Auch fürs Vieh gibt’s in Obwalden Homöopathie

Das Obwaldner Landwirtepaar Hans und Sonja Durrer sind, wie der Altdorfer Tierarzt Wendelin Gisler, überzeugt von der Wirkung von Homöopathie – auch bei ihren Tieren. Der Kantonstierarzt hält dagegen.

Christian Tschümperlin
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Hans und Sonja Durrer mit einer dank Homöopathie gesunden Kuh.

Hans und Sonja Durrer mit einer dank Homöopathie gesunden Kuh.

Bild: Christian Tschümperlin (Kerns, 20. Februar 2020)

Sie gilt als absolute Glaubensfrage: Manche schwören auf Homöopathie, andere halten sie für puren Hokuspokus. Während der Urner Tierarzt Wendelin Gisler voll von der Heilkraft überzeugt ist, kann Kantonstierarzt Andreas Ewy, der neben Uri auch für Schwyz, Ob- und Nidwalden zuständig ist, dieser nichts abgewinnen – obwohl auch er schon viele Erzählungen zu Ohren bekommen hat (siehe Kasten).

Hans und Sonja Durrer aus Kerns erinnern sich: Zwei oder drei Rinder litten fürchterlich unter Durchfall. Der Tierarzt unternahm alles, doch nichts half. «Wir hätten die Rinder aufgeben müssen», sagt Hans Durrer. Doch unter den Bauern galt schon damals der Urner Tierarzt und Homöopath Wendelin Gisler als Kapazität auf dem Gebiet. Die Durrers nahmen Kontakt zu ihm auf und zogen ihn zu Rate. Gisler brachte den Durrers auf deren Wunsch ein homöopathisches Mittel, das sie den Rindern verabreichten. Man spricht in einem solchen Fall von Gaben. «Der Durchfall verschwand.» Das war vor 20 Jahren.

Homöopathie hält Antibiotika-Einsatz tief

Seither hat Hans Durrer viel Erfahrung gesammelt mit Homöopathie beim Rindvieh. Er hat verschiedene Kurse besucht. «Kürzlich hatte ein Kalb eine Lungenentzündung, es war in einem sehr schlechten Zustand.» Hans Durrer verabreichte ihm «zwei, drei Gaben Kügelchen» und schon bald verbesserte sich der Allgemeinzustand des Kalbes.

Auch Kuheuter-Entzündungen behandelt er mit Homöopathie. «Diese sind extrem schmerzhaft für die Kühe. Sie fressen dann nichts mehr. Zwei, drei Stunden nach Verabreichung der Homöopathie kauen die Kühe wieder.» Den grossen Vorteil sieht Durrer darin, seine Tiere weitgehend selber heilen zu können und somit den Antibiotikaeinsatz sehr tief zu halten. «Bauern dürfen Antibiotika ohnehin nicht mehr vorbeugend einsetzen, sondern nur noch bei akuten Fällen», sagt Hans Durrer. Seine Frau Sonja setzt auch innerhalb der Familie seit Jahren Homöopathie ein. Aber mit der Unterstützung eines Homöopathen. Ein prägender Fall: «Unser Sohn litt an einer Lungenentzündung. Der Hausarzt wollte Antibiotika verabreichen.» Sonja vertraute auf den Homöopathen «Nachdem wir unserem Sohn die Kügelchen gegeben hatten, ging es ihm zusehend besser.» Nach zwei Tagen sei er wieder auf die Beine gekommen. Die grösste Herausforderung in der Homöopathie sehen die Durrers darin, das passende Heilmittel zu finden. «Für eine einzige Krankheit können mehrere verschiedene Mittel passen.» Anhand genauer Beobachtung fände man heraus, um welches Krankheitsbild es sich handelt. Das könne man alles in entsprechenden Büchern nachlesen. Aufgrund ihrer Erfahrung müssen die Durrers aber nicht mehr jedes Mal das Buch aufschlagen.

Auch die Schulmedizin kennt Grenzen

An Zufälle oder Spontanheilungen glauben sie denn auch nicht. «Die Homöopathie kann vielseitig eingesetzt werden», sagt Sonja Durrer. Sie hätten die Homöopathie immer wieder angewendet und sehr oft starke Erfolgsergebnisse erzielt. «Auch die Schulmedizin kommt manchmal an den Anschlag.» Wenn diese nicht weiterhelfe, sage man: «Das ist einfach so.» Wenn die Homöopathie einmal nicht helfe, heisse es: «Typisch, es war sowieso klar, dass diese nichts nützt.» Die Grenzen der Homöopathie definiert Sonja Durrer so: «Man kann den Beinbruch nicht nur mit Homöopathie kurieren.»

Aber wie erklären sich die beiden die heilende Wirkung? «Man heilt Ähnliches mit Ähnlichem», sagt Sonja Durrer. Also beispielsweise einen Schlangengift-Biss mit Schlangengift, in sehr verdünnter Form. In der höheren Homöopathie gibt es zudem für jeden Menschen ein eigenes Mittel, das gegen chronische Beschwerden wirken soll.

Heute ist Hans Durrer in einer Arbeitsgruppe für Homöopathie. «Wir tauschen in unserem Kreis Erfahrungen aus», sagt er. Auf homöopathische Heilmittel möchte er nicht mehr verzichten. Doch einen Wunsch hat er schon: «Ich würde mir wünschen, dass die Verständigung mit den Schulmedizinern sich verbessern würde. Die beiden Konzepte schliessen sich ja nicht aus, sie ergänzen sich.»

