Die erste Sachsler Schulrätin ist mit 100 Jahren immer noch fit

Unglaublich, aber wahr: Helene von Flüe, die Frau mit den wachen Augen und dem verschmitzten Lächeln, wohnt allein in Sachseln. Einsam ist sie aber ganz bestimmt nicht.

Marion Wannemacher
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Hoher Besuch zum runden Geburtstag: Regierungsrätin Maya Büchi-Kaiser und Peter Rohrer, Gemeindepräsident von Sachseln, besuchen Jubilarin Helene von Flüe. (Bild: Marion Wannemacher (23. Januar 2019))

Hoher Besuch zum runden Geburtstag: Regierungsrätin Maya Büchi-Kaiser und Peter Rohrer, Gemeindepräsident von Sachseln, besuchen Jubilarin Helene von Flüe. (Bild: Marion Wannemacher (23. Januar 2019))

Helene von Flüe sitzt am Stubentisch und strickt: Gerade ist sie an einem Paar dunkelblauer Socken aus feinem Wollgarn. Ihre Socken, Kappen, Handschuhe, Kinderpullis und Decken finden in der Verwandtschaft reissenden Absatz: Nachbarn, Kinder und Grosskinder tragen sie gern. Für den Moment legt Helene von Flüe das Nadelcarré zur Seite. Hoher Besuch hat sich angemeldet: Gemeindepräsident Peter Rohrer und Regierungsrätin Maya Büchi-Kaiser kommen zu ihr nach Hause, um zu gratulieren.

Sie bringen Blumen und eine Münze mit dem Konterfei von Josef, Ignaz von Ah, der im 19. Jahrhundert als Publizist mit seinen geistreichen Leitartikeln das unter anderem von ihm gegründete «Nidwaldner Volksblatt» über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt machte. Mit ihm verbindet Helene von Flüe sogar etwas: Der «Weltüberblicker», so das Pseudonym des bekannten Obwaldners, engagierte sich im Kanton mit viel Elan für die Schulbildung. Und Helene von Flüe war die erste Frau in Sachseln, die im Schulrat sass. Und zwar zu einer Zeit, als Frauen noch nicht wählen durften: Von 1959 bis 1970 war sie Schulrätin. «Du hast etwas bewirken können», freut sich Peter Rohrer mit ihr.

Helene von Flüe stammt aus der «Schmitte am Bahnhof», der Vater war Hufschmied in Sachseln. Dort wuchs sie mit ihren drei Geschwistern, zwei Schwestern und einem Bruder auf. «Wir durften von daheim aus jedes einen Beruf lehren», erzählt sie, «dafür hat sich unsere Mutter eingesetzt.» Ihre drei Meitli müssten einen Beruf lernen, damit sie selbstbestimmt leben könnten, habe diese damals entschieden.

Mit 14 Jahren nach Paris

Ebenfalls aussergewöhnlich: 1935 durfte die damals erst 14-Jährige nach Paris in ein Kloster, wo sie französisch lernte. An der Schwesternschule im Liebfrauenhof Zug erlernte sie später als junge Frau den Beruf Kinderschwester. Sie betreute im eigenen Dorf und in verschiedenen Kantonen die Kinder der Wöchnerinnen und war auch bei den Geburten. Auch wenn sie diesen Beruf nicht lange ausübte, viele Frauen holten sich bei Helene Rat für alle möglichen Frauenthemen.

1947 heiratete sie ihren Kari, der zeit seines Lebens als Bauzeichner in einem Luzerner Betrieb arbeitete. Ein Jahr später kam Tochter Marie Louise zur Welt, zwei Jahre später Sohn Kari, danach Helen und als Jüngster Erich. Die Hausmusik spielte im Leben der von Flües eine wichtige Rolle. Der Vater spielte Geige, die Mutter Mandoline, nun kamen noch eine Klarinette, ein Klavier und eine Querflöte dazu. «An Weihnachten war das wirklich schön», erinnert sich Helene von Flüe heute noch gern.

Und an was denkt sie heute noch gern zurück? Helene von Flüe denkt nach. «Sag doch, du hast tolle Kinder», kommt ihr Tochter Helen schmunzelnd zu Hilfe. Humor spielt im Elternhaus heute noch eine wichtige Rolle. «Ich freue mich an einem Haufen guter Leute um mich herum, mir ist nie langweilig. Und ich habe wirklich gute Kinder», konstatiert das Geburtstagskind zufrieden.

Vor zehn Jahren starb ihr Kari kurz nach der Diamantenen Hochzeit, allein ist die Frau mit dem wachen Blick und dem verschmitzten Lächeln trotzdem nie. «Bei ihr ist ständig jemand zu Besuch: Kinder und Erwachsene aus der Nachbarschaft, Bekannte, die ihre Gesellschaft suchen oder jemand aus der Familie», erzählt Helen. Auch lese ihre Mutter gern. «Das Leben hoch im Norden und in Russland fasziniert sie bis heute.»

Mit 100 Jahren macht sie noch viel im Haushalt selbst

Auf dem Tisch steht ein Teller mit Sablés, Makrönli, Nussstängeli und Schümli, die hat Helene von Flüe gebacken. Sie lebt allein, macht ihren Haushalt noch selbst und bekommt Mittagessen vom Mahlzeitendienst und Hilfe beim Putzen. Hat sie den einen oder anderen Tipp, wie man so gesund und glücklich alt wird? Sie zuckt mit den Schultern. «Dass sie so einen klaren Verstand hat, kommt sicher davon, dass sie so offen und grosszügig von ihrer ganzen Haltung her ist», glauben ihre Kinder.