ALPNACH: Was uns zu freien Menschen macht

«Wer bereit ist, von Zeit zu Zeit seine Gewohnheiten und Moralvorstellungen zu überprüfen, ist ein freier Mensch», postulierte der neue Regierungsrat Josef Hess in seiner Rede. Für einen Anfang dazu ist der traditionelle Brunch ein guter Ort.

Romano Cuonz
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Die kleinen Auslandschweizer Alexander, William und Malin aus Schottland erleben am Brunch zum ersten Mal die Heimat ihres Vaters (Bild links). Gemeindepräsident Heinz Krummenacher und Baudirektor Josef Hess (rechts) beim lockeren Austausch. (Bilder: Romano Cuonz (Alpnach, 1. August 2017))

Die kleinen Auslandschweizer Alexander, William und Malin aus Schottland erleben am Brunch zum ersten Mal die Heimat ihres Vaters (Bild links). Gemeindepräsident Heinz Krummenacher und Baudirektor Josef Hess (rechts) beim lockeren Austausch. (Bilder: Romano Cuonz (Alpnach, 1. August 2017))

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

Die Alpnacher Kirche ist an diesem Bundesfeiertag besonders schön geschmückt: rot-weiss die Blumen und vor dem Altar eine riesige Schweizer Fahne mit einem Kreuz, das von hell flackernden Kerzen umgeben ist.

Marie-Pierre Böni, die Pastoralassistentin, nimmt dann gleich auch das grosse Thema der 1.-August-Feier auf. «Wir sollten Gott dafür danken, dass wir uns heute in diesem Land in Sicherheit, Frieden und Freiheit treffen und wohlfühlen dürfen», sagt sie. Und sie wünscht den Alpnachern – mit ihren Gedanken auch bei den vielen Flüchtlingen ohne Heimat – offene Augen und Ohren für die eigene, aber eben immer auch für die weite, nicht überall freie Welt.

Vögte vertreiben müssen wir nicht

Von der Kirche geht’s dann hin­über in die ebenso schön rot-weiss dekorierte Pfisternstrasse. Dort haben Wirt Josa Allamand und sein Team einen geradezu fürstlichen Brunch vorbereitet. Mit allem, was das Herz (oder doch der Magen?) freier Schweizerinnen und Schweizer begehrt: Zopf, Schinken im Teig, Käse, so viel man sich nur wünschen kann, Erdbeeren, Kaffee, Melone, Orangensaft und, und, und ... Bald schnabulieren alle: alteingesessene Alpnacher genauso wie eine Auslandschweizer-Familie aus Schottland, die ihren drei Kindern zum ersten Mal die «alte Heimat» zeigt.

«Bei uns ist der 1.-August-Brunch längst eine Tradition», gibt Gemeindepräsident Heinz Krummenacher zu verstehen. Und er freut sich, dass ihn so ­viele Leute ansprechen. Auch das politische Urgestein Willy Falleg­ger zeigt sich begeistert: «Für mich ist der Nationalfeiertag der Höhepunkt des Jahres», sagt er. Und beide sind auf etwas ganz besonders gespannt: auf die Worte des neuen Obwaldner Regierungsrats Josef Hess, den die Alpnacher, so Heinz Krummenacher, gerne mit den Engelbergern teilen.

Und wie er dann ans Rednerpult geht, der frischgebackene Baudirektor, verstummen die munteren Gespräche. Auf diese erste offizielle Rede in seiner «Wahlheimat» haben alle gewartet. Und Hess beginnt mit der an diesem Tag zentralen Frage: «Was heisst eigentlich Freiheit?» Seine Antwort darauf ist ebenso populär formuliert wie klug und vielschichtig. «Wir müssen ja nicht gerade einen neuen Rütlischwur leisten oder Vögte aus dem Land vertreiben», meint er. Auch der Globalisierung und Digitalisierung könne und wolle man sich nicht entziehen. Vielmehr gingen ihm beim Gedanken an Freiheit drei Dinge durch den Kopf, die Schweizer wirklich zu freien Menschen machen würden: mehr Toleranz, verantwortungsvolles Handeln und Gedankenfreiheit. Wörtlich mahnt er: «Ja, es gibt nicht nur äussere Zwänge, also rechtliche, soziale und politische Umstände, die der Freiheit im Wege stehen. Unserer Freiheit stehen auch innere Zwänge wie Gewohnheiten, Rollenmuster und Moralvorstellungen im Wege!» Dann ermuntert er seine Mitbewohner und Mitbewohnerinnen, sich von all den vielen selbst auferlegten «Beschränkungen» und «Denkverboten» zu befreien – und so wirklich freie Schweizer zu werden.