Die Räume der Sarner Hofmatt haben es Barbara Jäggi angetan

In der Sarner Galerie installiert die Künstlerin ein Minimuseum und in deren Keller ein Planetarium.

Romano Cuonz
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Im Keller der Galerie Hofmatt lässt die Künstlerin Barbara Jäggi wie in einem Planetarium fantastische Gestirne ihre Schatten an die Wände werfen.

Im Keller der Galerie Hofmatt lässt die Künstlerin Barbara Jäggi wie in einem Planetarium fantastische Gestirne ihre Schatten an die Wände werfen.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 7. November 2020)

Wer kennt sie nicht, die «Hängenden Gärten der Semiramis», die zu den sieben Weltwundern der Antike zählen? Über steile Treppen stieg man hoch zu verborgenen Terrassen und entdeckte dort, seinen Augen kaum trauend, eine schwebende Pracht.

Ein ganz ähnliches Erlebnis wird zurzeit Besucherinnen und Besuchern der Sarner Galerie Hofmatt zuteil. An der Decke des sonst eher nüchternen Galerieraums hängt ein kastenartiges, auf den ersten Blick uneinsehbares Gebilde. Doch die in Luzern lebende Berner Künstlerin Barbara Jäggi bietet einem Bockleitern an. Steigt man hinauf und steckt man den Kopf durch die kreisrunden Öffnungen, gelangt man in eine wahre Wunderwelt. Ins «Hängende Minimuseum der Barbara Jäggi». Gleich zwölf auf den grossen Galerieraum zugeschnittene Miniaturräume hat sie gestaltet: Innenhöfe, Gärten, Pavillons. Voll Poesie, mit kleinen Pflanzen und Gefässen aus Blech oder Draht, kombiniert mit Naturmaterialien wie etwa Fichtenzapfen. Es ist eine eigene, scheinbar märchenhafte Welt.

Jedem Raum sein eigenes Gesicht

Doch auch mit dieser Installation stellt Barbara Jäggi jene Frage, die sie immer wieder stellt und die sie beschäftigt: Was ist Realität und was bloss unsere persönliche Wahrnehmung? Spätestens, wenn ein zweiter Besucher, eine zweite Besucherin den Kopf durch eine der Öffnungen steckt, beängstigend in die Miniwelt eindringt, beginnen die Proportionen zu wanken.

Barbara Jäggi vor ihrem Relief mit dem «Trompe-l' Oeil»-Effekt fürs Publikum.

Barbara Jäggi vor ihrem Relief mit dem «Trompe-l' Oeil»-Effekt fürs Publikum.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 7. November 2020)

Der Auftritt von Kunstschaffenden in der Galerie Hofmatt steht und fällt damit, wie viel «Empathie» sie den eigenwilligen Räumen entgegenbringen, welchen Aufwand sie betreiben, diese immer wieder neu zu beleben und fantasievoll zu bespielen. Die 64-jährige Metallplastikerin Barbara Jäggi – sie ist in der Hofmatt zum vierten Mal zu Gast – stellt sich dieser Herausforderung mit Energie und Respekt gegenüber jedem einzelnen Raum. In den Gewölbekeller hat sie wie Kometen drei grazil leichte Metallkörper gehängt. Eine Wolke, eine Kugel und ein Insekt. Wenn deren Schatten auf die gemauerten Wände fallen und auch noch jene der Besucher dazukommen, glaubt man sich in einem Planetarium zu befinden.

Spiel von Licht und Schatten sorgt für Täuschung

Im Gang zieht ein dreidimensionales Relief aus blanken Blechelementen die Augen auf sich. Bewegt man sich hin und her, sorgt das Spiel von Licht und Schatten für den faszinierenden Trompe-l’oeil-Effekt. Eine Augentäuschung, die die Wahrnehmung in Frage stellt und dazu einlädt, über das Verhältnis zur Wirklichkeit nachzudenken. Über die gegenüberliegende Wand ziehen sich drei Nebelschwaden. Eine weitere schleierhafte, leicht flüchtige Erscheinung. In diesen beiden Werken wird die künstlerische Qualität sichtbar, die Barbara Jäggis Werke auszeichnet. Aber auch ihr grosses handwerkliches Können entgeht einem nicht.

Barbara Jäggi mit dem Findling, den sie mitten ins Panoramazimmer stellt.

Barbara Jäggi mit dem Findling, den sie mitten ins Panoramazimmer stellt.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 7. November 2020)

In besonderem Masse stellt Barbara Jäggi ihre Qualität unter Beweis, wenn sie im berühmten Panoramazimmer auf die historischen Wandmalereien Bezug nimmt. Einen Findling, den die Gletscher zurückgelassen haben, nimmt sie aus dem Bild und stellt ihn als gewaltigen «Vielfächer» mitten in den Raum. Dort spielt er mit Licht und Schatten. Man ahnt, wie viel Verständnis für Geometrie die Schaffung eines solchen Blechquaders verlangt. An die Wand hat Barbara Jäggi einen aus unzähligen Plättchen «gewobenen» Wolfsbalg gehängt. «Ich nehme damit Bezug auf die Wolfsjagd im Wandbild, aber es soll auch eine kleine Hommage an Rochus Lussi sein», sagt Barbara Jäggi. In der Tat: Da hat sie den lebensgrossen Wölfen, die der Nidwaldner einst in den Panoramaraum gestellt hatte, das Fell abgezogen. Auf einem Fenstersims liegt noch ein Geissen- oder Schafglöcklein. Ob es wohl weitere Wölfe abschrecken soll?

Blech scheint Naturell der Künstlerin zu entsprechen

Auf die Frage, warum sie Blech als Arbeitsmaterial so sehr schätze, sagt Barbara Jäggi: «Blech ist ein billiges Material in vielen Varianten, das man gut formen und mit dem man hemmungslos experimentieren kann.» In der Tat: Blech scheint dem Naturell der Künstlerin zu entsprechen. Es ist biegsam, nachgiebig aber gleichsam auch widerspenstig und im Handumdrehen verbeult oder verbogen. Dieses Material fordert sie eins übers andere Mal neu heraus. Genau wie die Räume der Hofmatt-Galerie. Auch diese regen Künstlerinnen und Künstler zu stets neuen Annäherungen und Experimenten an. Ihr Geheimnis aber werden sie wohl auch bei der aberhundertsten Ausstellung noch zu bewahren wissen.

Galerie Hofmatt Sarnen: Ausstellung von Barbara Jäggi noch bis zum 6. Dezember. Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag 14 -17 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung (079 544 33 69).