ALPNACHSTAD: Die Feuerwehr entdeckt Leichenteile

Im Gebiet Lopper stürzte gestern ein F/A-18-Kampfjet ab. Die Umstände der Tragödie sind noch unklar. Die beiden Insassen hatten keine Chance.

Roger Rüegger und Romano Cuonz
Drucken
Teilen
Ein Boot der Polizei auf dem Alpnachersee. (Bild: Nadia Schärli)

Ein Boot der Polizei auf dem Alpnachersee. (Bild: Nadia Schärli)

Bei einem Übungsflug ist gestern Nachmittag im Raum Lopper bei Alpnachstad ein zweisitziges Kampfflugzeug des Typs F/A-18 der Schweizer Luftwaffe abgestürzt. Der Jet war in einem Zweierverbund unterwegs. Gestartet sind die beiden Kampfflieger in Meiringen BE. An Bord der Maschine befanden sich ein Pilot und ein Passagier, wie die Luftwaffe bestätigte. «Um 13.56 Uhr ging beim Pikett-Offizier die Meldung ein, dass ein Flugzeug abgestürzt sei. Nach 11 Minuten folgte die Bestätigung, dass es sich dabei um einen F/A-18-­ Dop­pel­sitzer handle mit zwei Personen an Bord», sagte Aldo Schellenberg, Kommandant der Luftwaffe, an einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz, die gestern Nachmittag auf dem Flugplatz in Alpnach stattfand. Das Flugzeug sei unbewaffnet unterwegs gewesen.

Ein Augenschein vor Ort an der Unglücksstelle am Lopper zeigte, dass die Bäume in der steilen, bewaldeten Bergflanke auf einer Fläche so gross wie ein Fussballfeld umgemäht wurden (Bild: Keystone)
32 Bilder
Die Militärpolizei sichert Spuren am Unfallort. (Bild: Keystone)
Spezialisten der Schweizer Armee suchen nach Absturzteile. (Bild: Keystone)
Spezialisten des forensischen Instiuts bei der Spurensicherung. (Bild: Keystone)
Die Unfallstelle am Lopper (Bild: Keystone)
Militärhelikopter kreisten immer wieder über der Unglücksstelle und brachten Personal an besonders unzugängliche Stellen. (Bild: Keystone)
Ein Wrack der F/A 18 liegt neben der Kantonsstrasse. (Bild: Keystone)
Spezialisten der Schweizer Armee untersuchen den Unfallort . Auf dem Bild zu sehen ist die abgebrochene Spitze des verunfallten F/A-18 Kampfsjets bei Alpnach. (Bild: Keystone)
Im See wurden Taucher eingesetzt. Die Frage, ob eine der Leichen im See gefunden worden ist, konnte die Militärjustiz nicht beantworten. (Bild: Keystone)
Polizisten sichern den Alpnachersee, im Hintergrund die Unfallstelle. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Feuerwehr Stansstad auf dem Alpnachersee, im Hintergrund holt der Superpuma Wasser. (Bild: Nadia Schärli / Neue LZ)
Die Absturzstelle bei Alpnach (Bild: Keystone)
30 Sekunden nach dem Unglück hat Leserreporter Joel Ramseier dieses Bild geschossen. (Bild: Leserreporter)
Eine Leserreporterin fotografierte am Mittwoch diesen Löschhelikopter am Alpnachersee hinter dem Flugplatz. (Bild: Leserreporterin)
Polizei sichert das Gebiet auf dem Alpnachersee. (Bild: Keystone)
Bei den Löscharbeiten am Lopper kommt ein Superpuma zum Einsatz... (Bild: Keystone/EPA/Urs Flueeler)
... und wirft das Wasser über der Unfallstelle ab. (Bild: Keystone/EPA/Urs Flueeler)
Im Minutentakt holt der Helikopter Wasser aus dem Alpnachersee. (Bild: Keystone)
Der Unglücksort befindet sich direkt beim Loppertunnel oberhalb der Kantonsstrasse - beim Grenzstein zwischen den Kantonen Ob- und Nidwalden. (Bild: Keystone)
Auch die Rega flog Einsätze. (Bild: Keystone/EPA/Urs Flueeler)
Ein Polizeiboot auf dem Alpnachersee. (Bild: Keystone/EPA/Urs Flueeler)
Blick auf die Absturzstelle. (Bild: Keystone/EPA/Urs Flueeler)
Auch die Feuerwehr war mit einem Grosseinsatz vor Ort. (Bild: Leserreporer)
Aus dem Wald üder dem «Tälli» steigt Rauch auf. (Bild: Keystone/EPA/Urs Flueeler)
Die Ölwehr im Einsatz: (Bild: Keystone/EPA/Urs Flueeler)
Eine Ölsperre wird errichtet. (Bild: Keystone/EPA/Urs Flueeler)
Bild: Keystone/EPA/Urs Flueeler
EIn Helikopter über der Absturzstelle. (Bild: Leserreporter)
Die Absturzstelle und ein Bild des abgestürzten Kampfjets. (Bild: Keystone / Leserreporter)
F/A-18 Pilot Pierre de Goumoens: «Die Umkehrkurve wird abgebrochen, wenn der Pilot merkt dass er sie nicht zu Ende führen kann. Das ist eine normale und trainierte Notfallsituation. (Bild: Keystone)
Armeechef André Blattmann: «Es ist ein schwarzer Tag für die Luftwaffe.» (Bild: Keystone)
Korpskommandant Aldo C.Schellenberg: In Gedanken sind wir bei den Piloten und seinen Angehörigen.» (Bild: Keystone)

