ALPNACH/CHINA: Sie begeistert Chinesen fürs Skifahren

Karin Hess brachte Chinesen in Duolemeidi das Skifahren bei. Sogar eine Fernsehstation aus Peking interessierte sich für die junge Alpnacherin.

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TV-Leute uas Peking begleiten die Maturandin bei ihrer Arbeit. (Bild: PD)

TV-Leute uas Peking begleiten die Maturandin bei ihrer Arbeit. (Bild: PD)

Matthias Piazza

Immer mehr Chinesen sind begeisterte Skifahrer. Speziell diejenigen, denen Karin Hess das Skifahren beigebracht hat. Die 18-jährige Maturandin unterrichtete vom 26. Dezember bis 4. Januar chinesische Kinder in Duolemeidi, einem Skigebiet, das rund zwei Autostunden von der Hauptstadt Peking entfernt ist. Ihre spielerische Art war für die Chinesen neu. «Zum Aufwärmen gabs ein Fangis. Ich war der Tiger, die Kinder Häschen. Diese Tiere kennen sie als chinesische Sternzeichen. So fand ich den Draht rasch zu ihnen.»

Das Skifahrer-Einmaleins vermittelte sie den Kindern, welche zuvor noch nie auf Ski standen, schnell. Die 6- bis 10-jährigen Kinder lernten, wie man einen Stemmbogen fährt oder beschleunigt. Mit dem Lernfortschritt waren auch die Eltern zufrieden, was nicht ganz selbstverständlich ist. «Chinesische Eltern, die ihre Kinder in die Skischule schicken, sind sehr ehrgeizig, wollen rasch Resultate sehen. So erwartete ein Vater, dass sein Kind nach sieben Stunden alleine im Stemmbogen die Piste herunterkurven kann.» Es konnte.

Überzeugungsarbeit war nötig

Ihre Methode brauchte allerdings etwas Überzeugungsarbeit. «Das war ein Experiment. Chinesische Skilehrer sind sich feste Abläufe gewohnt und gegenüber Änderungen nicht so aufgeschlossen», erzählt sie. Keine Berührungsängste hätten hingegen die Kinder gehabt. Und auch die zuweilen recht ungemütlichen Temperaturen von bis zu minus 25 Grad hätten der Stimmung keinen Abbruch getan. Als ziemliche Herausforderung empfand sie jedoch die chinesische Sprache auch wenn sie seit drei Jahren Chinesisch lernt. Doch auch diese Hürde meisterte sie rasch. «Zu Beginn stand mir ein chinesischer Skilehrer zur Seite, der mir das spezifische ‹Skilehrer›-Vokabular beibrachte. Erleichternd kam hinzu, dass viele Kinder sehr gut Englisch können.»

«Fernsehstar» in China

Die junge Schweizerin wurde gar zu einem TV-Highlight: Für eine Pekinger Fernsehstation durfte sie vor laufender Kamera mit den Kindern das chinesische Publikum für das Skifahren begeistern eine Wintersportart, die in China immer populärer wird. «20 Millionen Skifahrer soll es inzwischen in China geben, 1996 waren es noch 10 000», weiss Karin Hess. Viele, die für einen Ausflug ins Gebiet Duolemeidi kommen, sind allerdings blutige Anfänger – und sich dessen noch gar nicht bewusst. «Chinesische Skifahrer denken oft, dass sie gar keinen Skilehrer brauchen. Dabei schaffen sie es oft nicht einmal zum Skilift, der etwas weiter oben liegt – und realisieren erst dann, dass sie nichts können.» Oft entscheiden sie sich dann spontan, die Dienste eines Skilehrers in Anspruch zu nehmen.

Weg vom Smog in den Schnee

Der Aufenthalt in den chinesischen Dolomiten, wie das Skigebiet auch genannt wird, erlebte Karin Hess als «wahnsinnig positiv und interessant. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen.» Das Skigebiet, nordwestlich von der 20-Millionen-Metropole Peking gelegen, präsentiert sich anders, als sie es sich etwa von Engelberg gewohnt ist. «Die mehrheitlich aus Kunstschnee präparierten Pisten sind lang und breit und für Schweizer Verhältnisse einfach zu befahren und damit auf chinesische Bedürfnisse zugeschnitten. Ein Sessellift und zwei Skilifte bringen die Gäste von 1600 auf 2000 Meter über Meer, von wo sie auf acht Kilometern wieder ins Tal fahren können.» Viel Betrieb sei vor allem am Wochenende, wenn die Pekinger dem Smog entfliehen wollen, der im Winter besonders stark sei.

Ihren Einsatz leistete sie in der neugegründeten schweizerisch-chinesischen Skischule, die der stellvertretende Direktor des Skigebietes, Yi Li, ins Leben rief. Die Idee kam ihm, als er während seiner Skilehrerausbildung in Engelberg weilte. Mit dem Erlernten baute er eine Skischule nach Schweizer Standard auf.

Vom Land fasziniert

Und genau bei diesem Engelberg-Aufenthalt entstand der erste Kontakt ­zwischen den beiden. Karin Hess entwickelte für ihre Maturaarbeit ein touristisches Winterprogramm, um chinesische Gäste für Winterferien in der Schweiz zu begeistern. Es folgte eine Einladung nach Duolemeidi.

Die Gelegenheit liess sie sich nicht entgehen. «Ich interessierte mich schon als kleines Kind für Asien.» Eine Chinareise vor fünf Jahren weckte ihre Begeisterung für das Land. «China ist spannend, faszinierend, gross.» Ihr Vater Josef Hess lernte damals schon Chinesisch. Das stachelte ihren Ehrgeiz an. Bald begann auch sie, Chinesisch zu lernen eine Sprache, die durchaus ihre Tücken habe. «Je nach Betonung des Wortes ändert sich die Bedeutung. Das Sprechen macht mir dennoch grossen Spass, und ich kann mich schon recht gut im Alltag durchschlagen.» Viel Arbeit steht ihr noch beim Erlernen der Schrift bevor. 100 Schriftzeichen beherrsche sie – von etwa 15 000.

Die Begeisterung für China lässt sie nicht mehr los. Sie strebt ein Studium in Sinologie an, also der Wissenschaft über chinesische Sprache und Kultur. Gut vorstellen könne sie sich eine Tätigkeit im Tourismus beispielsweise, um Chinesen in die Schweiz zum Skifahren zu locken. «Denn die Begeisterung der Chinesen fürs Skifahren ist definitiv vorhanden. Und wenn immer mehr von ihnen auch in die Schweiz und nach Engelberg zum Skifahren kommen, ist das Ziel meiner Maturaarbeit erreicht.»

Der Skiunterricht von Karin Hess stösst bei den kleinen Chinesen auf Anklang. (Bild: PD)

Der Skiunterricht von Karin Hess stösst bei den kleinen Chinesen auf Anklang. (Bild: PD)