Dem Museum geht es an die Wäsche: Engelberg öffnet seinen Kleiderschrank

Handschuhe, Melkerblusen und Sommerkleidchen: Engelberg hat in den letzten 200 Jahren so einige Modetrends erlebt. Das Tal Museum stellt seine bunte Kleidersammlung aus. Nur ein einziges Stück blieb ungebügelt – mit gutem Grund.

Simon Mathis
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Von links im Uhrzeigersinn: Zwei Damen- und eine Herrenunterhose, ein Nähkasten von Jacob Henseler und eine traditionelle Tracht. (Bild: Bilder: Pius Amrein (6. Juni 2019, Engelberg))

Von links im Uhrzeigersinn: Zwei Damen- und eine Herrenunterhose, ein Nähkasten von Jacob Henseler und eine traditionelle Tracht. (Bild: Bilder: Pius Amrein (6. Juni 2019, Engelberg))

Traditionelle Trachten, kultige Norwegerhandschuhe und sportliche Strohhüte namens «Kreissäge» – als Klosterdorf und Tourismushochburg hat Engelberg in den letzten 200 Jahren einige Modetrends erlebt. Diesen geht das Tal Museum Engelberg seit diesem Samstag nach – in der Sonderausstellung «Holzschuh und Zylinder». Der Stoff der Ausstellung ist wortwörtlich der Stoff. Das Museum hat seine umfangreiche Kleidersammlung gesichtet und stellt nun die interessantesten Stücke aus.

«Für uns war die Vorbereitung ein kleines Abenteuer», erzählt Museumsleiterin Nicole Eller Risi.

«Wir wussten teils gar nicht, was sich alles in unseren Kisten verbarg.»

Denn einige von ihnen waren äusserst ungenau angeschrieben, etwa schlicht mit «Nachthemd».

Das Thema Textilien lag schon länger in der Luft. Es bietet sich an, da die Museumsgründerin Maria Amstutz eine leidenschaftliche Trachtenstickerin war. Gastkuratorin und Ideengeberin der Ausstellung ist die Engelberger Historikerin Katharina Odermatt, die ebenfalls eine Affinität für den Kleiderstoff hat.

Hirthämmli unten ohne

«Was wir in unserer Sammlung nicht fanden, war fast spannender als das, was wir fanden», sagt Nicole Eller. Denn die Lücken zeigen, was die Engelberger als weniger erhaltenswert einschätzen – obwohl es für ein Museum höchst spannend wäre. «Alte Sportkleider konnten wir beinahe keine auftreiben», stellt Eller fest. An Hirthämmli hingegen fehlt es dem Museum nicht. Die bestickten Oberteile sind auch in der Ausstellung prominent zu sehen. Nur: Die passenden Hosen fehlen. Kein Wunder, handelt es sich doch um ein unauffälliges, schwarzes Stück Stoff.

Von einer raueren Seite der Landwirtschaft erzählt ein Leinenhemd, das einem Arbeiter gehört hat, zerknittert und unzählige Male geflickt. «Es ist das einzige Stück, das wir nicht gebügelt haben», erzählt Eller. Denn man dürfe wohl davon ausgehen, dass das Hemd noch nie ein Bügeleisen von unten gesehen habe. Für bestimmte bäuerliche Aufgaben gab es ganz besondere Kleidungsstücke: so die blau-weiss gestreifte Melkerbluse, die man heute noch kaufen kann. Viele der Ausstellungsstücke sind abgetragen; gerade Hirthämmli wurden oft von Generation zu Generation weitergegeben.

In der Ausstellung weht auch ein Hauch von Belle Époque; so wird etwa eine elegante Damenbluse mit Rüschen am Hals gezeigt, typisch für die Mode um 1900. Der Kontrast zum zerschlissenen Arbeiterhemd könnte kaum grösser sein.

Die vergessenen Schneiderlein

An der Innenseite einer Kostümjacke erblickt man gar einen Namen: «Pauline Kuster – Damenschneiderin – Engelberg», heisst es da. Mehr als dieses Etikett ist von Kuster nicht überliefert. Etwas mehr weiss man über ihren Berufskollegen Jacob Henseler, der sich in seinen Rechnungen tourismusgerecht «Tailor» nennt. 1945 zum Beispiel fertigte er einen Jupe an und flickte einen Pullover sowie eine «Skiblouse».

Zu grosser Bekanntheit schaffte es kein Schneider, wohl aber ein kleines Kleidungsstück: Ein Norwegerhandschuh, der 1936 prominent in einem Werbeplakat für den Trübsee auftauchte. Der Engelberger Fotograf und Grafikdesigner Herbert Matter zeigte eine junge Frau, die in die Kamera grinst, die linke Gesichtshälfte verdeckt vom Handschuh mit dem typischen Sternenmuster.

Das Untergeschoss ist für die Unterwäsche reserviert. Hier, rund um ein Miniatur-Modell Engelbergs, reiht sich Unterhose an Unterhose. Wobei: Nicole Eller erinnert daran, dass man das Wort «Unterhose» früher als unsittlich empfand. Die Wörter «Beinkleider» für Damen und «Unterbeinkleider» für Herren galten als weniger verfänglich. Obwohl sie Schamgefühle auslösten, sind viele dieser «Kleider» handgemachte, aufwendig bestickte Kunstwerke.

Hinweis: Sonderausstellung «Holzschuh und Zylinder» im Tal Museum Engelberg bis 13. Oktober. Geöffnet von Mittwoch bis Sonntag zwischen 14 und 18 Uhr.