Ein Augenschein vor Ort an der Unglücksstelle am Lopper zeigte, dass die Bäume in der steilen, bewaldeten Bergflanke auf einer Fläche so gross wie ein Fussballfeld umgemäht wurden (Bild: Keystone)

Ölsperre auf dem See errichtet

Der Jet flog offenbar in die Flanke des Loppers und zerschellte. Die Absturzstelle liegt wenig oberhalb des Alp­nachersees. Dutzende Fahrzeuge der Polizei, Militärpolizei und Feuerwehren waren auf der Strasse unterhalb der Unglücksstelle. Auf dem See suchten mehrere Feuerwehrboote und Patrouillen der Seepolizei nach Wrackteilen. Auch Taucher waren im Einsatz. Auf einer Länge von mehreren hundert Metern wurde eine Ölsperre errichtet. Als sich unser Reporterteam mit einem Boot in die Region des Unglücks begab, wurde der Bootsführer von der Seepolizei aufgefordert, zu melden, wenn er Wrackteile finden sollte. Am Nachmittag und gegen Abend waren Helikopter der Luftwaffe und der Rega vor Ort. Eine Rauchsäule und etliche kleine Feuer markierten die Absturzstelle. Ein weiterer Helikopter der Luftwaffe war stundenlang mit Löscharbeiten beschäftigt.

«Kam mir vor wie im Film»

Ein Zeuge des Unglücks, der in Stans wohnhafte Joel Ramseier, beobachtete von seinem Arbeitsplatz bei der Firma Steinag Rozloch aus den Unfallhergang. «Zwei Flugzeuge sind in geringer Höhe über den See geflogen. Einer der Jets flog geradeaus, der andere bog ab. Dann beschleunigte der zweite unter grossem Lärm nach oben – kurz darauf knallte es, und ich sah einen grossen Feuerball. Ich zitterte und kam mir vor wie im Film.» Die Schilderung des Augenzeugen deckt sich mit dem, was nach dem Absturz an der Pressekonferenz von Pierre De Goumoëns, einem F/A-18-Piloten der Schweizer Luftwaffe, ausgeführt wurde: «Es handelte sich beim geflogenen Manöver um einen Abbruch einer Umkehrkurve. Das ist ein Notmanöver, aber ein oft trainiertes», so der routinierte Pilot. Das Flugzeug habe während einer 180-Grad- Kurve auf Instrumentensteuerung umgeschaltet, die angefangene Kurve unterbrochen und versucht, möglichst schnell und steil an Höhe zu gewinnen. Solche Manöver würden bei schlechten Wetter- und Sichtverhältnissen angewendet. Zu den verunglückten Piloten gab die Luftwaffe gestern keine Details bekannt.

Die Sichtverhältnisse am Brünig hätten den Flug erlaubt, sagte Luftwaffenkommandant Schellenberg. Nach dem Überflug des Flugplatzes Alpnach hätten die beiden Flugzeuge eine ursprünglich nicht vorgesehene Umkehrkurve geflogen.

