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Als Milch zu teuer war und Obwaldner zum Schnaps griffen

Alkohol und Armut zwangen viele unserer Vorfahren zum Auswandern. Dieses Obwaldner Drama schildert Andreas Anderhalden in seinem neusten Buch auf 180 Seiten.
Romano Cuonz
Passagiere auf dem «Sonnendeck» eines Auswandererschiffes, gezeichnet von Sorgen (Repro: Romano Cuonz(Sarnen, 29. Oktober 2019)

Passagiere auf dem «Sonnendeck» eines Auswandererschiffes, gezeichnet von Sorgen (Repro: Romano Cuonz(Sarnen, 29. Oktober 2019)

«Mit meinem Buch ‹Alkohol, Armut, Auswanderung› möchte ich vermitteln, in welch schwierigen Verhältnissen unsere Vorfahren hier in Obwalden noch vor drei bis vier Generationen leben mussten», sagt der frühere Sachsler Arzt und heutige Buchautor Andreas Anderhalden. Oft würden heutige Menschen «die guten alten Zeiten» preisen, wenn sie von Krisen der Gegenwart genug hätten. Indessen, so Anderhalden: «Nach der Lektüre meines neuen Buches wird jedermann klar, dass es solch eine ‹gute alte Zeit› auch in Obwalden nur für die privilegierten Kreise gab.»

In der Tat: Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – vor der Einführung unserer Sozialwerke – wussten auch zwischen Pilatus und Brünig Tausende am frühen Morgen nicht, wovon sie sich tagsüber ernähren sollten. Eine minimale medizinische Versorgung oder gar Schulen für die Kinder konnten sie sich nicht leisten. Dieses soziale Elend setzte einen wahren Teufelskreis in Gang: Er führte über einen massiven Alkoholmissbrauch zur Verarmung und schliesslich zur Auswanderung nach Übersee, die von lokalen Politikern gar noch unterstützt wurde. Sie aber endete für die erste Generation nicht selten in noch viel grösserem Elend.

Autor Andreas Anderhalden inmitten von Gegenständen von damals in der Buchhandlung. (Bild: Romano Cuonz, Sarnen, 29. Oktober 2019)

Autor Andreas Anderhalden inmitten von Gegenständen von damals in der Buchhandlung. (Bild: Romano Cuonz, Sarnen, 29. Oktober 2019)

Andreas Anderhalden belegt im neuen Werk all dies mit zahlreichen Fakten, die er ebenso aus Archiven wie aus privaten Überlieferungen und Sammlungen hervorholt. Auch hat der Autor zahlreiche Gespräche mit Nachkommen von Auswanderern oder Lokalhistorikern geführt. Und immer wieder schildert er das dramatische Geschehen anhand eindrücklicher, manchmal Erstaunen, manchmal ein Kopfschütteln hervorrufenden Geschichtchen zur Geschichte. Was aber dem Buch seine ganz besondere Bedeutung gibt: Es zeigt einer breiten Öffentlichkeit Bilder, wie man sie bislang noch nicht gesehen hat.

Da ist etwa jenes, das besorgte Auswanderer zeigt, die eben aus unerträglich stickiger Luft im Schiffsbauch auf Deck drängen. Eine ganze Bildserie veranschaulicht überaus eindrücklich, wie Ankömmlinge im Eingangslager auf der Manhattan vorgelagerten Insel Ellis Island menschenunwürdig behandelt wurden. Oder ein anderes – es steht sogar auf der Titelseite – zeigt Auswanderer, aus deren sorgenvollen Gesichtern man die grosse Angst vor Ungewissem buchstäblich ablesen kann.

Verkettung desolater Umstände

Andreas Anderhalden gibt sich im neuen Buch nicht mit sattsam bekannten, oberflächlichen Erklärungen zufrieden. Er analysiert die Gründe, die zur Auswanderung nach Übersee geführt haben, sehr genau – und kommt dabei zu verblüffenden Ergebnissen. So zeigt er in seinem neuen Werk auf, wie im 19. Jahrhundert eine veränderte Nutzung von Allmenden zu einem massiven Anstieg des Milchpreises führte.

Ärmere Leute konnten sich den Kauf von Milch nicht mehr leisten und ersetzten diese durch Schnaps, der billig zu haben war und von Jung und Alt konsumiert wurde. Anderhalden wörtlich:

«Weite Teile der Bevölkerung stürzten in einen verheerenden Alkoholmissbrauch ab.»

Ganztags im Rauschzustand, waren ärmliche Bauern nicht mehr in der Lage, ihre Güter vernünftig zu bewirtschaften. Sie verlotterten. Die Besitzer verschuldeten sich durch die Aufnahme von Gülten zu Wucherzinsen.

«Den einzigen Ausweg aus der Misere sahen viele Betroffene in der Auswanderung nach Übersee, wo ihnen die gebratenen Tauben auch nicht einfach in den Mund flogen», schreibt Anderhalden. Wahrscheinlich hat noch niemand das Elend von damals so ungeschminkt und klar beim Namen genannt, wie der frühere Arzt. Doch er malt nicht einfach nur schwarz-weiss. Als sorgfältiger Analyst zeigt Anderhalden auch auf, wie die Behörden der unglücklichen Entwicklung – obschon meist eher ungeschickt – Einhalt zu gebieten suchten. Den Bogen spannt er dabei bis hin zur Gründung einer einheimischen Bank, die in Form von billigen Krediten dem unsäglichen «Gültenwesen» Einhalt zu gebieten versuchte.

Ein Buch, das oftmals erschreckende Zusammenhänge aufzeigt und auch vieles, was von Generation zu Generation erzählt wurde, präzisiert und richtigstellt.

Andreas Anderhalden: «Alkohol, Armut, Auswanderung – Dramatische Sozialgeschichte in Obwalden». 180 Seiten. Brunner Verlag Kriens. ISBN 978-3-03727-079-0

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