China-Kennerin behebt Obwaldner Schutzmantel-Engpass

Das Kantonsspital Obwalden hat wieder genügend Schutzmäntel und -masken. Dafür nahm die 23-jährige Karin Hess auch schlaflose Nächte in Kauf.

Matthias Piazza
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Alex Birrer, Chef Kantonaler Führungsstab, Remo Ehrsam, Leiter Einkauf/Logistik des Kantonsspital Obwalden und Karin Hess, freiwillige Helferin aus Alpnach, nehmen das Schutzmaterial in Empfang (von links).

Alex Birrer, Chef Kantonaler Führungsstab, Remo Ehrsam, Leiter Einkauf/Logistik des Kantonsspital Obwalden und Karin Hess, freiwillige Helferin aus Alpnach, nehmen das Schutzmaterial in Empfang (von links).

Bild: PD (Sarnen, 22. April 2020)

Eine in Zeiten von Corona besonders wertvolle, sechs Tonnen schwere Fracht traf am Mittwoch im Kantonsspital Obwalden in Sarnen ein. Ein Anhängerzug lieferte in rund 870 Schachteln 80000 Schutzmäntel und 150000 Schutzmasken. Sie hatten einen elfstündigen Flug vom chinesischen Schanghai nach Zürich hinter sich.

Dass das Spital und die Alters- und Pflegeheime Obwaldens nun wieder mit genügend Schutzmaterial eingedeckt sind, ist vor allem Karin Hess zu verdanken. Weil wegen der Coronapandemie ihr Praktikum bei der Schweizer Botschaft in Peking im Moment nicht möglich ist, engagiert sich die 23-jährige Alpnacherin zurzeit als freiwillige Covid-19-Helferin bei der Materialbeschaffung im Kantonsspital Obwalden. Im Rahmen ihres Studiums der chinesischen Sprache und Kultur (Sinologie) hat sie mehrere Monate in China verbracht und studiert, spricht fliessend Mandarin und verfügt über gute und langjährige Kontakte in China.

Das erwies sich als Glücksfall, ist doch China einer der weltweit führenden Produzenten von medizinischem Schutzmaterial. Als sich Ende März die drohende Verknappung von Schutzmänteln abzeichnete, bot Karin Hess ihre Hilfe an. Sie liess ihr Netzwerk in China spielen, fand schliesslich einen Schutzmaskenproduzenten in Chengdu, rund 2000 Kilometer von Schanghai entfernt, und eine Firma für Schutzmäntel in Nantong (etwa 150 Kilometer von Schanghai entfernt). «Meine Freunde in China haben massgeblich zum Erfolg beigetragen, allen voran meine gute Freundin Jia Yan, die sonst in der Schweiz wohnt und zur Unterstützung der Materiallieferung extra nach China reiste», erzählt Karin Hess. Vom Elan ihrer Freunde zeigt sie sich beeindruckt: «Sie gingen beispielsweise sogar in die Fabriken, um sich zu vergewissern, dass bei der Produktion alles richtig läuft.»

Maske ist nicht gleich Maske

Sie ist überzeugt, dass eine solche Materialbeschaffung in China ohne Kenntnisse der Kultur, der Sprache und ohne persönliche Kontakte zurzeit fast ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre. «Schutzmasken und Schutzmäntel sind Mangelware. Auch bei den chinesischen Firmen werden die Rohmaterialien langsam knapp.» China werde zurzeit mit Bestellungen aus der ganzen Welt überflutet. «Die Zeit drängte.» Eine Herausforderung sei auch das Herausfiltern der richtigen Fabriken gewesen, welche Produkte herstellten, die auch den Schweizer Qualitätsstandards entsprächen.

Karin Hess (sie ist die Tochter von Regierungsrat Josef Hess) blickt auf drei intensive Wochen mit oft kurzen Nächten zurück. «Tauchte mit der Verzollung oder mit dem Transport ein Problem auf, kontaktierte man mich, das konnte auch mal morgens um vier Uhr passieren, wegen der Zeitverschiebung.»

Vor allem in der Kommunikation macht sie Unterschiede zwischen der Schweizer und der chinesischen Mentalität aus. «Wenn in China etwas nicht planmässig läuft, wird das nicht immer direkt kommuniziert. Da muss man manchmal etwas nachhaken. So meldete das Lager in Schanghai etwa am Tag nach der geplanten Lieferung, dass die Ware noch nicht angekommen sei. Dabei hatte der Lastwagenfahrer einfach abgeladen, ohne jemandem etwas zu sagen, als er bei Ablieferung niemanden antraf», macht sie ein Beispiel.

Kantonsspital hat Nachschub dringend erwartet

Über die wertvolle Lieferung freut sich Remo Ehrsam, Leiter Einkauf/Logistik beim Kantonsspital Obwalden. «Wir haben dieses Schutzmaterial dringend erwartet. Vor allem bei den Schutzmänteln drohten die Vorräte in nächster Zeit sehr knapp zu werden», sagt er. «Der Verbrauch an Schutzmaterial ist bei den Abstrichen der Verdachtsfälle und der Betreuung von Covid-19-Patienten auf der Isolierstation enorm hoch.» Entsprechend dankbar ist er Karin Hess: «Ohne die persönlichen Kontakte nach China wäre diese Lieferung gar nicht möglich gewesen.»