Trümmerteile weit verstreut

Korpskommandant André Blattmann, Chef der Schweizer Armee, zeigte sich tief betroffen. «Es ist ein schwarzer Tag für die Schweizer Luftwaffe, da wir für Pilot und Passagier das Schlimmste befürchten müssen.» Zwar könne man den Tod des Piloten und eines Passagiers noch nicht mit Sicherheit bestätigen, Grund zur Zuversicht aber gebe es nicht. Dass die beiden Insassen ums Leben kamen, bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung Thomas Schrackmann, Kommandant der Feuerwehr Sarnen, die gestern Nachmittag bei der Absturzstelle im Einsatz war. «Wir haben kleinste Leichenteile gefunden.» Die Flugzeugtrümmer seien über Hunderte Meter in schwer zugänglichem Gebiet verstreut gewesen. «Der heftige Aufprall hat das Flugzeug sprichwörtlich in seine Einzelteile zerlegt.»

Zum Unfallhergang gibt es noch keine gesicherten Informationen. Fest steht, dass die andere F/A-18-Maschine – ein Einsitzer – um 14.21 Uhr wieder sicher in Meiringen gelandet ist. Ohne Schäden.

Notlage oder bewusstes Manöver?

Gemäss Korpskommandant Aldo Schellenberg war bis gestern Abend 18 Uhr noch nicht klar, ob der Pilot und sein Passagier den Schleudersitz betätigt hatten. Nach Bekanntwerden des Flugzeugabsturzes sei der Jet-Betrieb auf unbestimmte Zeit eingestellt worden. Die Frage, ob schlechte Wetter- und/oder Sichtverhältnisse zum Absturz geführt haben könnten, blieb an der Medien-konferenz unbeantwortet. Auch konnte sich der Kommandant der Luftwaffe noch nicht dazu äussern, ob der Pilot die Kurve aus einer Notlage heraus oder bewusst zu Trainingszwecken abgebrochen hatte. Die Bergungsarbeiten gehen heute weiter. Die Untersuchung des Unglücks könnte Monate dauern.

«Nicht schwieriger als Anderswo»

Jürg Wyss, der Absturz des F/A-18 ist nicht der erste Absturz eines Flugzeugs im Gebiet Ob- und Nidwalden. Ist es da besonders tückisch für Piloten?
Jürg Wyss:
Ich kann da keinen direkten Zusammenhang erkennen. Jeder dieser Unfälle weist eine eigene Charakteristik auf. Die Topografie der betreffenden Region ist für die Fliegerei nicht anspruchsvoller als in anderen Landesteilen. Schweizer Piloten, erst recht Berufspiloten der Luftwaffe, sind sich gewohnt, in gebirgiger Umgebung zu fliegen.

Noch ist unklar, wieso es gestern zum Absturz kam. Klar ist: Es war sehr bewölkt und neblig. Die Sicht war entsprechend schlecht. Könnte das eine Rolle gespielt haben?
Wyss:
Zur Unglücksursache von gestern stelle ich keinerlei Hypothesen an. Grundsätzlich ist die Witterung bei der Fliegerei immer ein wichtiger Faktor. Der F/A-18 ist im Moment die modernste Maschine der Schweizer Luftwaffe. Sie ist mit aktueller Technik ausgestattet, die es ermöglicht, auch ohne Sicht, also beispielsweise bei Nebel, in Wolken oder kompletter Dunkelheit, problemlos zu fliegen.

Wer entscheidet, ob im Sichtflug oder über automatische Navigation – also im so genannten Blindflug – geflogen wird?
Wyss:
Das liegt ganz klar in der Kompetenz des Piloten. Er kann an Bord jederzeit entscheiden, ob er auf Sicht fliegt oder ob er in den Instrumentenflug wechselt. Gestern wurde noch über die Möglichkeit gesprochen, dass sich der Pilot und sein Passagier womöglich mit dem Schleudersitz hätten retten können.

Wie schnell kann man diesen auslösen?
Wyss:
In der Regel löst man den Schleudersitz über einen Griff aus, der sich unter dem Sitz oder über dem Kopf befindet. Das System reagiert extrem schnell, wenn die Auslösung betätigt wird – innert weniger Augenblicke. Für einen Piloten ist der Schleudersitz immer die absolut letzte Massnahme in einer Notsituation (ob es vor dem Absturz gestern zum Versuch kam, den Schleudersitz zu betätigen, ist Gegenstand der Untersuchungen; Anm. d. Red.).

Interview Pascal Imbach

*Jürg Wyss ist Chefredaktor des Aviatik-Magazins «Aero Revue» und Privatpilot.