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Deshalb kam der Hase heuer so spät: Engelberger Zeitexperte erklärt das Osterdatum

Sonne oder Mond? Jüdisch oder christlich? Das Osterdatum hat in der Kirchengeschichte für Aufregung und Kopfzerbrechen gesorgt. Der Engelberger Zeitexperte Louis-Sepp Willimann erklärt, weshalb – und was Ostern mit dem Computer zu tun hat.
Interview: Simon Mathis
Bei Louis-Sepp Willimann dreht sich alles um die Zeit: Hier steht er unter der Sonnenuhr der Stanser Pfarrkirche. (Bild: Pius Amrein, Stans, 17. April 2019)

Bei Louis-Sepp Willimann dreht sich alles um die Zeit: Hier steht er unter der Sonnenuhr der Stanser Pfarrkirche. (Bild: Pius Amrein, Stans, 17. April 2019)

«Ostern findet am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond statt» – diese Faustregel haben viele in ihrem Gedächtnis verankert. Dieses Jahr stimmt sie aber nicht. Frühlingsanfang war am 20. März. Der erste Frühlingsvollmond stand am 21. März am Himmel. Ostern 2019 hätte also bereits am 24. März, nicht erst am 21. April stattfinden müssen. Was steckt dahinter? Wir haben mit dem Engelberger Uhren- und Zeitexperte Louis-Sepp Willimann gesprochen. Er erklärt das sogenannte «Osterparadoxon», dessen Ursachen tief in der Kirchengeschichte verwurzelt sind.

Wie sind Sie eigentlich auf das Osterparadox aufmerksam geworden?

Louis-Sepp Willimann: Das war ein purer Zufall. Die Ehefrau eines Freundes wollte von mir wissen, wie das mit dem Osterdatum ist. Selbstsicher habe ich die altbekannte Regel vorgebetet. Ein Blick in den Kalender zeigte mir dann aber: Ups, das stimmt dieses Jahr ja gar nicht! Das brachte mich, der gerade vor kurzem an der Seniorenuni einen Vortrag über den Kalender gehalten hatte, etwas in Verlegenheit. Dann habe ich mich vertieft mit dem Thema auseinandergesetzt. Und festgestellt, dass dieses kalendarische Problem geschichtlich äusserst vertrackt ist.

Wie weit müssen wir zurückgehen, um das Paradox zu verstehen?

Eine ganze Weile. Bis zur Kreuzigung Jesus. In der Bibel wird dieser Tag genau festgelegt: Nach dem jüdischen Kalender ist es der 14. Nissan gewesen.

Nissan?

Das ist der erste Monat des rituellen jüdischen Kalenders. Der 14. Nissan war in jenem Jahr ein Freitag. Die Auferstehung wird entsprechend auf den 16. Nissan datiert – einen Sonntag.

Was hat das nun mit dem Mond zu tun?

Der jüdische Kalender richtet sich nach dem Mond. Wann immer man am Nachthimmel zum ersten Mal den Mond als Sichel sieht, ist das der erste Tag des Monats. Das nannte man das «junge Licht». Am 14. Nissan war nach dieser Rechnung ein Vollmond.

Und die frühen Christen orientierten sich am jüdischen Kalender?

Genau. Das änderte sich allerdings, als sie sich in der ganzen Welt verteilten. Die Christen verloren den Bezug zur jüdischen Kultur und zum Kalender der Juden. Man wurde unsicher, wann genau Ostern zu feiern sei. Die römischen Christen übernahmen den julianischen Kalender, der sich nach dem Lauf der Sonne richtete. So entstanden Streitigkeiten über den «wahren» Ostertermin. Damals stritt man sich gerne über Äusserlichkeiten. Man meinte, daran hinge der Glaube.

Wie wurde der Streit dann geschlichtet?

Mit dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 wollte man den Missstand beseitigen. Das Konzil legte fest: Ostern ist nach dem Frühlingsanfang, nach dem Pessachfest und an einem Sonntag. Damit war Ostern wieder indirekt an den Vollmond gebunden, da das Pessachfest ein jüdischer Brauch ist.

Das hat die Diskussionen aber nicht beendet?