Kantonstierarzt: «Ein Nachweis der Wirksamkeit fehlt»

Kantonstierarzt Andreas Ewy.

Kantonstierarzt Andreas Ewy.

Bild: PD

Andreas Ewy ist als Kantonstierarzt seit 2014 zuständig für das Rindvieh in den Urkantonen. Er findet, dass die Homöopathie einen Wirkungsnachweis bisher schuldig blieb.

Andreas Ewy, was ist eigentlich Homöopathie?

Die Homöopathie ist eine Erfahrungsmedizin und damit pseudowissenschaftliche Methode zur Behandlung von Erkrankungen fast jeder Art. Sie wurde vom sächsischen Arzt Samuel Hahnemann um 1800 begründet und wird als «Klassische Homöopathie» bis heute nahezu unverändert vor allem im deutschsprachigen und französischen Sprachraum praktiziert. Sie beruht auf zwei allgemeinen Grundprinzipien. Hahnemann behauptete, dass nach dem Simile-Prinzip jede Krankheit durch Stoffe geheilt werden solle, die beim gesunden Patienten ähnliche Symptome hervorrufen. Ferner verkündete Hahnemann, dass nach dem Prinzip der Potenzierung die homöopathischen Mittel umso stärker wirken sollen, je mehr sie nach einem vorgeschriebenen Verfahren in «Lösungsmittel» verdünnt werden. Keines dieser beiden Prinzipien konnte bisher experimentell bestätigt werden.

Der Effekt verschwindet in Studien oder wird zum Placebo ...

Ein Placebo oder Scheinmedikament ist ein Arzneimittel, das keinen Arzneistoff enthält und somit auch keine pharmakologische Wirkung hat, die als ursächlich für die Heilung angesehen werden kann. Die Wirkung von Placebos wird mit psychosozialen Mechanismen erklärt. Ein Arzneimittel oder eine Therapie wird als «wirksam» erkannt, wenn es besser abschneidet als das Placebo. Die Homöopathie konnte diesen Nachweis trotz 200-jähriger Forschungstätigkeit bisher nicht erbringen.

Kann man es bei Kühen tatsächlich auf den Placebo-Effekt schieben?

Wenn es sich um die Aufnahme und Reflexionen der Grundstimmung von vertrauten Bezugspersonen handelt, ist die Sensorik von Tieren, aber auch Säuglingen und Kleinkindern ganz besonders ausgeprägt. Die Verfassung der Bezugsperson spielt eine gewaltigere Rolle als jede verbale Mitteilung. Sie wird vom Tier intensiv wahrgenommen. Das Tier muss nicht wissen, ob es ein echtes Medikament bekommt oder nur Homöopathie. Zudem sind Säuglinge, Kleinkinder und auch Tiere auf die nonverbale Kommunikation angewiesen, sie ist lebensnotwendig für sie – daher auch diese enorm feinen Antennen. Diese nachweisbaren Effekte werden im Fachjargon auch «Placebo by proxy» genannt.

Unter Bauern ist die Homöopathie beliebt. Wie erklären Sie sich das?

Es kursieren wundersame Heilungserfolge und Wirkungszusagen. Hätte die Homöopathie überprüfbare Heilungserfolge über den Placeboeffekt hinaus, wäre sie als Therapieform sehr willkommen. Bislang fehlt aber eine nachweisbare Wirkung. (cts)

Tierarzt: «Homöopathie wirkt tief»

Tierarzt Wendelin Gisler, Altdorf

Tierarzt Wendelin Gisler, Altdorf

Bild: Remo Infanger

Der Tierarzt Wendelin Gisler aus Altdorf verschreibt seit bald 20 Jahren keine schulmedizinischen Medikamente mehr und setzt voll auf die Homöopathie. Im Interview sagt er, warum.

Wendelin Gisler, was ist eigentlich Homöopathie?

Homöopathie ist eine der tiefst und längst wirksamen Heilmethoden, die es gibt. Sie kann nicht alles machen, aber das kann niemand. Wie funktioniert Homöopathie? Voraussetzung für eine erfolgreiche Anwendung ist, dass man das passende Heilmittel findet. Das ist die Hauptschwierigkeit und bedingt, dass man gut beobachtet. Und dass man alles am Patienten beobachtet, nicht nur das Körperliche, sondern auch das Verhalten und das Gemüthafte. Wenn man keine Zeit hat, wird man keinen Erfolg haben bei der Anwendung.

Wirkt die Homöopathie auch bei Kühen?

Es macht keinen Unterschied, ob ich einen Menschen oder eine Kuh erfasse. Ich probiere, mich auf den Patienten einzulassen und ihn zu verstehen in seinem Ganzen und seinem Wesen. Ich suche nicht einen Krankheitsnamen. Ich versuche, das ganze Krankheitsbild zu erfassen. Eine Kuh ist im Vergleich zum Menschen viel symptomärmer. Aber wenn man weiss, worauf achten, brauche ich auch bei der Befragung einer Kuh 15 bis 20 Minuten. Dann besteht noch ein Unterschied darin, dass sich das Tier nicht verstellt. Das, was ich objektiv wahrnehme, ist richtig, ist wahr. Was mir der Mensch alles erzählt, ist oft Fassade.

Was halten Sie vom Placeboeffekt?

Ich habe nichts gegen den Placeboeffekt, wenn das wirklich so ist. Aber warum lächeln die Bauern dann nicht einfach ein bisschen öfters die Tiere an, wenn dies das gesamte Geheimnis ist? (cts)