Der bisher längste Segelflug ab Kägiswil

In 8 Stunden und 40 Minuten «trug» der Föhn ein Segelflugzeug 1148 Kilometer weit. Am Steuerknüppel sass Yves Gerster.

Robert Hess
Drucken
Teilen
Yves Gerster bei den Vorbereitungen zu einem Segelflug.

Yves Gerster bei den Vorbereitungen zu einem Segelflug.

Bild: PD

An diesen und ähnlich schöne Flüge im Vereinsjahr 2019 erinnern sich die Mitglieder der Segelfluggruppe Obwalden derzeit besonders gern. Denn die Massnahmen des Bundes zur Bekämpfung des Coronavirus vom 13. März haben auch zur sofortigen Einstellung des Flugbetriebes in Kägiswil geführt. Am 14. März hätte zwar die ordentliche Generalversammlung der SGOW noch durchgeführt werden können, «doch wir wollten nicht ans Limit gehen und sagten sie deshalb ab», blickt Obmann Peter Steinmann zurück. Er hofft, dass der Flugbetrieb ab dem 27. April wieder aufgenommen werden kann, «doch werden wir uns mit den andern Segel- und Motorfluggruppen absprechen.»

Höhepunkt der GV wäre ein Vortrag des Berner Piloten Yves Gerster zum Thema «Föhnfliegen» gewesen. Der bald 30-jährige Segelflieger hat am 23. November 2019 mit Föhnunterstützung den bisher längsten Flug ab Kägiswil geschafft. Darüber berichtet er nun in dieser Zeitung statt vorher an der GV der Segelflieger.

Bis Zell am See und Chamonix

«Rund 20 Minuten nach dem Start um 7.31 Uhr auf dem Flugplatz Kägiswil», erklärt Gerster, «habe ich auf 2500 Metern über Meer im Gebiet Seelisberg den Motor ausgeschaltet und eingeklappt.» Auf die Ausgangshöhe für den folgenden Segelflug war der Pilot nicht durch ein Schleppflugzeug gezogen worden, sondern durch den im Segelflugzeug integrierten kleinen Motor. «So bin ich flexibler, ich muss keinen Schlepp-Piloten suchen.» Selbstverständlich bleibt der Motor beim eigentlichen Segelflug stets ausgeschaltet. Geräte an Bord überprüfen das.

Die ersten Segelkilometer mit dem rund 40-jährigen Flugzeug DG-400 führten über Altdorf zu den Eggbergen, wo Gerster eine Föhnwelle erwischte und mit ihr auf 4000 Meter über Meer steigen konnte. «Ab 3000 Metern nehme ich Sauerstoff», sagt er und fährt fort: «Wegen Militäraktivitäten im Bereich des Flugplatzes Emmen durfte ich dann nicht wie ursprünglich geplant in Richtung Westen fliegen», berichtet der Pilot. Er flog deshalb zum Titlis und von dort in Richtung Osten, und zwar via Klausenpass, Bad Ragaz über die Landesgrenze nach Bludenz und weiter nach Imst und Zell am See.

Doch noch in Richtung Westen

Kurz vor Zell wendete Gerster sein Flugzeug und flog zurück nach Bludenz. In den Föhnwellen konnte er auf einer Höhe zwischen 5000 und 6000 Metern über Altdorf, Grindelwald, Bex bis nach Chamonix und dem Mont Blanc fliegen.

Es war inzwischen 14.30 Uhr geworden, es blieb noch Zeit für weitere grosse Taten. Gerster wendete und flog von Chamonix wieder die weite Strecke nach Bludenz zurück. Dort setzte er zum «Endspurt» an und flog via Churfirsten, Mollis und Brunnen zum Flugplatz Kägiswil, wo er um 16.33 Uhr landete. Während des Fluges hatte er Funkkontakt mit den Flugsicherungen Zürich, München, Innsbruck, Wien und Genf. Diese müssen dem Piloten jeweils bewilligen, in höhere Lufträume zu steigen.

Ein GPS-Gerät zeichnet den ganzen Flug auf

Mit einer Strecke von insgesamt 1148 km in 8 Stunden und 40 Minuten reinem Segelflug, hat Yves Gerster den bisher längsten Flug in der Geschichte des Flugplatzes Kägiswil geschafft. Die Strecke wird als Luftlinie gemessen, das Kreisen zählt nicht. Gerster flog mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 132 Kilometern pro Stunde.

Ein GPS-Logger zeichnet den gesamten Flug auf. Nach dem Flug wird die Logdatei heruntergeladen und ins Internet hochgeladen, wo der Flug im Rahmen des Schweizer Streckenflugwettbewerbs über den Online Contest (OLC) abgehandelt wird. Yves Gerster hat diesen Wettbewerb 2019 gewonnen. Er ist von Beruf Flugzeug-Ingenieur und hat früher mehrere Jahre bei den Pilatus Flugzeugwerken in Stans gearbeitet; zuletzt als Flugphysik-Ingenieur. Er war damals auch Mitglied der Motorfluggruppe Pilatus, die in Kägiswil stationiert ist. Heute arbeitet er in Bern als Aerospace Industry Manager.