem «Lawinenjahr»

Mitte des vergangenen Jahrhunderts steckte der Lawinenverbau noch in den Kinderschuhen. Nach dem Lawinenwinter 1951, als in der Schweiz rund 1500 Schadlawinen nicht nur sehr hohen Sachschaden, sondern insgesamt 91 Todesopfer forderten, gelangten in der Schweiz Fachleute und Behörden vermehrt zur Über­zeugung, dass mit entsprechenden Verbauungen und Aufforstungen viele Lawinenniedergänge vermieden werden könnten.

Dieser Meinung war auch Leo Lienert, der 1954 zum Oberförster des Kantons Obwalden gewählt wurde. «Mein Vater hatte bereits vorher Erfahrungen mit Lawinenverbauungen in Riemenstalden und auch im Fürstentum Liechtenstein gesammelt», berichtet heute sein Sohn Peter, seit 1986 Obwaldner Kantonsoberförster. Sein Vater habe sich nach dem Amtsantritt stark für die Lawinenverbauungen Matthorn engagiert. Die Lawinenniedergänge vom 8. März 1945 schätzt Peter Lienert rückblickend als ein «mindestens hundertjähriges Ereignis» ein.

Über 13 Millionen Franken Kosten

Ein erstes generelles Lawinenverbauungs- und Aufforstungsprojekt wurde 1955 erarbeitet und durch die Sub­ventionsbehörden genehmigt, schreibt Forstingenieur Berwert in seiner Dokumentation.

Die Landsgemeinde genehmigte 1956 dafür einen ersten Kredit von gut 2 Millionen Franken. Im gleichen Jahr wurde die Perimetergenossenschaft Lawinenverbauung Matthorn als künftige Bauherrschaft gegründet. Sie wurde 1993 von der Einwohnergemeinde Alpnach übernommen.

Bis zum Abschluss des Gesamtprojektes Lawinenverbauung Matthorn Ende 2004 wurden nach weiteren Kreditbeschlüssen insgesamt rund 13,5 Millionen Franken bewilligt. Dazu gehörte auch der Bau einer mit Lastwagen befahrbaren Erschliessungsstrasse Lütoldsmatt–Chretzenalp, da die Seilbahn Äschi–Chretzenalp auf lange Sicht nicht als geeignetes Transportmittel angesehen wurde.

Bund trug Löwenanteil

An den Gesamtkosten bis 2004 beteiligte sich der Bund mit rund 9,4 Millionen Franken und der Kanton mit rund 2,2 Millionen Franken. Der Restbetrag von rund 1,9 Millionen Franken wurde von der Einwohnergemeinde, der früheren Perimetergenossenschaft sowie der Korporation getragen.

Rückblickend führt Sepp Berwert in seiner Dokumentation aus, dass das Verbauprojekt Matthorn «die ganze technologische Entwicklung im Bereich Lawinenverbauung während eines halben Jahrhunderts mitgemacht hat». Es habe immer auch Rückschläge gegeben, «denn einzelne Lawinenwerke hielten den gewaltigen Schneedruckkräften am Matthorn nicht stand und mussten durch stärkere Verbauungen ersetzt werden», so Berwert.

«Doch der Aufwand zur Verbesserung der Sicherheit für Menschen und Sachwerte hat sich gelohnt», ist der Alpnacher Revierförster Walter Wallimann überzeugt. Die Arbeit im meist steilen Gelände und bei jedem Wetter sei für die Mitarbeiter oft sehr hart gewesen. «Und bei den Aufforstungen brauchte es viel Geduld, doch haben wir immer wieder erlebt, wie die Natur kämpft. Die Aufforstungen sind zu einem grossen Teil erfolgreich verlaufen», bilanziert Wallimann heute.

Vor zehn Jahren Projektabschluss

Er war 1988 Nachfolger von Matthorn-Werkmeister Josef Imfeld (Seewli-Sepp) geworden und übte dieses Amt bis zum Projektabschluss 2004 aus. Als die Korporation Alpnach 2005 von der Einwohnergemeinde mit der Überwachung und den Unterhalts- und Reparaturarbeiten an den Verbauungswerken beauftragt wurde, führte Wallimann neben seiner gewohnten Arbeit als Revierförster die Werkaufsicht am Matthorn im Auftrage der Korporation weiter.

Revierförster und Wuhrmeister Walter Wallimann in der Unteren Steinplangge. (Archivbild Robert Hess)

Revierförster und Wuhrmeister Walter Wallimann in der Unteren Steinplangge. (Archivbild Robert Hess)