Serie
Der ehemalige Kernser Sigrist erzählt Geschichten von Dreikönigswasser

Das Kernser Sigristenpaar Hans und Hanny Amrhein kümmert sich seit Jahrzehnten um Weihwasser.

Romano Cuonz
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Hanny und Hans Amrhein stellen sicher, dass in der Kernser Kirche genügend Weihwasser vorhanden ist. (Bild: Romano Cuonz, 10. Juli 2019)

Hanny und Hans Amrhein stellen sicher, dass in der Kernser Kirche genügend Weihwasser vorhanden ist. (Bild: Romano Cuonz, 10. Juli 2019)

«Uns bedeutet Weihwasser sehr viel, nie hätten wir oder unsere Kinder das Haus verlassen, ohne damit zuvor ein Kreuzzeichen auf die Stirn zu machen», beteuert der frühere Kernser Kirchensigrist Hans Amrhein. Und seine Frau Hanny, die ihn bei der Arbeit in der Kirche ein Berufsleben lang unterstützt hat, fügt hinzu: «Eine unserer wichtigsten Aufgaben war es, dafür zu sorgen, dass im kupfernen Kessel, vorne beim Taufstein, stets frisches Weihwasser für alle Leute vorhanden war.» Jeden Samstag kam der Pfarrer oder ein anderer Priester, um das Weihwasser zu segnen.

Was sich jüngere Generationen fast nicht mehr vorstellen können: Vor kaum mehr als 50 Jahren herrschten in allen Schulhäusern der Urschweiz noch strenge Sitten: Beim Betreten und Verlassen des Klassenzimmers musste jedes Kind den Daumen ins Weihwassergefäss neben der Türe tauchen und ein Kreuzzeichen machen. Betrat aber der Lehrer oder die Schulschwester das Zimmer, hatte ihnen ein Schulkind bei der Tür das Weihwasser zu reichen. Die ganze Klasse stand auf und grüsste artig mit «Gelobt sei Jesus Christus». Weihwasser besass eben, so glaubte das fromme Volk, ganz besondere Kräfte für alles und gegen vieles.

«Doch nicht jedes geweihte Wasser hatte die gleiche Wirkung», erzählt Hans Amrhein. Ostern war seit urchristlichen Zeiten der eigentliche Tauftag. «In der Nacht weihte der Pfarrer im Taufbrunnen Taufwasser, das die Leute ‹Ostertauf› nannten», sagt Amrhein. Diesem hätten die Leute als «Heechgwichnigs» (Hochgeweihtes) besondere Heil bringende Kräfte zugesprochen: besonders bei Unwetter. Aber auch bei schweren Krankheiten.

Wenn eine Alp gesegnet wurde, schrieb dies der Sigrist mit geweihter Kreide an die Hüttenwand. (Archivbild: Romano Cuonz)

Wenn eine Alp gesegnet wurde, schrieb dies der Sigrist mit geweihter Kreide an die Hüttenwand. (Archivbild: Romano Cuonz)

«Für die Weihe von Osterwasser füllten wir in der Kirche und im Beinhaus ganze Bottiche mit bis zu 2000 Liter Wasser», schildert der frühere Sigrist. Die Gläubigen waren das ganze Jahr darauf bedacht, sogenannte «Toktergutterli» (Medizinfläschchen) mit so hochwirksamem Weihwasser zu füllen und diese mit nach Hause zu nehmen. Gar noch mehr als dem «Ostertauf» traute man bei besonders heiklen Anliegen dem sogenannten «Dryychingäwasser» zu: Wasser eben, das am Dreikönigstag geweiht worden war. «Es ist fast unglaublich, was alles im Lauf der Jahre mit Weihwasser besprengt und gesegnet wurde», sagt Hanny Amrhein. Und zählt dann auf: «Häuser, Tiere aller Art, Felder, Wiesen, Salz, Futter, Käse, Butter, Früchte, Palmzweige, Gräber, ja sogar Autos und schwere Motorräder.»

Mit Weihwasser 
auf Hof und Alpen

«Früher hätte kein Älpler auf die Segnung der Alpenhütte und des Viehs verzichten mögen», sagt Hans Amrhein. Da sei er denn im Verlauf der Jahrzehnte mit gleich drei verschiedenen Pfarrherren oft tagelang unterwegs gewesen. Der Priester mit dem Sprenger und er mit dem Weihwasser. «Wir fingen bei den Voralpen an und stiegen immer höher, bis hinauf auf die Grate der Berge», erinnert sich Amrhein. Für alles gab es einen Segensspruch. Auf der Alp betete der Geistliche unter anderem: «Dass du von diesem Ort Blitz, Hagel, Ungewitter und Wasserschäden gütigst abhalten und verscheuchen wollest – wir bitten dich erhöre uns!». Am Schluss nahm der Sigrist eine mit Dreikönigswasser gesegnete Kreide und hielt an der Hüttenwand fest: «Alp gesegnet.»

«Seinen wohl eigentümlichsten Zweck erfüllte Weihwasser immer dann, wenn etwas nid gsi isch, wiä’s sett», berichtet Hanny Amrhein. Nur eine von vielen Geschichten: Immer am Weissen Sonntag sahen Kinder auf einem Hof in Wisserlen vor dem Fenster einen Mann mit einem weissen Bart. «Wir Erwachsenen aber sahen gar nichts», schildert Hanny Amrhein. Wenn der für solch heikle Fälle bestens gewappnete Pfarrer Johann Fanger einen Geist etwa in ein Loch im Türpfosten oder in einen Baum bannte, verwendete er dazu extra wirksames Dreikönigswasser und betete: «Erhebe dich Christus und befreie uns um deines Namens willen!». Die Sigristenfrau erinnert sich: «Ich habe selber erlebt, wie der Pfarrer während dieses Banngebets schwitzte, so dass er am Schluss drecknass war.»

Am Anfang 
und am Ende

Vor allem auf dem Friedhof kam und kommt es schon einmal vor, dass das Weihwasser samt Palmwedel gefriert. «Da müssen Angehörige selber schauen», sagt Hans Amrhein. Wenn aber eine Beerdigung im Winter stattfand, stellten wir immer ein Gefäss auf, damit die Leute sich vom Toten mit Weihwasser verabschieden konnten. Und so stand und steht Weihwasser in katholischen Gegenden am Anfang und am Ende jeden christlichen Lebens.

Wasser – mehr als H2O

(cuo) Wasser – bekannt als chemische Verbindung H2O – ist die Grundlage jeglichen Lebens. Und Wasser ist auch der einzige Stoff auf der Erde, der in drei Zuständen existiert: fest, flüssig und gasförmig.

In zahlreichen Religionen spielt Wasser eine wichtige Rolle. Das Leben als Christin oder Christ beginnt mit dem Taufwasser. Mit Wasser also, das ein Priester zuvor an Ostern gesegnet oder, wie man auch sagt, geweiht hat. Daher der Begriff Weihwasser. Im Eingangsbereich jeder katholischen Kirche gibt es Weihwasserbecken. Die Gläubigen bekreuzigen sich mit Weihwasser. Dadurch sollen sie an ihre Taufe erinnert werden.

Weihwasser wird aber in unseren Kirchen noch für zahlreiche andere liturgische Segnungen verwendet: Das geht von Menschen über Tiere bis hin zu Gegenständen, Häusern oder gar Motorfahrzeugen. Gläubige dürfen das geweihte Wasser auch in Gefässe abfüllen und für ihre Weihwasserbehälter an den Zimmerwänden mit nach Hause nehmen. 

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