Kolumne

Bundesratswahlen... und ich

Romano Cuonz erzählt in seinem «Ich meinti», wie er bei Wahlen in Bern erlebte.

Romano Cuonz
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Romano Cuonz.

Romano Cuonz.

1959: Als 14-jähriger Kollegischüler kam ich meinem ersten Bundesrat erstaunlich nahe. Nicht, dass wir die eher überraschende Wahl von Ludwig von Moos live mitverfolgt hätten. Damals waren wir ja noch von morgens um sechs bis abends um halb sieben Uhr im alten Gymnasium «eingesperrt». Ein Radio gab es da nicht. Trotzdem verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Mitten im Abendstudium dann die Überraschung: Pater Ludwig holte alle Schüler aus dem grossen Saal: Unser Bundesrat sei da! Externe und Interne rannten ins Foyer. Alsbald erschien der stattliche Mann in schwarzem Mantel und mit weissem Schal in der Tür. Der vorbildliche «Ehemalige» – wie die Patres noch und noch betonten – trat samt Weibeln in unsere Mitte. Keinen Meter von mir entfernt blieb er stehen! Und ich schäme mich noch heute: Das einzige, worauf ich während seiner langen Rede starrte und was ich in Erinnerung behielt, waren einige lange schwarze Härchen, die dem Magistraten aus der Nase wuchsen! Erst als er uns den schulfreien Tag ankündete, konnte ich mich davon losreissen. Und, wie alle, in die gewonnene Freiheit rennen.

1979: Als der letzte Zuger Bundesrat Hans Hürlimann gewählt wurde, war ich Lehrer. Zwecks Aktualisierung des Staatskundeunterrichts hatten wir fürs Sekundarschulhaus ein Schwarz-Weiss-Fernsehgerät gemietet. Die Schüler zeigten sich begeistert. Auch am Abend, als sie am Bahnhof Schweizer-, Zuger- und Chamerfähnchen schwenken mussten, machten sie gutmütig mit. Ich durfte den so herzlichen Empfang als Mitarbeiter einer Lokalzeitung fotografisch und textlich festhalten. Eben knipste ich das Bild, wie der frischgebackene Bundesrat auf die Schüler zuging. Da passierte es. Hans Hürlimann war ja als Zuger Erziehungs- und Militärdirektor dafür berüchtigt, dass er, wo immer er auf Schüler oder Rekruten traf, deren Staatskundewissen examinierte. Und prompt nahm er auch jetzt einen Jungen ins Visier. Ob er wisse, wie viele National- und Ständeräte die Schweiz habe? Der Knabe errötete. Und die Mädchen kicherten. Doch plötzlich wandte sich der Magistrat mir zu. Und – oh wie peinlich – auch ich konnte seine Frage nicht beantworten.

1989, als die Bundesversammlung den Luzerner Zigarren- und Fahrradfabrikanten Kaspar Villiger glanzvoll wählte, war ich als Radioreporter mit dabei. Weil das Monopol des Schweizer Radios und Fernsehens kurz zuvor durch Lokalradios gebrochen worden war, mussten wir lange warten, bis der Neugewählte fürs Regional-Journal Zeit fand. Nervenaufreibend war es. Zum Trost wollte mir jemand aus Kaspar Villigers Entourage ein Geschenkpäckchen mit wertvollen Zigarren reichen. Doch ich, als militanter Nichtraucher, wies die «Stumpen» energisch zurück. Genau in dem Moment wurde Kaspar Villiger fürs Interview zu uns gereicht, und er bekam eben noch mit, wie ich laut schimpfte. Ich war so etwas von verlegen. In der Not versicherte ich dem Bundesrat, dass ich mindestens ein Villiger-Rennvelo fahre. Bis auf die Kette, die bisweilen abspringe, sei das voll ok. Villiger lächelte und beantwortete all meine Fragen. Eine Woche später traf ein kleines Päckchen ein: von der Firma Villiger. Darin befand sich – neben einer Broschüre über den Genuss edler Tabake aus aller Welt – ein Gutschein für einen Gratis-Kettenservice an meinem Velo.

2019: Wenn nun – in genau 13 Tagen – wieder Bundesratswahlen anstehen, werde ich auf meinem Sofa sitzen. Und für einmal nicht ins Fettnäpfchen treten. Und staunen werde ich: Wie Hunderte Journalisten und Journalistinnen mit Mikrofonen und Kameras Töne und Bilder zu erhaschen versuchen und dabei ihrem Namen als die «Vierte Gewalt» alle Ehre machen. Oder: Wie die 246 Parlamentsmitglieder auf der Hut sein müssen, damit sie sich nicht schon vor dem Wählen im Kabelsalat verfangen. Übrigens: Mit einer Prophezeiung lasse ich mich auch diesmal auf die Äste hinaus: «Im Gägäsatz zum Kalif Storch im beriämtä Märli, wärdit Birgerlichi diä alt Zäiberformlä, im entschäidendä Momänt, sicher nid vergässä!»