ALPNACH: Wenn die Liebe eine Katastrophe übersteht

Angela Fallegger (26) ist seit einem Absturz mit dem Gleitschirm querschnittgelähmt. Den Weg zurück in den Alltag meistert sie mit viel Lebensfreude – und einem treuen Partner.

Stephan Santschi
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Angela Fallegger mit Katze Simba in ihrer Wohnung. (Bild: Nadia Schärli (Alpnach, 20. Dezember 2016))

Angela Fallegger mit Katze Simba in ihrer Wohnung. (Bild: Nadia Schärli (Alpnach, 20. Dezember 2016))

Gemeinsam sitzen sie am Esszimmertisch in ihrer Wohnung. Während Kätzchen Simba an allem Interesse zeigt, was ihr in die Pfoten kommt, erinnern sich die beiden an die letzten 20 Monate. Immer wieder schauen sie sich an, lachen, fast scheint es so, als würden sie die Sommerferien Revue passieren lassen. Doch Angela Fallegger und Patrick Aggeler sprechen über einen Schicksalsschlag, den 10. April 2015, als Angela Fallegger nach dreijähriger Flugerfahrung aus 17 Metern mit dem Gleitschirm abstürzte. Dem Tod entkam sie mit Glück, seither ist sie querschnittgelähmt. Offener Fussbruch, Beckenbruch, Splitterbruch am zwölften Rückenwirbel und Bruch des Elften, so lautete die Diagnose. Die Schmerzen im Rücken seien unerträglich gewesen, «ich dachte nicht, dass ich überleben würde. Der Bauch spannte, ich spürte innere Blutungen», erzählt die 26-jährige Obwaldnerin.

Noch prägnanter hat Patrick Aggeler das Geschehen vor Augen. Der Mitinhaber der Flugschule Emmetten unterrichtete am Boden Schüler, beobachtete den Absturz und traf als Erster am Unfallort ein. «Es war wie in einem schlechten Film. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass dies wirklich passierte», sagt der 32-Jährige und fügt an: «Ich bin froh, dass ich da war. Besser, als im Nachhinein 100 verschiedene Schilderungen von dem Unglück zu erhalten.»

«Gute Tage und solche, wo alles schlecht ist»

Mittlerweile ist Angela Fallegger in den Alltag zurückgekehrt. In Alpnach hat sie mit ihrem Freund eine neue, auf die veränderten Bedürfnisse abgestimmte Wohnung bezogen, in Brugg arbeitet sie zu 30 Prozent als Pflegefachfrau. Sieben Monate verbrachte sie im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil, ein halbes Dutzend Operationen waren nötig. Weiterhin auf dem Programm steht Physiotherapie, auch die Medikation gegen Spastik wird regelmässig geprüft. «Es gibt Tage, da geht es mir ganz gut, dann gibt es solche, wo ich alles schlecht finde und starke Schmerzen habe. Wo ich mich frage: Wieso ich?» Sie habe lernen müssen, Hilfe anzunehmen und zu akzeptieren, dass vieles mehr Zeit brauche.

Abgeschlossen ist die Reintegration nicht, immer wieder kämpft sie um Selbstständigkeit. «Wie komme ich beim Schmücken des Christbaums mit der Lichterkette drumherum?» Wie gelangt sie an der Tankstelle an den auf einer Schwelle angebrachten Zahlungsautomaten? «Viele Restaurants haben die ­Toilette im Keller.» Und frustrierend sei der Gedanke, keinen Sonnenuntergang am Strand mehr sehen zu können, weil sie mit dem Rollstuhl nicht durch den Sand komme.

Sie will wieder fliegen

Den Herausforderungen begegnen sie mit viel Kreativität. Patrick Aggeler, ein gelernter Zweiradmechaniker und ehemaliger Entwickler von Kunststoffprototypen, ist ein Tüftler, «ein Perfektionist», wie Angela sagt. Er montierte die Einladevorrichtung für den Rollstuhl im Auto, er plante mit ihr die Wohnungseinrichtung, und er trug sie sogar von der Bergstation auf den höchsten Punkt des Pilatus. «Er unterstützt mich in allem und ist in jeder Situation für mich da.» Zwei Monate lang nahm er frei, half ihr beim Essen, bewegte ihre Beine, band sie ein und organisierte «all die 1000 administrativen Dinge, die anfielen», wie er erzählt. Seit vier Jahren sind sie ein Paar, wie hat sich ihre Beziehung verändert? «Sie ist tiefer geworden», findet sie. «Sicher nicht schlechter», bemerkt er. Diesbezüglich gebe es am SPZ deutliches Verbesserungspotenzial. «Viele Beziehungen gehen nach einer solch riesigen Veränderung in die Brüche. Ich habe die Stabilisierung unserer Beziehung und die gemeinsame Vorbereitung auf das, was kommt, vermisst», sagt Fallegger. Und was kommt als nächstes? Beide lachen und erzählen vom ersten Tandemflug, den sie wiederholen wollen. Keine Angst nach dem Unglück? «Nein. Mit ihm fühle ich mich sicher. Wir haben uns dank dem Fliegen kennen gelernt.» Schon auf der Intensivstation sprach sie wieder vom Fliegen, erwähnt ihr Freund.

Die Berührungsängste fremder Menschen

Zur Gewohnheit wurden die Blicke fremder Personen, teilweise wird die junge Frau im Rollstuhl sogar angestarrt. Süss findet sie die Kinder, wenn sie fragen: «Was hat sie an den Beinen? Mama, ich mag auch nicht mehr laufen.» Eher peinlich den Vater, der auf die Frage seiner Tochter – «was ist denn das» – antwortet: «Was hast du gesehen? Ist ein Osterhase vorbeigehüpft?» Dieses Versteckspiel sei unnötig, sagt Fallegger. «Ihr könnt auf uns Rollstuhlfahrer zugehen und einfach fragen.» Jene, die es tun, äussern die Hoffnung, dass es ihrem Rücken bald besser gehe. Die beiden wissen, dass dies nicht der Fall sein wird, vermitteln aber Hoffnung für Menschen mit ähnlichem Schicksal. Mit Lebensfreude, Humor, Liebe, Treue und Offenheit: «Wenn wir über alles sprechen, können wir es reflektieren.»

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch