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Kolumne

Apfel und Kunst

Otto Leuenberger schreibt in seinem «Ich meinti» über besondere Begegnungen in Giswil.
Otto Leuenberger
Otto Leuenberger.

Otto Leuenberger.

Sonne, Wärme, gute Sicht, ideal für eine kleine Wanderung, einen Spaziergang in den Herbst. Giswil, mit seinem weiten Talkessel, der Laui und ihrem grossen Einzugsgebiet, reicht über den Glaubenbielenpass bis zum Brienzerrothorn und bietet ein reiches Netz an Möglichkeiten.

Seit Jahren findet jeweils im September in der Turbine Giswil die «International Performance Art» statt. Es ist ein kleines Festival mit Happenings, einer moderne Kunstgattung der besonderen Art. Das muss doch was Elitäres sein, das keiner versteht – ist ein erster Impuls. Die Organisatoren haben denn auch versucht, Einheimische, gar Kunstunkundige anzusprechen und einen Zugang zu öffnen. Unter dem Titel «Wanderlust» konnten Interessierte aus mehreren Kunstspaziergängen wählen. Warum nicht ein kleines Experiment wagen und darauf einlassen, dachte ich.

So kam es, dass ich in einer Gruppe mit Leuten aus der Schweiz, ja aus dem Ausland, gar aus Abchasien im südlichen Russland, von der Rudenzerburgruine über den Kirchenhügel der Laui entlang bis zur Rosenburg im Kleinteil unterwegs war. Diese Orte scheinen mir vertraut, und doch bot sich eine gute Gelegenheit, was Neues zu erleben. Wir hatten Zeit. Gemächlich unterwegs, tauchte jeweils unvermittelt die Künstlerin Milena Buckel auf – oder besser: sie erschien. Es waren leise, feine, sanfte Darbietungen, inspiriert von Geschichten und Sagen dieser Orte. So entstand eine besondere, poetische Magie.

Mir wurde allmählich bewusst, wie reich unser Lebensraum ist. Wie viel hier schlummert, tief verborgen in längst Vergangenem, geprägt von unendlich vielen Generationen, von Mensch und Natur. Da sind auch Abgründe, wie jene der Hexenverfolgung im Zusammenhang mit der verheerenden Überschwemmung 1629. Wir leben in einer wirklichen Kulturlandschaft.

Ich hab schon immer über die riesige Zahl von Flurnamen gestaunt. Mich über Namen gewundert, die voller Rätsel sind und doch für was stehen müssen. Es scheint mir wie ein riesiges Netz mit unsichtbaren Linien, mit Traum- und Erlebnispfaden, ein Kraft-, ein Energienetz. Reichtum pur. Ich habe bemerkt, welche Faszination dies alles auch auf Ortsfremde ausstrahlte.

Wie sich unsere grosse Gruppe so gegen Schluss über einen Wiesenweg im Kleinteil bewegt, geschieht etwas bemerkenswertes. Eine freundliche, offene Bäuerin bei der Ernte bietet uns ganz spontan reife Zwetschgen an. Es kommt zu einem kurzen «Nätschi». Einfach so. Ihr Mann stellt inzwischen seine Leiter an einen sehr dünnen, hochgeschossenen Apfelbaum. Oben, auf geschätzten vier Metern, hängt ein einsamer, letzter, violettroter Apfel, ganz aussen an einem Ästchen. Mir stockt der Atem. Typische Erntegier, denke ich als erstes. Wenn das nur gut geht. Vorsichtig, ruhig und ohne Hast steigt er steil hoch. Die Leiter scheint an Luft angelehnt. Ohne zu wackeln schafft er das Unmögliche. Was für ein Bild, für eine Performance! Eine in Sorgfalt und Achtsamkeit, möchte ich anfügen.

Der Nachmittag ist zu einem in bestem Sinne kleinen, unspektakulären Gesamtkunstwerk geworden. Das wirkt nach. Kunst ist auch, wenn es nichts aufzustellen, an die Wand zu hängen oder aufzuführen gibt – Lebenskunst.

Otto Leuenberger, ehem. Leiter Freizeitzentrum Obwalden und «Jungpensionär» aus Giswil, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

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