Interview

Andrea Imfeld-Gasser will in Obwalden Gerichtspräsidentin werden: «Ich bringe die richtigen Voraussetzungen mit»

Andrea Imfeld trägt die Hoffnungen der Parteien auf ihren Schultern. Sie soll den umstrittenen Roland Infanger als Kantonsgerichtspräsidentin ersetzen.

Interview: Franziska Herger
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Hier will sie bald als Kantonsgerichtspräsidentin ein und aus gehen: Andrea Imfeld-Gasser vor dem Gerichtsgebäude in Sarnen, wo sie bereits heute arbeitet.

Hier will sie bald als Kantonsgerichtspräsidentin ein und aus gehen: Andrea Imfeld-Gasser vor dem Gerichtsgebäude in Sarnen, wo sie bereits heute arbeitet.

Bild: Corinne Glanzmann (21. Januar 2020)

Richterwahlen schlagen selten Wellen. Oft dürften den meisten Wählern kaum die Namen der Kandidaten geläufig sein. Doch in Obwalden ist diesmal vieles anders. Der Angriff der Parteien auf den Kantonsgerichtspräsidenten II Roland Infanger (wir berichteten) hat ihm einiges an Bekanntheit eingebracht, und mit ihm sind auch die beiden anderen Gerichtspräsidenten, Monika Omlin und Lorenz Burch, inzwischen vielen ein Begriff. Noch kaum bekannt ist Andrea Imfeld-Gasser, von den Parteien als Gegenkandidatin zu Infanger aufgestellt. Im Interview sagt die 39-jährige Gerichtsschreiberin, warum sie den Aufruhr vor der Wahl gelassen nimmt.

Sie kandidieren in einer ungewöhnlich umstrittenen Richterwahl. Waren Sie sich dessen bewusst, als Sie sich zur Verfügung stellten?

Andrea Imfeld-Gasser: Ich hatte mich darauf eingestellt, dass es so kommen könnte, und mich gedanklich auf alle Eventualitäten vorbereitet. Die Situation ist sicher einmalig, und auch für das Stimmvolk, das eine Entscheidung treffen muss, nicht einfach. Aber ich verfolge meine eigenen Ziele. Aussergewöhnlich ist ja auch, dass alle Parteien von links bis rechts hinter meiner Kandidatur stehen.

Wie kam es zu Ihrer Kandidatur?

In Fachkreisen war schon länger bekannt, dass die Parteien einen Kandidaten suchten. Ich merkte, dass man eine Veränderung am Kantonsgericht suchte. Für mich sprach einiges für eine Kandidatur: Ich komme damit in meiner Karriere einen Schritt weiter und bin überzeugt, dass das Amt mir sehr viel Freude machen würde. Daher packte ich die Chance.

Welche Partei hat Sie ursprünglich aufgestellt?

Ich bin zwar CSP-Mitglied, wurde aber nicht von der CSP portiert, sondern von Anfang an von allen Parteien. Es gab im Vorfeld mehrere mögliche Kandidaten. Vertreter der Parteien sassen zusammen und entschieden sich für mich.

Die Pendenzen am Präsidium II und damit auch die Frage der Fallverteilung auf die einzelnen Präsidien geben zu reden. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Das Thema hat eine politische Komponente, daher müssen auch Politiker dazu Stellung nehmen. In den Präsidien arbeiten wir sachlich an unseren Fällen und versuchen, unsere Arbeit so gut wie möglich zu machen.

Der Arbeitsanfall am Kantonsgericht ist in allen Präsidien hoch, die Komplexität der Fälle, gerade im Wirtschaftsstrafrecht, nimmt zu. Fühlen Sie sich dem gewachsen?

Strafrecht ist im Moment nicht mein Hauptgebiet. Ich arbeite hauptsächlich für Gerichtspräsident Lorenz Burch im Präsidium I. Die Komplexität hat aber auch im Familienrecht und in ordentlichen Zivilfällen stark zugenommen. Der Aufwand ist zum Teil immens; uns wird sicher nicht langweilig. Das dürfte aber in jedem Kanton ein Thema sein. Ich bringe die richtigen fachlichen Voraussetzungen mit, bin belastbar und kann dieses Amt ausführen.

Ist das Kantonsgericht personell und fachlich für diese Herausforderungen gerüstet?

Aus Gerichtsschreibersicht fehlt mir hier der Überblick, daher kann ich das nicht beantworten.

Unabhängig davon, ob nun die Argumente der Parteien oder von Roland Infanger stimmen: Sie würden im Präsidium II ein schwieriges Erbe antreten. Wie gehen Sie damit um?

Ich weiss nicht, wie Herr Infanger seine Tätigkeit erlebt hat, ich habe mit ihm nicht darüber geredet. Aber es ist eine grosse Herausforderung, ein Präsidium zu übernehmen. Davor habe ich klar Respekt. Doch ich bin sehr motiviert. Auch, dass das Präsidium II sehr strafrechtslastig ist, ist für mich kein Hinderungsgrund, im Gegenteil. Ich finde Strafrecht sehr spannend, und habe bereits heute im Präsidium I mit Jugendstrafrecht zu tun.

Was reizt Sie an der Arbeit als Gerichtspräsidentin?

Sie ist viel lebendiger als die Tätigkeit als Gerichtsschreiberin, die oft im stillen Kämmerlein stattfindet. Als Gerichtspräsidentin übernimmt man die Verfahrensleitung und hat daher einen Gesamtüberblick. Den Kontakt mit den Parteien vor Gericht, mit Parteivertretern und Gutachtern fände ich höchst interessant.

Warum sollten die Obwaldner Stimmbürger Sie wählen?

Neben fachlichem Wissen verfüge ich über die nötigen menschlichen Qualitäten für das Amt: Ich agiere ruhig, versuche stets fair zu sein und habe viel Achtung vor den Parteien. Mir ist bewusst, dass es nicht einfach ist, vor Gericht zu erscheinen. Ich bin überzeugt, dass ich die gewünschte Veränderung im Präsidium herbeiführen kann.

Über Umwege ans Gericht

(fhe) Andrea Imfeld-Gasser ist in Lungern aufgewachsen und wohnt heute in Ramersberg. Sie studierte zwei Jahre Medizin, arbeitete danach einige Zeit in der Gastronomie und absolvierte anschliessend ein Jurastudium in Luzern. Seit 2013 ist sie an den Obwaldner Gerichten tätig, davon kurze Zeit als ausserordentliche Gerichtsschreiberin am Ober- und Verwaltungsgericht, hauptsächlich aber als Gerichtsschreiberin am Kantonsgericht. 2016 erwarb sie das Obwaldner Anwaltspatent. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.