Interview
Alpnacherin erlebt den Corona-Lockdown in Neuseeland: «Wir haben als Familie mehr Zeit»

Die gebürtige Alpnacherin Pia Knarston-Wallimann lebt seit 25 Jahren in Neuseeland. Im Gespräch erzählt sie, wie sie die Coronakrise auf der anderen Seite der Welt erlebt.

Matthias Stadler, Auckland
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Pia Knarston-Wallimann zu Hause in Neuseeland.

Pia Knarston-Wallimann zu Hause in Neuseeland.

Bild: Matthias Stadler (Auckland)

Neuseeland hat sich bis am vergangenen Montag in der höchsten Alarmstufe, dem sogenannten Lockdown, befunden. Wie sah Ihr Alltag während dieser fünf Wochen aus?

Pia Knarston-Wallimann: Ich habe versucht, eine Routine beizubehalten. Ich bin weiterhin um 7 Uhr aufgestanden. Aber anstatt wie sonst mit dem E-Bike ins Büro zu fahren, habe ich zu Hause Pilates-Übungen gemacht. Um 9 Uhr habe ich mich dann jeweils für die Arbeit an den Computer gesetzt. Nach dem Mittagessen bin ich mit meinem Mann, der ebenfalls von zu Hause aus arbeitet, oft spazieren gegangen. Danach blieb Zeit, um aufzuräumen, kochen oder auch für einen Onlinekurs. Langweilig ist mir nie geworden.

Nun gilt im Land die zweithöchste Alarmstufe, die strengsten Massnahmen wurden etwas gelockert. Restaurants dürfen Take-away anbieten, einige Schulen sind teilweise wieder offen. Hat sich für Sie etwas geändert?

In meinem Alltag nicht wirklich, nein. Mein Mann und ich arbeiten nach wie vor von zu Hause aus. Viele Geschäfte bleiben ja nach wie vor geschlossen. Anders als viele Neuseeländer brauche ich jetzt kein Take-away-Essen, und dank meiner italienischen Kaffeemaschine kann ich auch zu Hause guten Kaffee zubereiten (lacht).

Wann können Sie wieder normal arbeiten?

Ich bin Reisespezialistin und arbeite für eine Firma, die sich auf Reisen nach Südamerika und in die Antarktis spezialisiert hat. Die Lage für die Firma ist schwierig. Wir befinden uns wie im Winterschlaf. Ich erhalte drei Monate lang Lohnzuschläge des Staates. Was danach ist, weiss ich nicht. Meine Chefin hat uns Angestellten nahegelegt, dass wir uns auf andere Stellen bewerben sollen. Es sieht also nicht gut aus. Immerhin kann mein Mann weiterarbeiten. Finanziell können wir uns gut über Wasser halten. Und ich sehe die Situation positiv: Dank der Krise haben wir als Familie mehr Zeit füreinander.

Als die Regierung am 21. März den Lockdown ankündigte, gab es im Land überall Hamsterkäufe. Stürmten Sie auch in den Supermarkt?

Nein, wir haben keine Panikkäufe gemacht. Mir kommt in solchen Situationen wohl zugute, dass ich in Obwalden auf dem Land aufgewachsen bin. Denn meine Eltern lagerten immer genügend Lebensmittel im Keller. Es ist für mich also normal, ausreichend Mehl, Eier, Teigwaren und Kartoffeln vorrätig zu haben. Entsprechend hatten wir zu Ausbruch der Krise hier in Neuseeland einen vollen Keller, wir waren gut-schweizerisch vorbereitet.

Sie stammen aus Alpnach. Vermissen Sie in solch turbulenten Zeiten Ihre Heimat?

Ich war nie diejenige, die viel Heimweh hatte. Nun lebe ich seit 25 Jahren in Neuseeland. Ich habe hier meinen Mann und meine zwei Kinder und Freunde. Zudem haben sich die Zeiten geändert. Heute kann ich dank moderner Technologie sehr einfach mit meinen Bekannten und meiner Familie in Obwalden Kontakt aufnehmen – kein Vergleich zu früher. Aber wegen der Krise habe ich eindeutig mehr Kontakt in die Schweiz. Ich telefoniere dieser Tage einmal pro Woche mit meinen Eltern in Alpnach. Das ist öfter als meine in der Schweiz lebenden Geschwister (lacht). Mich bekümmert viel mehr, dass meine Tochter während der Krise für ihr Studium in Wellington geblieben ist. Ich hätte sie lieber zu Hause bei uns gehabt. Aber ich glaube auch, dass es für sie wertvoll ist, alleine zurechtzukommen.

Normalerweise reisen Sie einmal pro Jahr in die Schweiz. Planen Sie auch dieses Jahr einen Besuch in Obwalden?

Vergangenes Jahr war ich nicht in der Schweiz, weshalb ich heuer unbedingt hätte fliegen wollen. Aber leider ist es unwahrscheinlich, dass mein für den August gebuchter Flug durchgeführt wird. Trotzdem habe ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben.

Sie leben seit 25 Jahren in Neuseeland. Wenn der Alltag mal nicht von Corona dominiert wird: Was schätzen Sie am Land besonders?

Ich schaue aus meinem Haus und habe eine Aussicht ins Grüne. Ich habe mich hier immer wie zu Hause gefühlt. Ich mag das Meer, die Spaziergänge in den Wäldern und durch den «Busch» und dass es nicht überall Leute hat, sobald man zur Stadt rausfährt. Zudem schätze ich die Freiheiten hier sehr. Das heisst aber nicht, dass ich mich in der Schweiz nicht auch wohlfühle.

Gibt es etwas aus der Schweiz, das Sie in Neuseeland gerne importieren würden?

Wenn wir Schweizer etwas sagen, machen wir es auch. Neuseeländer sind oft unverbindlicher. Ich merke an Sitzungen zudem oft, dass hier gerne um den heissen Brei geredet wird. Die deutsche Sprache ist da wohl direkter. In der Schweiz wird öfter gesagt, was Sache ist.

Pia Knarston-Wallimann ist 52-jährig und wohnt im Norden von Auckland, der grössten neuseeländischen Stadt. Sie ist mit dem Neuseeländer Stuart Knarston verheiratet. Sie haben zwei erwachsene Kinder, Vincent (23) und Francisca (21).