ALPNACH/CHINA: Noch gibts Müesli statt Reis zum Zmorge

Karin Hess bringt Chinesen das Skifahren bei – und fasste vom Management eine besondere Aufgabe. Trotzdem muss auch sie sich an die Regeln halten.

Oliver Mattmann
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Karin Hess beim Unterricht mit Skischülern in Changbaishan. (Bild: pd)

Karin Hess beim Unterricht mit Skischülern in Changbaishan. (Bild: pd)

Oliver Mattmann

An chinesische Skilehrer, die ihren Landsleuten in Engelberg das Skifahren beibringen, hat man sich gewöhnt. Karin Hess aus Alpnach geht den umgekehrten Weg. Die 19-Jährige bringt chinesischen Skischülern bei, was es fürs Fahrvergnügen braucht. Nicht zum ersten Mal. Bereits vor etwas mehr als einem Jahr stand sie mit chinesischen Kindern im Schnee, damals rund zwei Autostunden von Peking entfernt.

Nun verschlug es sie in die Provinz Jilin im Nordosten des Landes, nahe der Grenze zu Nordkorea. «China hat mich schon immer interessiert. Ich habe bei meinem ersten Aufenthalt als Skilehrerin spannende Erfahrungen gesammelt und wollte im Zwischenjahr nach meiner Matura unbedingt zurückkehren.» Es verwundert daher nicht, welchen Studienweg Karin Hess einschlagen will, wenn sie wieder in der Heimat ist: Sinologie (Wissenschaft über chinesische Sprache/Kultur), kombiniert mit Wirtschaft und Politik.

Die beste Art, Sprache zu lernen

Auch wenn ihr die Mentalität der Chinesen inzwischen nicht mehr fremd ist, erlebt Karin Hess im Skiresort Changbaishan – von der Grösse und den Freizeitmöglichkeiten her etwa mit Engelberg vergleichbar – nochmals eine neue Welt. Fernab von den Metropolen scheinen hier die wenigsten schon einmal Europäer gesehen zu haben. Entsprechend beäugt wurde sie bei ihrer Ankunft Mitte Februar. «Ich kam mir fast wie eine Ausserirdische vor. Einige wollten meine Wimpern oder Haare anfassen. Wohl um sicherzugehen, dass tatsächlich ein Mensch vor ihnen steht», schmunzelt sie. Für Staunen sorgten auch ihre Holz-Skis aus dem Entlebuch, mit denen sie dort den Hang runterfährt.

Mittlerweile habe sich dies etwas gelegt. Und dennoch fällt sie auf: Unter den 200 Skilehrern ist sie die einzige Auswärtige. Und nur die wenigsten können Englisch. «Es kann schon mal länger dauern, bis ich verstanden werde oder begreife, was sie von mir wollen.» Dennoch fühle sie sich wohl. «So lerne ich die Sprache am besten.»

Gewöhnungsbedürftig sind auch gewisse Sitten, die für Angestellte der Skischule herrschen. So darf beim Essen in der Kantine nichts zurückgelassen werden, auch wenn die gebratene Ente schon mal als Ganzes serviert wird. «Ich habe zum Glück Lehrerkollegen, die solche Delikatessen wie den Kopf oder die Füsse zu schätzen wissen», sagt sie augenzwinkernd. Beim Management erreicht hat sie immerhin, dass sie nicht schon zum Frühstück Reis oder Nudeln vorgesetzt bekommt. «Ich konnte mich bisher nicht von meinem Schweizer Müesli trennen», lacht die Alpnacherin.

Höflichkeit wird grossgeschrieben

Eine andere Regel ist die beschränkte Zeit, in denen die Skilehrer selber auf der Piste frei Skifahren dürfen. Dies ist nur von 8 bis 9 Uhr auf einer einzigen Piste erlaubt. «Wer die Regel bricht und erwischt wird, riskiert Abzüge beim Lohn.» Im Wartesaal Däumchen drehen, wenn sie gerade keine Schüler hat, ist aber nicht ihr Ding. «Manchmal suche ich mir meine Aufgaben selber.» So unterstützt sie hilflose Anfänger auf dem Weg zum Skilift. Oder sie bringt dem Restaurant-Leiter des Skiresorts, das zum chinesischen Riesenkonzern Wanda Group gehört, ein paar Schwünge bei – mit Erlaubnis des Managements. Dies befreit die Obwaldnerin aber nicht davon, im Skigebiet die «Rangordnung», wie sie es nennt, zu achten. So ist es angezeigt, jedes Mal höflich zu grüssen und «sich halb zu verbeugen», wenn ein Vorgesetzter vorbeiläuft. Generell aber gehe man «anständig miteinander um.»

Mit 2-jährig erstmals auf den Ski

Als Skilehrer verdiene man nicht schlecht. Sie selber bezieht ausser Kost und Logis indes keinen Lohn, das Trinkgeld darf sie aber behalten. Das kann gut und gerne bis zu 40 Franken betragen. «Obwohl Skifahren in China immer mehr boomt, ist es eine ziemlich elitäre Angelegenheit. Entsprechend tummeln sich hier viele vermögende Gäste», so Hess, die seit ihrem 3. Lebensjahr Ski fährt. Auch deshalb wählt sie oft einen zurückhaltenden Umgangston. «Die Chinesen überschätzen ihr Können gerne. Doch wenn du dies zu direkt sagst, sind sie schnell beleidigt», erzählt sie.

Minderwertig fühlt sie sich deswegen aber nicht. Im Gegenteil: Sie hat vom Management den Auftrag erhalten, ihre Lehrerkollegen auf die Qualität der Unterrichtsmethoden zu beobachten, «weil ich in diesem Bereich aus der Schweiz viel mehr Erfahrungen mitbringe». Ihr Know-how wird sie nach drei Wochen in Changbaishan in einem weiteren, nahe gelegenen Skiresort einbringen, bevor sie auf Reisen und in Peking in die Sprachschule gehen wird. «Dieses Skigebiet befindet sich noch in den Kinderschuhen. Ich habe gehört, es hat dort noch keinen Lift. Offenbar werden die Gäste mit Schneetöffs befördert.» Hört sich ganz nach einem weiteren Abenteuer für Karin Hess an.

HINWEIS
Karin Hess’ Erlebnisse: chinaskier.wordpress.com