Nein. Erst der angelsächsische Gelehrte Beda Venerabilis, der von 672 bis 735 lebte, schlichtete den Streit und machte das Osterdatum verbindlich. Er präzisierte die Definition des Konzils und formulierte die heute gültige Regel: Ostern ist am Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang.

Und warum gilt die Regel nicht immer?

Das hat mit den Messinstrumenten zu tun. In der Zeit von Beda Venerabilis konnte man den Zeitpunkt des Vollmonds nicht genau festlegen. Deshalb arbeitete man mit Erfahrungswerten. Man rechnete damit, dass sich die Position des Vollmonds alle 76 Jahre wiederholte – und legte so einen «christlichen» Vollmond-Zyklus fest. Dieser christliche Vollmond fällt meistens, aber nicht immer mit dem astronomischen zusammen. Beim Frühlingsanfang verfuhr man ähnlich. Er wurde auf den 21. März festgelegt.

Es gibt also eine christliche und eine astronomische Zeitrechnung.

Und mit diesem Wissen kann man das Osterparadox 2019 verstehen. Der erste Frühlingsvollmond und der Frühlingsanfang haben die Plätze getauscht. Der erste Frühlingsvollmond fand zwar astronomisch am 21. März um 2.43 Uhr statt, der christliche Zyklus datiert ihn jedoch auf den 20. März. Umgekehrt überschritt die Sonne den Himmeläquator in unserer Zeitzone schon am 20. März um 22.58 Uhr, der kirchliche Frühlingsanfang findet hingegen erst am 21. März statt.

Ganz schön kompliziert!

So kompliziert, dass Laien im Mittelalter keine Chancen hatten, das Datum zu berechnen. Auch der Papst konnte das nicht einfach so. Deshalb stellte er eigens Experten an, die damit beschäftigt waren, die Ostertermine zu fixieren. Für diese Wissenschaft gab es sogar einen eigenen Namen: «Computus», das «Berechnen (des Ostertermins)». Unser Wort «Computer» stammt übrigens vom selben lateinischen Wort ab.

Jetzt mal ehrlich: Geht’s nicht auch einfacher?

Es gibt schon seit langem Bestrebungen, das Osterdatum im Kalender zu fixieren. Vor allem, um das Datum mit dem der orthodoxen Kirche zu vereinheitlichen und dadurch eine Annäherung zu signalisieren. Denn die Orthodoxen feiern Ostern in der Regel an einem anderen Tag. Auch Papst Franziskus hat sich 2015 für eine Vereinheitlichung ausgesprochen. Ob das ein fixer Termin sein sollte, hat er offen gelassen. Als möglicher fester Ostertermin steht der zweite Sonntag im April im Raum. Durchaus denkbar also, dass wir dieses Jahr das letzte Osterparadoxon erleben. Wenn es beim Alten bleibt, so wäre das nächste im Jahre 2038.

Zur Person: Faszination Sonnenuhr

Louis-Sepp Willimann, Jahrgang 1945, absolvierte die Matura am Kollegium Engelberg. Danach studierte er an der ETHZ Zürich Elektrotechnik und erwarb 1969 das Diplom als Ingenieur. 1974 dissertierte er zum Thema digitale Signalverarbeitung. Nach seiner Pensionierung als Professor für Mathematik an der Fachhochschule Rapperswil beschäftigte er sich vertieft mit verschiedenen mathematiknahen Themen, unter anderem mit der Zeiteinteilung und mit Kalendern, zu denen er diverse Vorträge an der Seniorenuniversität Luzern und bei anderen Institutionen hielt. Willimann lebt in Engelberg. Eine besondere Faszination hegt Willimann für die Sonnenuhr. Mit dem Thema kam er in Kontakt, als er den Nachlass seines ehemaligen Mathematik-Lehrers Pater Bonaventura Thürlemann aufarbeitete. Der Pater im Kloster Engelberg setzte sich intensiv mit Sonnenuhren auseinander und hat über 30 öffentliche Sonnenuhren konstruiert. «Vor dieser Entdeckung waren Sonnenuhren für mich nur Zifferblättern mit Stock», erzählt Willimann. «Das hat sich schlagartig geändert, nun hat es mich selber gepackt.» (sma)

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