Die Jugend kann’s nicht recht machen

Anna Burch widmet sich in ihrem «Ich meinti »der Debatte um unser Klima.

Anna Burch, Sarnen
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Anna Burch.

Anna Burch.

Unpolitisch und bequem, so sei «die heutige Jugend». Nur Smartphones und Shopping habe sie im Kopf. Schenkt man den Vorwürfen älterer Semester Glauben, so sieht die Zukunft unserer Gesellschaft nicht gerade blumig aus. Diesen Vorurteilen trotzt jedoch das Heranwachsen einer neuen Jugendbewegung, der Schweizer Klimabewegung. Diese hat sich innert nur knapp drei Monaten mit der Hilfe von unzähligen WhatsApp-Chats und Facebook-Gruppen zur grössten Jugendbewegung seit den 1980er-Jahren formiert.

Gestreikt wird für das Klima, genauer gesagt für eine proaktive Klimapolitik. Und mit dabei unter den inzwischen 64000 Demonstrierenden sind neben Schülerinnen und Schülern auch Studierende, Lernende, Eltern und Grosseltern. Ihre Forderungen: netto null Treibhausgasemissionen im Inland bis 2030 sowie die nationale Ausrufung des Klimanotstandes nach dem Beispiel der Stadt Basel. Es ist eine lose, flach organisierte Bewegung, unabhängig von jeglichen Parteien und Interessensverbänden – so demokratisch und neutral wie die Schweiz selbst. Unter dem Slogan «Make love not CO2» und einer guten Portion idealistischem Spirit stehen die Jugendlichen für die Zukunft ihrer Generation ein. Eine Generation, welche wie keine davor die Auswirkungen des Klimawandels spüren wird.

Es scheint offensichtlich: Die «heutige Jugend» starrt nicht nur aufs Handy. Sie kümmert sich sehr wohl! Und trotzdem kommen einige Vertreterinnen und Vertreter der älteren Semester aus dem Kritisieren und Meckern nicht raus. Despektierlich sind manche Kommentare und Reaktionen auf die junge Klimabewegung, die Jugendlichen werden als scheinheilige, altkluge Heuchler beschimpft. Instrumentalisiert von linksgrünen Kreisen, so behaupten sie, wollten diese einzig der Wirtschaft schaden.

Mit erhobenem, moralischem Finger wird weiter kritisiert, den Schülern gehe es gar nicht ums Klima, sondern lediglich ums Schule schwänzen.

Und sowieso, was diesen Jungen einfalle: Auf die Strasse zu gehen, obwohl sie chinesische Smartphones benutzen und spätestens im kommenden Sommer mit den Eltern in die Ferien fliegen würden. Auch der Ton in den Medien ist nicht nur wohlwollend. So wurde viel vom «Schwänzen» berichtet und wenig davon, wie bemerkenswert eine Bewegung wie diese ist. In der NZZ wurde geschrieben, die Streikenden hätten mit ihrem Aktivismus lediglich ihren umweltschädlichen Lifestyle zu kompensieren versucht. Rebound-Effekte, so nenne man das. Und genau darum sollten sich die Jungen nicht zu wichtig nehmen.

Kurz gesagt: viel destruktive Kritik und sehr wenige Gegenvorschläge. Viele Erwachsene lassen sich kategorisch nichts von Halbwüchsigen sagen. Zu gross sind der Stolz und das Selbstverständnis, mit dem Alter auch ein wenig weiser zu werden. Doch diese destruktive Kritik an der Klimabewegung kommt von einer Gesellschaft, welche es einem schwer macht, perfekt klimaneutral zu leben. Von einer Gesellschaft, welche selbst an Scheinheiligkeit à la «Nur-Schweizer-Erdbeeren-essen-und-saisonal-kochen-aber-für-eine-Woche-in-die-Malediven-fliegen» leidet. Von einer Gesellschaft, welche blind weiterkonsumiert und sich lieber erst gar nicht mit dem Klimaschutz auseinandersetzt. Denn wer schränkt sich schon gerne ein? Klimaschutz bedeutet nämlich genau das, sich einschränken. Und das ist weder gemütlich noch besonders wirtschaftsfreundlich.

Darum braucht diese Gesellschaft eine Klimabewegung, welche die Politik wachrüttelt. Klimaschutz kann nicht mehr länger freiwillig sein –, und genau das fordern die Klimastreikenden. Wir brauchen demokratische Gesetze, welche es erleichtern, unseren kurzfristigen, individuellen Lebensstil zu Gunsten einer längerfristigen, globalen Lebensqualität einzuschränken. Um dies zu erreichen, können wir etwas jugendlichen Spirit gut gebrauchen. Und wer mitmachen möchte, die Klimabewegung ist offen für jeden: Am 15. März findet der erste weltweite Klimastreik statt.

Anna Burch aus Sarnen, Studentin der internationalen Beziehungen an der Uni St. Gallen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.