ALPNACH: Wie 600 000 Bilder laufen lernten

Aus 600 000 Fotos vom Stanserhorn ist ein Film mit Livemusik entstanden. Valentin Kathriner hat das Projekt des verstorbenen Nik Wallimann zu Ende geführt.

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Valentin Kathriner hat das Projekt «The Big Picture» zu Ende geführt. (Bild Romano Cuonz)

Valentin Kathriner hat das Projekt «The Big Picture» zu Ende geführt. (Bild Romano Cuonz)

Romano Cuonz

«Wenn am Wochenende in der Luzerner Hofkirche St. Leodegar von der Jazz-Organistin Barbara Dennerlein komponierte Musik ertönt und Videosequenzen aus aller Welt als Film über die Leinwand gehen, werde ich mich für Nik Wallimann freuen», sagt der 21-jährige Obwaldner Student Valentin Kathriner. Der Hintergrund dazu: Im August 2014 verstarb in Alpnach völlig unerwartet der Kulturschaffende und Unternehmer Nik Wallimann.

Von den Sequenzen zum Werk

Zu diesem Zeitpunkt lag auf seinem Schreibtisch unvollendet sein ambitioniertestes und grösstes Werk: «The Big Picture», ein aussergewöhnliches Filmprojekt, hervorgegangen aus 600 000 Fotos vom Stanserhorn. Das Drehbuch für den 75-minütigen Film mit über 100 Sequenzen hatte Wallimann schon fast zu Ende geschrieben. Längst war es ihm gelungen, auch Musiker für seine grosse Vision zu begeistern: Barbara Dennerlein (Komposition und Orgel), Roland von Flüe (Saxofon und Klarinette), Beat Föllmi (Perkussion) und Pius Baschnagel (Schlagzeug). Jetzt mussten die Filmsequenzen nur noch zu einem Werk zusammengeschnitten werden. Doch da erreichte die am Projekt beteiligten Kulturschaffenden jene traurige Nachricht. Und alle wussten sie, dass sie es ihrem Freund Nik Wallimann schuldig waren, zu Ende zu führen, was er grossartig inszeniert hatte.

Einzigartige Idee fürs «Big Picture»

Wie kam es zum Projekt? Vor mehr als sechs Jahren hatte der Alpnacher Unternehmer Nik Wallimann eine in ihrer Art wohl einmalige Idee. Er liess sich auf ein atemberaubendes Abenteuer ein, dessen Ende er nicht mehr erleben sollte: Hoch über Alpnach, direkt vor einem Schwimm- und Karpfenteich, montierte er eine Spezialkamera, die alle 58 Sekunden ein Bild mit Blick aufs Stanserhorn aufnahm. 600 000 Aufnahmen wurden es schliesslich: mit und ohne Wolken, bei jedem Wetter, tags und nachts, mit Reihern, Rehen und schwirrenden Insekten. Nun aber erkannte Wallimann ein Problem. Er wollte die Bilder über eine Internetplattform rund um die Welt schicken. Dies mit der Auf- und Herausforderung an unbekannt: «Laden Sie doch unsere Bilder herunter und verarbeiten Sie sie zu Videosequenzen zwischen 30 Sekunden und drei Minuten!» Doch in Sachen Internet, so räumte Nik Wallimann gegenüber unserer Zeitung einmal selber ein, war er zu wenig bewandert. Er brauchte Hilfe und suchte sie in der Nähe.

Valentin Kathriner als Glücksfall

Als ob Nik Wallimann etwas geahnt hätte, beschloss er, seine Ideen mit Valentin Kathriner, einem jungen Mann, der eben die Matura bestanden hatte, zu teilen. Der Giswiler Student war bereit, vor seinem Studium in Politik- und Wirtschaftswissenschaften einen Zwischenhalt einzulegen. Ab nun begann für die beiden ein atemberaubendes Abenteuer. «Am Ende standen uns insgesamt 120 Kurzfilme aus 18 Ländern zur Auswahl», bilanziert Valentin Kathriner. Und er fügt hinzu: «Nach dem Tod von Nik Wallimann, der mir Mentor und Freund in einem war, lag die Entscheidung plötzlich bei mir.» Und Kathriner tat in diesem Moment, was er tun musste: Er übernahm die Verantwortung und beschloss, das Projekt ganz im Geiste des Schöpfers weiterzuführen. «Seither kann ich voll auf die Unterstützung aller Mitwirkenden zählen», sagt Valentin Kathriner.

Für den Zusammenschnitt der gegen 120 Sequenzen und für zusammen­fügende Ergänzungen mit eigenen Sequenzen konnte Valentin Kathriner den Obwaldner Filmemacher Moritz Hossli (25) gewinnen. «Zusammen haben wir den abendfüllenden Film erstellt – ganz und gar in Nik Wallimanns Sinn und Geist», sagt Kathriner. Nik Wallimann, der die treibende Kraft hinter dem Projekt war, habe ihm viel Vertrauen übertragen und damit auch eine einmalige Chance gegeben, sich in den Bereichen Design, Technik und Kommunikation zu beweisen. Unter dem Titel «3 Jahre x 600 000 Fotografien x 1 Film» wird nun «The Big Picture Project» anlässlich des Echo-Orgelfestivals in der Hofkirche St. Leodegar Luzern seine Uraufführung feiern.

Und man darf – auch wenn diese Aufführung mit eigens dafür komponierter und live vorgetragener Musik einmalig sein wird – sicher sein, dass Nik Wallimann eines seiner grossen Ziele erreicht hat: nämlich, dass das Stanserhorn als imposanter Berg mit zwei Spitzen um die Welt ging. Und geht.