BRUDER KLAUS: Der Ranft wird international

Niklaus von Flüe gilt als Nationalheiliger, seine Wirkungsstätte gehört zu den wichtigsten Orten der katholischen Schweiz. Doch jetzt wird eine ökumenische Bewegung aus Frankreich zur Hüterin des Obwaldner Pilgerorts.

Yasmin Kunz
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Schwester Mirjam Rombouts (Mitte) von Chemin Neuf organisiert die Nachfolge von Erasma Höfliger (links) und Fernanda Vogel (rechts). Das Bild entstand vor der Oberen Ranftkapelle. Bild Dominik Wunderli

Schwester Mirjam Rombouts (Mitte) von Chemin Neuf organisiert die Nachfolge von Erasma Höfliger (links) und Fernanda Vogel (rechts). Das Bild entstand vor der Oberen Ranftkapelle. Bild Dominik Wunderli

Jedes Jahr pilgern gegen hunderttausend Gläubige in die Ranftschlucht bei Sachseln, um Kraft zu tanken. Aber auch, um Bruder Klaus die Ehre zu erweisen. Schon zu Lebzeiten galt Niklaus von Flüe (1417–1487) als Heiliger, und heute ist er der mit Abstand populärste Schweizer Heilige, wird sogar als «Nationalheiliger» und «Schutzpatron der Schweiz» verehrt. Immer wieder muss er auch für politische Zwecke herhalten. Sein berühmter Spruch «Machet den Zun nit zu wit!» wurde beispielsweise von EU-Gegnern benutzt.

Ein Ehepaar übernimmt

Doch die Zeiten ändern sich, auch im Ranft. Die Klosterfrauen der Ingenbohler und Menzinger Schwestern, die sich bisher um den Pilgerbetrieb gekümmert haben, treten altershalber zurück. Und andere Schweizer Klosterfrauen für den Ranft-Dienst zu finden, war nicht möglich. Fündig geworden ist man hingegen bei der französischen Bewegung Chemin Neuf («Neuer Weg»), die bereits seit 2012 einen Ableger in Obwalden hat. Geplant ist, dass sich ab September ein Ehepaar von Chemin Neuf um den Pilgerbetrieb kümmert – die Gemeinschaft vereint zölibatäre Ordensleute genauso wie Familien. Chemin Neuf ist zwar eine katholische Bewegung, hat aber gemäss eigenen Angaben eine «ökumenische Berufung». Entstanden ist sie 1973 aus einem Gebetskreis in Lyon und zählt heute rund 2000 Mitglieder. Schwester Mirjam Rombouts (36) gehörte zu den Ersten, die in Obwalden Fuss fassten. Sie lebt im Gästehaus des Klosters Bethanien in St. Niklausen – unweit vom Ranft. Chemin Neuf hatte den Betrieb des Gästehauses 2012 übernommen, weil die Schwestern des Klosters dazu nicht mehr in der Lage waren.

Neben dem erwähnten Ehepaar, das aus dem Elsass stammt, werden noch weitere Mitglieder von Chemin Neuf in den Ranft kommen. «Wie genau das Team hier aussehen wird, das wissen wir noch nicht», sagt Schwester Mirjam, «wir passen das Team der Situation an.»

Sprachkenntnisse sind wichtig

Doch wie ist Chemin Neuf überhaupt zu diesem Engagement im Ranft gekommen? Ausgeschrieben wurden die Stellen nicht, betont Donato Fisch, Verwalter der Kirchgemeinde Sachseln und Ratsschreiber: «Wir wollten nicht einen Haufen Bewerbungen von Einsiedlern.» Vielmehr habe man Chemin Neuf direkt angefragt. «Wichtig war für uns, dass eine Gemeinschaft diese Aufgaben übernimmt.» Keine konservative, keine progressive – einfach eine, die im Geist von Bruder Klaus im Ranft leben und wirken und Ansprechpartnerin für alle Pilger und Touristen sein könne. Dass die Mitglieder von Chemin Neuf vor allem aus Frankreich kommen, sei auch ein Vorteil. «Sprachkentnisse, vor allem auch Französisch, sind wichtig für den Wallfahrtsort», sagt Donato Fisch.

Auch die beiden bisherigen Schwestern Fernanda Vogel (73) und Erasma Höfliger (69), die heute noch im Ranft Dienst tun, haben kein Problem mit ihren Nachfolgern. «Sie vertreten die gleichen christlichen Ideale wie wir», sagt Erasma Höfliger. «Wichtig war uns, dass dieser Ort als Heiligtum fortgesetzt wird und dass sie ein offenes Ohr für die Pilger haben.»

Schwester Mirjam Rombouts betont, dass man nicht den ganzen Betrieb auf den Kopf stellen wolle. «Wir wollen das Flüeli-Ranft so weiterführen, wie es bisher war.» Die Gemeinschaft Chemin Neuf würde sich für die Einheit der christlichen Kirchen einsetzen, so Rombouts weiter. Gibt es eine «Geschäftsphilosophie»? «Philosophie ist das falsche Wort. Für uns wie auch für die Klosterfrauen ist die Basis der Arbeit das Evangelium – das ist die treibende Kraft», erklärt Mirjam Rombouts.

Und der Schweizer Nationalheilige? «Bruder Klaus ist unser Vorbild», sagt Schwester Mirjam, die selber aus Deutschland stammt. Sie habe viel über ihn gelesen und gehört. «Und alles kann man über ihn sowieso nicht wissen», wirft Erasma Höfliger ein.

15-Stunden-Arbeitstage

Bis die neuen «Gastgeber» im Ranft eintreffen, hilft Schwester Mirjam schon einmal mit und unterstützt die beiden bisherigen Schwestern bei den täglichen Arbeiten rund um den Ranft. Und die haben es in sich. So müssen die Schwestern nicht nur für die Pilger und deren Anliegen da sein, sondern sich auch um den Laden kümmern und im Winter Schnee schaufeln. Oft dauert ein Arbeitstag von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Trotz der strengen Arbeit blicken Fernanda Vogel und Erasma Höfliger gerne auf Zeit im Flüeli-Ranft zurück. Fernanda Vogel schätzte vor allem die vielen Pilger und die Dankensbriefe, die sie in den knapp 18 Jahren erhalten hat. Bereits in den nächsten Tagen wird sie den Ranft verlassen und nach Amden SG ins Kur- und Ferienhaus ziehen. Schwester Erasma wird noch bis September hier bleiben, anschliessend wechselt sie ins Kloster Ingenbohl.