Die Kleinode im Rollator: Das Engelberger Alters- und Pflegeheim Erlenhaus zügelt

45 Bewohner des Alters- und Pflegeheims Erlenhaus ziehen in ein Provisorium. Das bringt Komforteinbussen mit sich.

Marion Wannemacher
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Betriebsleiterin Theres Meierhofer-Lauffer mit Rosmarie Schleiss.

Betriebsleiterin Theres Meierhofer-Lauffer mit Rosmarie Schleiss.

Bild: Marion Wannemacher (Engelberg, 15. Januar 2020)

Wer mag schon Umzüge? Das ganze Leben in Schachteln verpacken, zum Zügeltermin parat sein, am neuen Ort das Chaos organisieren, sich einrichten und sich hoffentlich bald daheim fühlen. Wie zügelt man ein komplettes Seniorenheim samt Bewohnern, Pflegepersonal und Infrastruktur? Vor dieser Frage stehen Theres Meierhofer-Lauffer, Leiterin des Alters- und Pflegeheims Engelberg, und ihr Team bereits seit einem Jahr.

Nach der ersten Etappe ist der Neubau «Bergkristall» auf Ende vergangenen Jahres fertig gestellt. 28 Alterswohnungen wurden zu 47 provisorischen Einzelzimmern umgenutzt. Bis Donnerstagabend zügelten 45 Bewohner des Erlenhauses in ihr neues Domizil. Ein Altersheim zieht um.

Als Bewohner für genau eine Stunde heimatlos

In der Cafeteria sitzen Bewohner an einem Tisch zusammen, der Umzug ist Thema des Tages. «Für genau eine Stunde ist jeder Bewohner heimatlos und wartet betreut in der Cafeteria darauf, dass er sein neues Zimmer beziehen kann», erklärt Theres Meierhofer das Prinzip. Das Personal hat Feriensperre und ist vollständig da, zwei Mitarbeiter eines Engelberger Möbelhauses sind engagiert, zwei freiwillige Helfer haben sich zur Verfügung gestellt. Die Aufregung im Haus ist spürbar.

Für Rosmarie Schleiss-Lehni ist es Zeit zum Einzug. Die Dinge, die ihr am Herzen liegen, hat sie im Rollator untergebracht. Im Fach unterm Sitzbrett liegt ein geschnitztes Jesuskind, sorgsam in weiche Tücher gehüllt. «Toi toi fürs neue Zimmer», ruft ihr die Aktivierungstherapeutin Franziska Burri nach. Für Rosmarie Schleiss ist es ein emotionaler Moment, sie schluckt tapfer ein paar Tränen herunter und lässt sich von Leiterin Meierhofer liebevoll am Arm durch den Flur zum Lift führen.

Im zweiten Stock liegt ihr neues Zimmer. Schachteln, Taschen und Möbel stehen parat, die Madonna im Hängeschränkchen, Bruder Klaus darauf. Bis Ende 2021 wird sich die Engelbergerin mit einer anderen Bewohnerin gemeinsam die Nasszelle mit moderner begehbarer Dusche, WC und unterfahrbarem Waschbecken teilen. Danach geht es wieder zurück ins Erlenhaus, das komplett saniert wird mit neuer Fassade, neuem Dach, grösseren Fenstern, neuer Infrastruktur und Haustechnik und neuem Innenausbau.

«Die Zimmerzuteilung fürs Provisorium war mein Herzensprojekt», sagt Meierhofer. Sie hat sich dafür engagiert, dass sich jeder so wohl wie möglich fühlen kann in der Zeit des Provisoriums. Nicht jeder kann mit jedem, Männer und Frauen galt es wegen der gemeinsamen Badbenutzung zu trennen, nicht alle Zimmer sind gleich gross. Sie habe alle gefragt, «mit wem verstehst du dich nicht?». Ein Puzzle mit vielen Komponenten. «Wunderbarerweise ist alles aufgegangen», freut sie sich. Rosmarie Schleiss hat Glück gehabt, die Leiterin hat den Umstand berücksichtigt, dass sie von ihrem Ehemann regelmässig besucht wird. Ihr Zimmer ist hell und gross, hat einen geräumigen Balkon und riesige Fenster. Gemeinsam bewundern die beiden Frauen den Ausblick auf Nünalphorn, Huetstock und Juchli nach der Seite zum Bahnhof, und die Sicht aufs Bürgli nach der anderen.

Verbindung zum alten Gebäude geschlossen

Erschöpft lässt sich Rosmarie Schleiss auf ihr Bett sinken, «Auspacken werde ich heute nicht mehr», ist sie sich sicher. Im dreieckigen Innenhof des Neubaus wird eine riesige Designerlampe in der bizarren Form eines Kristalls aufgehängt. Im Erdgeschoss trifft sich die Betriebsleiterin mit ihren leitenden Pflegekräften und dem Leiter der Haustechnik zu einer kurzen Besprechung. Probleme gibt es mit dem Pflegenotruf, die Brandschutzanlage funktioniert noch nicht störungsfrei. Man senkt die Stimme, im Raum fehlt noch jeglicher Schallschutz.

Der Betrieb des Hauses im neuen dreistöckigen Gebäude wird dem Team noch einiges abverlangen: Im «Bergkristall» wird es später keine Küche brauchen. Jetzt musste eine Alterswohnung im Parterre umgenutzt werden. Seit Donnerstagabend wurde die Verbindung zum alten Gebäude geschlossen. Ab jetzt essen die Bewohner nicht mehr gemeinsam in einem grossen Raum, sondern auf ihrem jeweiligen Stockwerk. «Wir zügeln von der Weite des alten Gebäudes in das wunderschöne, aber engere Gebäude», fasst Betriebsleiterin Theres Meierhofer zusammen.

«Es fehlen Räume, die zu einem Pflegeheim gehören.»

Aus Brandschutzgründen dürfe die grosse Fläche im Erdgeschoss nur mit flexiblem Mobiliar «bespielt» werden. Trotzdem soll es eine Gartenwirtschaft geben. Das bedeute deren täglichen Auf- und Abbau. Nach der Sanierung wird wieder zurück gezügelt ins dann frisch renovierte Erlenhaus. Dann können die eingezogenen massiven Wände aus den Alterswohnungen im «Bergkristall» zurück gebaut werden. Anfang 2022 könnten diese vermietet werden, schätzt die Betriebsleiterin. Aber soweit denkt sie im Moment natürlich noch nicht.