Der Massentourismus macht den Titlisbahnen Sorgen

Erstmals schätzen die Titlisbahnen Touristenströme nicht nur positiv, sondern als Risiko ein. Geschäftsführer Norbert Patt will Spitzenzeiten mit über 10'000 Besuchern im Skigebiet künftig möglichst vermeiden.

Franziska Herger
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Touristen auf dem Weg zum Titlis-Gletscherpark (Bild: Corinne Glanzmann, Engelberg, 23. Mai 2017)

Touristen auf dem Weg zum Titlis-Gletscherpark (Bild: Corinne Glanzmann, Engelberg, 23. Mai 2017)

Massentourismus bringt Geld, weltweite Bekanntheit und immer wieder die Gemüter in Wallung. Sei es das Car-Chaos auf dem Luzerner Schwanenplatz, die «Disneyfizierung» der Rigi oder das Berggasthaus Äscher im Appenzell, dessen Pächter sich vor lauter Touristen nicht mehr zu helfen wussten: Der sogenannte «Overtourism» ist regelmässig in aller Munde. Erstmals haben nun auch die Titlisbahnen diese «offen zu Tage tretenden Konflikte zwischen Bevölkerung und Gästen» als Risiko taxiert, wie es im Geschäftsbericht heisst.

«Wir beurteilen über 60 Risiken jedes Jahr neu», wiegelt CEO Norbert Patt auf Anfrage ab. Drei, vier Mal im Jahr komme es jedoch vor, dass sich zu viele Leute im Skigebiet aufhielten. Obwohl, «zu viel» heisse je nach Saison etwas anderes, so Patt. «10 000 Besucher Ende Dezember, wenn alles offen ist, sind fast einfacher abzufangen als 4000 Leute Ende Mai, wenn etwa indische Reisegruppen und Schweizer Skifahrer für die Bahn anstehen.»

Gute Infrastruktur verhindert Unzufriedenheit

Die Auswirkungen jedoch seien immer die gleichen – lange Wartezeiten, überrannte Gastronomie. Da komme es auch mal zu «Knallpunkten», wie Norbert Patt das nennt. «Skifahrer wollen nicht lange anstehen, und auch die Reisegruppen haben meist einen knappen Zeitplan, wollen schnell rauf auf den Titlis und wieder runter. Da treffen Kulturen aufeinander.»

Man wolle solche Spitzenzeiten möglichst verhindern und dafür die Auslastung besser über das Jahr verteilen, so Patt – im Wissen, dass sich «Massentage», etwa an einem sonnigen Sonntag nach Neujahr, nie ganz vermeiden liessen. «Trotzdem machen sie uns Sorgen. Wir wollen die Qualität für unsere Gäste jederzeit hochhalten.» Andererseits lebe man auch vom Gästemix und natürlich den Gästezahlen, meint der Titlis-Direktor. «Tourismus ist ein Massengeschäft, das ist Teil unseres Erfolgs.»

Zu Werbezwecken arbeiten die Titlisbahnen auch mit Influencern zusammen, Persönlichkeiten in den sozialen Medien, die ihren Followern eine Destination schmackhaft machen. Funktioniert das zu gut, kann ein Ort urplötzlich überrannt werden. So geschehen – ohne Werbeauftrag – etwa im Verzascatal, nachdem ein italienischer Blogger es 2017 als die «Malediven Mailands» bezeichnet hatte.

«Hat Luzern ein Problem, merken wir das»

Norbert Patt macht sich keine Sorgen, die Kontrolle über die Reichweite des Titlis-Gebiets in den sozialen Medien zu verlieren. «Natürlich will niemand Zehntausende von Leuten, die die Landschaft überfluten. Aber anders als andere Destinationen haben wir die Infrastruktur, um grosse Besucherströme abzufangen.» Diese, nicht zuletzt mit der starken Hotellerie, sei auch Grund, warum es bisher in Engelberg keine Beschwerden über die vielen Touristen gebe. «Es wird viel Wertschöpfung generiert», so Patt. «Aber wir wollen gar nicht erst Unzufriedenheit aufkommen lassen.» Alleine könne das Titlis-Gebiet jedoch relativ wenig ausrichten. «Es ist für uns enorm wichtig, wie sich Luzern und die ganze Zentralschweiz in Sachen ‹Overtourism› entwickeln», meint der CEO. «Hat Luzern ein Problem, merken wir das.»

Doch bei allem Aufruhr um den Massentourismus: Als Risiko mit dem höchsten Schadenpotenzial schätzen die Titlisbahnen laut Geschäftsbericht ein wohl noch weitaus schwerer zu lösendes Problem ein, nämlich den Gletscherschwund.

Titlis Bahnen fahren Rekordzahlen ein

Die Titlis Bergbahnen blicken auf ein äusserst erfolgreiches Geschäftsjahr 2017/18 zurück. Mit 1,24 Millionen Fahrgästen verzeichneten sie einen neuen Besucherrekord und erreichten auch beim Geschäftsergebnis neue Höchstmarken. Gute Voraussetzungen für die Zukunft, für die sich auch der Verwaltungsrat neu aufstellt.
Philipp Unterschütz