Die Kulturtippps und die Wörter des Jahres

Ohrengrübel
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Kulturtipp I: Harmlose «Schwarze Spinne»

Der Versuch, Nid dem Waldner mit einer schwarzen Spinne das Fürchten zu lehren  Auf dem historischen Allweg mussten sich anno 1798 katholische Eidgenossen von barbarisch heidnischen Franzosen bodigen lassen. Nach über 220 langweiligen Jahren sollte auf dem Schlachtfeld wieder einmal ein bisschen Dramatik aufkommen. Die Innerschweizer Schwinger, die dort zuvor jahrelang für Action gesorgt hatten, waren dafür nicht mehr geeignet: die einen sassen Dopingsperren ab, andere versuchten vergeblich, aufgestickte Schleichwerbung von Socken zu entfernen. In der Not sprang eine von ihrem Kunstverstand überzeugte Theatertruppe – mutig wie einst Winkelried – in die Bresche. Ihre hehre Absicht: Sie wollte die Leute Nid dem Wald mit Gotthelfs berühmt-berüchtigter «Schwarzen Spinne» wieder das Fürchten lehren.

Doch der Versuch scheiterte kläglich: Selbst Kinder, die von Natur aus furchtsam waren, begannen schon an der Premiere damit, diese gar harmlosen Tierchen zu streicheln. Dies sprach sich herum, und so war die Riesentribüne eher leer als voll. Ein kritischer Journi aber kommentierte: «So geht es, wenn heutige Theatermacher glauben, sie müssten dem guten alten Gotthelf ins Handwerk pfuschen!» Und seine Frage lautete: «Womit könnte man denn die furchtlosen Nid dem Waldner in der heutigen Zeit überhaupt noch erschrecken?» Ein bärtiger alter Theaterbesucher hatte die zündende Idee: «Heutzutage lassen sich Nid dem Waldner nur noch aus dem Busch locken, wenn ihnen ein Bundesrat den weltweiten Handel mit ihrer hauseigenen Luftwaffe verbieten würde!».

Hinweis: Was? «Hosenlupf» mit einer langweiligen schwarzen Spinne. Entwarnung: Selbst für furchtsame Kinder völlig harmlos.

Kulturtipp II: Der kluge Kari und die sieben Geisslein

Volksoper am Kulturfestival Obwaud  Heimelige Geschichten und urchige Musik gelten im Kanton Obwauden seit eh und je als ureigenes Kulturgut. Und gerade deshalb pilgern Zürcher und Luzerner jeden Sommer in Scharen zum beliebten Volkskulturfest und nehmen dort den Eingeborenen alle guten Plätze weg. Ihr schwärmerisches Argument: Nur hier lasse sich noch waschechtes, mit Exotik vermischtes kulturelles Hinterwäldlertum bestaunen. Doch 2020 soll Schluss sein mit Gauchos oder mandeläugigen Schönheiten. Dieses Jahr wird – begleitet von «Leffäli» statt Kastagnetten und «Ergäli» statt Gitarren – die Volksoper «Der kluge Kari und die sieben Geisslein» gespielt.

Die Geschichte erzählt von einem Bauernsohn, der auszog, um im fernen Bern den sieben Landesvätern und -müttern beizubringen, wie man ein Land juristisch korrekt und nebenbei sogar neutral regieren sollte. Und wie dann der kluge Kari, nach Jahren unter der Staatshauskuppel, plötzlich selber als möglicher Landesvater ins Gerede kam, zog er sich schleunigst zurück: auf sein Alpli Ob dem See. Dort hält er seither sieben Geisslein mit so klingenden Namen wie Guy, Ueli, Karin, Viola, Ignazio, Simonetta und Alain. Und wie er sie so hütet, predigt er ihnen – oft laut, und garantiert absolut dechiffriert – was er ihnen schon lange hätte sagen wollen: «Haltet euch, wie es bei uns zulande seit mehr als 700 Jahren der Brauch ist – endlich raus aus allen fremden Schnüffler- Händeln!»

Hinweis: Was? Märchenhafte Volksoper mit Potenzial zur Realsatire. Vorbehalt: Gefährlich aktuell. Zielpublikum: Geheime Mitwisser auf allen Ebenen

Kulturtipp III: Mehr volksdümmliche Kunst!

Hausfrauen-Künstlerinnen fordern ihren Platz in der Schweizer Kunstszene  «Dass ein gewisser Freiherr Friedrich von Schiller einst zu behaupten wagte, wir Urschweizer seien ein Volk von Hirten, ist eine bodenlose Frechheit», lässt sich die «Bewegung malender Stauffacherinnen» vernehmen. Für eine derartige Fehleinschätzung habe Schiller den Felsbrocken im Vierwaldstättersee wahrhaftig nicht verdient! In Wahrheit sei die Urschweiz «ein einzig Volk von hausweiblichen Künstlerinnen.» In hiesigen Dachkammern und Kellern würden mehr mit viel Liebe kreierte wasserfarbige Symphonien, Specksteinakte, stille Öl-Leben und, und, und lagern, als sich dies Schiller in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. «Auch unsere Kunst gehört ans Licht», führt die künstlerische Bewegung weiter aus.

Und mit diesem Kampfruf setzen nun Hausfrauen-Künstlerinnen zum Sturm auf die Stanser Burg «Pavillon» an. Diese wird vom letzten Schillerschen Landvogt Stefan Grenzlinger hartnäckig verteidigt. Der arg bedrängte Schöngeist ist gewillt, die Exklusivität seiner künstlerischen Trutzburg bis auf den allerletzten Farbtropfen zu verteidigen. Seine volksnahe Kampfansage an die künstlerischen Damen lautet demnach: «Solange Kunst nicht transzendent durch stringente Kompaktheit einer psychischen und physischen Sentimentalität geprägt und von einem taktvoll glänzenden Intellekt durchwoben ist, hat sie in meiner exklusiven Stanser Burg ‹Pavillon› wahrlich nichts zu suchen.»

Hinweis: Was? Ein handfester Volksaufstand der hausweiblichen Kunstzszene. Warnung: Leute ohne philosophisch intellektuelles Verständnis für wahrhaftige Kunst bleiben den Auseinandersetzungen besser fern.

Slang: Das sind die Wörter des Jahres

  • Bissigern: verbissen kandidieren bis zum Umfallen/chancenlose Unterfangen anpacken.
  • Wylern: in unverständlichem Dialekt sprechen.
  • Rüeggern: fluchtartig den heimischen Herd verlassen.
  • Wicken: sich für staatliches Schneien einsetzen.
  • Hostettern: untertauchen und Anlässe schwänzen.
  • Niederbergern: von einem Fettnapf in den andern trampen.
  • Filligern: sehr selten verwendet für «unter dem Radar bleiben».
  • Hessern: jeweils an Aschermittwoch zur Vernunft kommen.
  • Büchnern: um den Brei herumreden.