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Die besondere Lern-Oase auf dem Glaubenberg

Schüler vom Kindergarten bis zur Oberstufe besuchen seit März im Bundesasylzentrum die Schule. Ein Augenschein zeigt: Struktur ist alles.
Franziska Herger
Sieben Kinder besuchen derzeit die Schule auf dem Glaubenberg. (Bilder: Corinne Glanzmann, 21. August 2019)

Sieben Kinder besuchen derzeit die Schule auf dem Glaubenberg. (Bilder: Corinne Glanzmann, 21. August 2019)

Es ist neblig auf dem Glaubenberg, die ehemalige Truppenunterkunft grau. Beim Eingang müssen sich Besucher und Bewohner anmelden und ausweisen, bevor sie durch die Loge reingelassen werden ins Bundesasylzentrum (BAZ). Kein besonders fröhlicher Ort, auf den ersten Blick.

Das ändert sich beim Betreten von Haus 6, der gelb gestrichenen Unterkunft für Familien. In einem kleinen Raum hängen Papierfische von der Decke, Farbstifte stehen in als Eulen dekorierten Gläsern bereit. «8.15 Uhr: Spielstunde», steht an einer Magnetwand, gefolgt von «Deutsch» und «10 Uhr: Pause». Ein Schulzimmer wie jedes andere, und gleichzeitig eine bunte Oase. Nur die höhenverstellbaren Tische und Stühle lassen erahnen, dass der Unterricht hier nicht ganz so abläuft wie unten in Stalden oder Sarnen.

Sechs Kinder sitzen in der Klasse von Andrea Baumgartner und Annika Burch, der Älteste ist 14, der Jüngste im Kindergarten. Morgen könnten es sieben sein, übernächste Woche vielleicht nur drei. Im Schnitt bleiben die Kinder 30 bis 50 Tage im BAZ, mit der neuen Asylgesetzgebung sind es maximal 140 Tage. Die neue Regelung soll das Asylverfahren beschleunigen und sieht daher einen verlängerten Aufenthalt in den Bundesasylzentren vor. Damit einher geht obligatorischer Grundschulunterricht für alle schulpflichtigen Kinder in den Zentren.

Manche sitzen zum ersten Mal in einer Schule

Im zweiten Schulzimmer nebenan sind die Schüler soeben aus dem Morgenkreis aufgestanden. Auf dem Boden liegen noch immer die Jasskarten, deren Bedeutung sie zur Einstimmung in den Tag gelernt haben. Kultur und Gebräuche der Schweiz kennen zu lernen, sei ein wichtiger Teil des Unterrichts, meint Cornelia Slattner, Prorektorin der Schule Sarnen, die im Auftrag der Gemeinde Sarnen für den Grundschulunterricht auf dem Glaubenberg verantwortlich ist.

Lehrerin Andrea Baumgartner.

Lehrerin Andrea Baumgartner.

Die drei Buben und drei Mädchen, die sich zur Mathestunde hinsetzen, kommen aus der Türkei, Afghanistan und Angola. Andrea Baumgartner meint:

«Zahlen sehen zum Glück fast überall gleich aus.»

Die Buochserin hilft der kleinen Chiara*, blaue Kartonrondellen zu zählen und dann zu addieren. Sie redet Hochdeutsch und zeigt vieles vor. «Am Anfang geht die Sprachvermittlung am besten mit Händen und Füssen und Beispielen», sagt Annika Burch. Beide teilen sich die Stelle je in einem 50-Prozent-Pensum.

Gegenüber rechnet Nasir* still vor sich hin. Der 10-Jährige war noch nie in einer Schule. «Die Jasskarten kannte er aber sofort, und Italienisch spricht er auch», meint Andrea Baumgartner mit Bewunderung. Neben ihm sitzt Ali*, der in seinem Heimatland zur Schule ging und fast auf Gymnasiumsniveau rechnet. «Er hat gefragt, ob er Gleichungen machen darf», erzählt Annika Burch. «Den Wunsch haben wir ihm natürlich erfüllt.»

