BASEL/SARNEN: Rätsel um Würste, Senf und Brot

In 31 000 Haushalte, 18 000 davon im Kanton Obwalden, flatterte diese Woche ein Kunstplakat. Die Empfänger erfahren nicht, worum es dabei gehen soll.

Markus von Rotz
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Das Wurst-Menü ist angerichtet: Celia und Nathalie Sidler wollen sich heute dazu erklären. (Bild Markus von Rotz)

Das Wurst-Menü ist angerichtet: Celia und Nathalie Sidler wollen sich heute dazu erklären. (Bild Markus von Rotz)

Es handelt sich, so viel ist aus einem unserer Redaktion vorliegenden Konzept ersichtlich, um eine Kunstaktion der beiden am 20. April 1983 in Sarnen geborenen und in Basel wohnhaften Celia und Nathalie Sidler. Was sie damit allerdings genau bezwecken, ist trotz umfangreicher Unterlagen nicht verständlich.

Im Sinne eines Erklärungsversuchs führen wir ein fiktives Interview mit den beiden: Die Fragen sind eingeschoben, die Antworten sind ausschliesslich Originalzitate aus den Unterlagen und ­E-Mails zum Projekt. Das Ganze wollen die beiden mit einem Stand heute Samstag am Sarner Markt auf dem Dorfplatz auflösen.

Sie lassen den Empfänger mit drei Sätzen allein, die da lauten: «Was hier verteilt wird, ist ein Code. Das Material ist weiterhin und immer wieder verfügbar. Dabei ist es längst vergeben. Ein Bild als letzter Rest.» Was soll uns das sagen?

Celia/Nathalie Sidler: Der Beilagenprospekt zeigt auf der Vorderseite, die bei der Entfaltung zuerst wahrnehmbar ist, einen kurzen Text, der von der Kunsttheoretikerin Bernadette Settele verfasst ist. Dieser gibt einen Interpretationshinweis und erläutert die Thematik unseres künstlerischen Arbeitens.

Der Inhalt besteht aber nur aus Wurst, Brot und Senf.

Sidler: Auf der Rückseite ist ein Paar sichtbar. Es besteht aus einer Bio-Tofu- Cerfu und einer Quorn-Wurst zum Braten. Dieses Bild, das vom Basler Fotografen Andreas Zimmermann in der ästhetisch sterilen Art der Produktefotografie aufgenommen wurde, gibt einen Hinweis auf unser künstlerisches Schaffen.

Wie kam es überhaupt zu diesem Projekt?

Sidler: Wir, Celia und Nathalie Sidler, intervenieren im öffentlichen Raum Der Ursprung der künstlerischen Intervention liegt in der Einladung zur Realisierung des Kunsthefts Nr. 13 der Kulturkommission Obwalden. Ein Bild als letzter Rest ist eine Arbeit, die sich mit unserer künstlerischen Haltung und den bisher entstandenen künstlerischen Arbeiten auseinandersetzt.

Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit ausdrücken?

Sidler: In unserer künstlerischen Arbeit interessiert Sichtbarmachung von gesellschaftlichen Verhaltensweisen und Konventionen. Dabei ist die Beobachtung und Reflexion der Beziehungen und Wechselwirkungen der Gesellschaft mit den kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Systemen treibende Kraft unseres konzeptuellen Schaffens.

Verfolgen Sie damit auch eine politische Botschaft?

Sidler: Unter dem Gesichtspunkt des sich rasant wandelnden Weltgeschehens mit ökologischer, ökonomischer und kulturpolitischer Brisanz interessiert uns die Frage nach der Funktion und Rolle von Kunst in der Gesellschaft. Ausserdem bildet die vertiefte Auseinandersetzung mit Nahrungsmitteln einen Schwerpunkt. Nahrung als Material für eine künstlerische Arbeit erzeugt eine emotionale Berührung und Betroffenheit der Rezipienten.

Was soll das heissen?

Sidler: Den Inhalt und das Assoziationsfeld von Nahrung setzen wir als Beispiel eines gegenwärtigen Diskurses ein.

Offenbar haben Sie auch die Auswahl des Papiers nach besonderen Kriterien getroffen?

Sidler: Der Faltprospekt verführt durch seine Ästhetik und weist den typischen Charakter der Werbung auf. Das Papier ist ein Bavaria Gloss 70 Gramm pro Quadratmeter, das aufgrund seiner Holzhaltigkeit schnell vergilbt. Somit verweist er auf den ephemeren Charakter, der in all unseren Arbeiten zu finden ist.

Was hat der Besucher bei der Auflösung Ihrer Aktion am Sarner Markt zu erwarten?

Sidler: Auf dem Markt bieten wir rote Jonagold-Äpfel, denen der mehrdeutige Schriftzug «Back to the Basics» hineingelasert wurde, zum Verzehr an. So wird der Beilageprospekt an einem traditionellen Handelsplatz der regionalen Bevölkerung, zurück in den Kreislauf der Waren und des Konsums gebracht und mit einer weiteren Kunstaktion kontextualisiert.

Sie suchen dort auch das Gespräch mit Interessierten?

Sidler: Die Aktion am Wochenmarkt ist eine Aktion, die die Arbeit verortet und aufklärt. Ausserdem sind wir vor Ort und sprechen über den Beilageprospekt. So entsteht ein Diskurs, der dazu da ist, die beiden Aktionen mit unserem Schaffen zu vernetzen und um über deren Inhalte zu sprechen.

Hinweis

Das Projekt der beiden wird unter anderem durch die Kulturförderung Obwalden, die Kulturpauschale Basel-Stadt, Kulturelles Baselland sowie das Kunstbulletin und Aktuell Obwalden unterstützt. In diesen beiden Publikationen lag es in diesen Tagen bei.