ASYLZENTRUM: Unruhe und Schweigen am Glaubenberg

Auf einen Schlag wechselt die Betreiberfirma ORS ihr Leitungsteam im Asylzentrum aus. Zu den Gründen will sich niemand äussern.

Philipp Unterschütz
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Asylbewerber vor dem Bundeszentrum auf dem Glaubenberg. (Bild Manuela Jans-Koch)

Asylbewerber vor dem Bundeszentrum auf dem Glaubenberg. (Bild Manuela Jans-Koch)

Philipp Unterschütz

Am Dienstag informierte der Leiter Betreuung bei der ORS im Bundesasylzentrum Glaubenberg an einer Sitzung und mit einem E-Mail die Mitarbeiter, dass er den Glaubenberg per Ende April verlassen werde. «Das hat persönliche Gründe, ich möchte wieder in meine Heimatregion zurückkehren. Weil die ORS mich halten wollte, hat sie mir eine neue Stelle in einem anderen Bereich der Unternehmung angeboten», begründet er seinen Abgang im E-Mail, das unserer Zeitung vorliegt.

Weiter heisst es darin, dass sich unter diesen Umständen auch seine Stellvertreterin entschlossen habe, nicht mehr länger auf dem Glaubenberg tätig zu sein. Ihr Abgang wird nicht weiter begründet. Die «angebotene Stelle» scheint aber noch nicht so genau festzustehen, heisst es doch einen Satz später: «Wann genau unsere letzten Arbeitstage auf dem Glaubenberg sein werden, steht noch nicht fest. Das hängt noch davon ab, an welchen Orten es für uns beruflich weitergeht.» Wie unserer Zeitung von gut informierten Quellen ausserdem zugetragen wurde, soll zudem noch ein dritter, der Leitung nahestehender Mitarbeiter das Zentrum verlassen.

Massive Vorwürfe an die Leitung

Die ORS will glauben machen, dass es sich um einen ganz normalen Personalwechsel handle. Berichte verschiedener Informanten an unsere Zeitung zeichnen ein anderes Bild. Die Personalführung der beiden Leiter scheint zu Unzufriedenheit und einem Klima der Angst unter den Mitarbeitern geführt zu haben. Insbesondere der Leiter wird als Choleriker dargestellt. Immer wieder soll es zu Wutausbrüchen und Schreidialogen gekommen sein. In mindestens zwei Fällen wurden Mitarbeiter fristlos auf die Strasse gestellt, ohne dass ihnen eine sachliche Begründung geliefert wurde. Im Raum stehen auch Vorwürfe mangelnder Kompetenz, die hier nicht näher ausgeführt werden, da sie für uns nicht überprüfbar sind. Öffentlich äussern, wie dies bereits eine ehemalige Mitarbeiterin nach ihrem freiwilligen Abgang im November in unserer Zeitung tat, will sich keiner vom jetzigen Personal. Man wolle nicht der oder die Nächs­te sein, der gehen müsse, sagen sie.

Für ORS ist der Vorgang normal

Wir fragten die ORS, warum sie ihrem Leiter andernorts eine Stelle anbiete und gleichzeitig auch seine Stellvertreterin den Glaubenberg verlasse. Und natürlich fragten wir auch, ob ein Zusammenhang mit den Vorwürfen bestehe. Nachdem die ORS zuerst genug Zeit für eine Stellungnahme verlangt hatte, erhielten wir einen Tag später anstelle von Antworten folgende Zeilen: «Reguläre Wechsel bei unserem Personal kommentieren wir nicht öffentlich. Das gilt auch für anonyme oder ungerechtfertigte Vorwürfe.»

Die Aufgaben, Kompetenzen und Qualifikationen ihrer Mitarbeiter seien «vertraglich klar definiert und werden von unserem Auftrag­geber überprüft. Dass es zu Wechseln beim Personal kommen kann, ist nichts Aussergewöhnliches. Der Betrieb in der Bundesunterkunft auf dem Glaubenberg läuft angesichts der vielen Herausforderungen, denen sich unsere Mitarbeiter gegenübersehen, weitgehend störungsfrei und reibungslos.» Das stehe im Vordergrund – «nicht zuletzt auch für die Asylsuchenden, die wir betreuen».

Bund will sich raushalten

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) als Auftraggeber will sich ebenfalls nicht konkret zu unseren Fragen äussern. Auch hier wurden wir einen weiteren Tag vertröstet, um schliesslich doch keine konkreten Auskünfte zu erhalten. Auch eine längere telefonische Unterhaltung brachte keine weiterführenden Informationen. Laut unseren Quellen hat der zweite fristlos Entlas­sene seine Kündigung nicht einfach hingenommen und ist schliesslich vom SEM zu einer Aussprache nach Bern eingeladen worden. Das SEM interessiert sich also sehr wohl für seine Aussagen, behauptet nach aussen aber, man mische sich nicht in die Personalbelange der ORS ein.

Das SEM will nicht einmal bestätigen, dass das Treffen stattgefunden hat. In einer schriftlichen Stellungnahme heisst es: «Die externe Betreuungsfirma ORS hat das SEM informiert, dass der bisherige Leiter Betreuung das Bundesasylzentrum Glaubenberg verlässt.» Man äussere sich aber «nicht zu Personalangelegenheiten seiner beauftragten Dienstleistungserbringer. Die vom SEM beauftragten Betreuungsunternehmen sind gemäss Vertrag verpflichtet, eine fachlich qualifizierte Betreuung zu gewährleisten. Das SEM kontrolliert die Qua­lität der erbrachten Dienstleistungen regelmässig.»

Zufall oder nicht?

Laut unseren Quellen wurde auch die Angestellte des SEM, die im Glaubenberg ihr Büro hat, mehrfach von den Mitarbeitern über die Probleme informiert. Das SEM war also darüber im Bild. Und kurz nach der Besprechung des SEM mit dem Entlassenen kam es zum beschriebenen Leitungswechsel. Ein Zufall? ORS und SEM schweigen sowohl zu den Vorwürfen als auch zum Grund.