Der Unterricht findet sechs Stunden täglich und, wegen der ständig wechselnden Schüler, ganzjährig statt, abgesehen von vier festen Ferienwochen. Allen Kindern gerecht zu werden und die Lernniveaus und Sprachen unter einen Hut zu bringen, sei eine Herausforderung, sagt Burch. Auch die verschiedenen Kulturen der Kinder zeigten sich im Unterricht, ergänzt Andrea Baumgartner. «Kürzlich sollte sich ein Junge nach einem Streit entschuldigen. Zuerst weigerte er sich, weil das in seinem Land ein Zeichen von Schwäche ist», erzählt sie.

Auf Pünktlichkeit wird Wert gelegt

Man merke den Kindern an, dass sie turbulente Zeiten hinter sich haben, so die Lehrerin. «Ihnen fehlt anfangs oft Struktur, weshalb wir viel Wert auf Pünktlichkeit legen, auf das Händeschütteln und Begrüssen am Morgen, auf die Arbeit in der Gruppe und aufs Dranbleiben, auch wenn sich eine Aufgabe schwieriger gestaltet.» Diese Fähigkeiten kämen den Kindern für die Zukunft auf jeden Fall zu Gute, meint auch Cornelia Slattner.

Und sie lassen sich sozusagen nebenbei lernen, im Mathe-, Deutsch- und Musikunterricht, aber auch beim Pflanzen von Kapuzinerkresse in Balkonkisten und beim Sammeln von Schnecken zum Beobachten im nahen Wald. Das von der Schule Sarnen entwickelte Schulkonzept baut auf dem Lehrplan 21 auf. «Wir lassen uns aber etwas mehr Zeit, und es gibt kein Englisch und Französisch», erklärt Cornelia Slattner.

Die Kinder ziehen zu lassen gehört zum Job

Trotz der zusätzlichen Struktur durch den Unterricht bleibt vieles unsicher für die Schüler auf dem Glaubenberg. Von einem Tag auf den anderen kann ein Kind mit seiner Familie transferiert werden. Die fast sofortige Abreise bedeutet, dass oft keine Zeit zum Verabschieden bleibt. Annika Burch erzählt:

Lehrerin Annika Burch.

Lehrerin Annika Burch.

«Gerade letzte Woche reiste ein 15-jähriger Bub aus dem Kongo ab, den alle Kinder sehr ins Herz geschlossen hatten. Das hat sie hart getroffen.»

Auch für die Lehrerinnen sei es nicht immer einfach, die Kinder nach kurzer Zeit ziehen zu lassen, ergänzt ihre Kollegin. «Aber das gehört zum Job.» Baumgartner hat mit ihrer Familie jahrelang im arabischen Raum gelebt und seit ihrer Rückkehr in Flüchtlingsprojekten gearbeitet, die Schwanderin Annika Burch arbeitete bereits seit dreieinhalb Jahren in der Betreuung im BAZ.

Der Vertrag des Kantons mit der Gemeinde Sarnen läuft bis zur Schliessung des BAZ 2022. Die Kosten belaufen sich auf 65000 Franken pro Semester. Mehr als die Hälfte trägt der Bund, den Rest finanziere der Kanton, sagt Peter Gähwiler, Departementssekretär im Bildungs- und Kulturdepartement. Ein konkretes Fazit zum BAZ-Unterricht könne man aus Sicht des Kantons aktuell aufgrund der kurzen Laufzeit noch nicht ziehen, so Gähwiler.

Dasjenige von Cornelia Slattner fällt jedenfalls durchwegs positiv aus. «Die Kinder sind so dankbar für den Unterricht, überdurchschnittlich motiviert und gehen jeden Tag gerne zur Schule.» Das findet auch Andrea Baumgartner. «Oft wollen sie abends gar nicht das Klassenzimmer verlassen. Ich habe auch schon das Licht gelöscht, und sie sassen immer noch da.»

*Namen der Redaktion bekannt.

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