Im Obwaldner Museum erzählen verlorene Gegenstände Geschichten

Ein 7000 Jahre altes Kupferbeil oder rostige Blechdosen: Das Historische Museum Obwalden zeigt Fundstücke vom Brünig-Saumweg.

Romano Cuonz
Drucken
Teilen
Archäologe Martin Berweger mit dem Steinzeitbeil und Grafiker Peter Halter mit einem Holzross samt Maske.

Archäologe Martin Berweger mit dem Steinzeitbeil und Grafiker Peter Halter mit einem Holzross samt Maske.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 18.5.20)

So bunt und fantasievoll wie zurzeit im Historischen Museum Obwalden werden archäologische Funde wohl selten präsentiert. Eine Auswahl der alles in allem 1500 am Brünigpass gefundenen Gegenstände wird einem da lebendig vor Augen geführt. Das geht von Münzen aus vorchristlicher Zeit über 477 Hufnägel bis hin zu eher modernen Radkappen. Nicht schön nach Epochen aufgereiht sind sie. Viel mehr begegnen sie dem Besucher in einem gewollt wilden und gerade deshalb unglaublich beredten Mix.

Fünf Jahre lang – von 2012 bis 2017 – haben Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Prospektion Schweiz und der Basler Vindonissa-Professur das Gebiet um den alten Saumweg über den Brünig abgesucht. Dies auf einer Fläche von drei Quadratkilometern. Wohl am meisten Stunden in dieses Projekt investiert hat Martin Berweger. Er ist autodidaktischer Archäologe und Wirt in der Bergwirtschaft Chäppeli. «Die Funde, die ans Tageslicht kamen, belegen auch wissenschaftlich die Begehung des Brünigpasses von der Jungsteinzeit an während mehr als 6000 Jahren», sagt Berwerger.

Interessant am Ausstellungsprojekt aber ist, wie einem die Gestalter vor Augen führen, was die Leute in früheren Zeiten so alles verloren haben. «Wir haben festgestellt, dass Passgänger vor Jahrhunderten genauso Münzen und Messer, Schnallen und Knöpfe verloren haben wie heutzutage», sagt er mit einem Schmunzeln.

Historisches Museum Obwalden Fundort BrünigBild: Romano Cuonz (Sarnen, 18.Mai 2020)

Historisches Museum Obwalden Fundort BrünigBild: Romano Cuonz (Sarnen, 18.Mai 2020)

Romano Cuonz (nz) / Obwaldner Zeitung

Münze ist Primadonna unter den Fundstücken

Der Archäologe zeigt auf ein Bild im Eingangsbereich. «Sozusagen die Primadonna unter all den vielen Fundstücken ist diese einzige und älteste keltische Münze von Obwalden», erklärt er. Eine Münze mit hohem Zinnanteil, nicht geprägt, sondern im ersten Jahrhundert vor Christus in einer Bronze-Legierung gegossen. Zu erkennen ist darauf ein gehörntes Tier mit langem Schwanz. Man rätselt: Ist es ein Hirsch oder ein Steinbock? Für Aufsehen gesorgt hatte 2013 der sogenannte «Silberschatz vom Brünig». Dabei handelt es sich um 132 im Umkreis von nur wenigen Metern gefundenen Silbermünzen. Sie sind etwa so alt wie die Eidgenossenschaft. Dies weiss man, weil 77 von ihnen Heinrich von Isny mit Mitra und Krummstab zeigen. Dieser war von 1280 bis 1286 Bischof von Basel. «Mit den gewonnenen Erkenntnissen können wir die Lücken füllen», sagt Berweger. Die Bandbreite reiche vom neolithischen Flachbeil aus Kupfer über eine Knopfsichel der Bronzezeit bis zu Knöpfen von französischen Uniformen von 1792, zur Zeit des Franzoseneinfalls also.

77 der am Brünig gefundenen Silbermünzen wurden 1280 geprägt und zeigen den Basler Bischof mit Mitra und Krummstab.

77 der am Brünig gefundenen Silbermünzen wurden 1280 geprägt und zeigen den Basler Bischof mit Mitra und Krummstab.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 18. Mai 2020)

Grafiker gibt den Geschichten neuen Dreh

Der bekannte Grafiker, Bühnenbildner und Gestalter Peter Halter hat nun diesen Fundstücken eine Stimme gegeben. Nach seiner Vorstellung darf Archäologie weder verstaubt noch lehrhaft sein: «Wir wollen wirklich alles und jedes zeigen, was auf dem viel begangenen Passweg über Jahrhunderte liegen geblieben ist.» Für das Erlebnis der Gäste entlockt Halter den Gegenständen Geschichten.

Den Basler Bischof hat Halter mit 741 purpurroten Fäden – für jedes Jahr einen – nachgebildet und neben dessen Münze gestellt. Den Gegenwert der Münze aber wiegt er mit Bonbons im Wert von 150 Franken auf. Oder die Geschichte einer krumm gebogenen Münze aus dem alten Venedig von 1480: «Im Mittelalter war es trendy, vor den Augen seiner Liebsten eine Münze zu verbiegen und ihr dann als Liebesbeweis zu überreichen», weiss Halter. «Die auffällige Form sollte verhindern, dass die Liebesmünze versehentlich ausgegeben wurde.»

Zu den 132 Silbermünzen vom Brünig hat Peter Halter den darauf abgebildeten Basler Bischof mit purpurroten Fäden nachgebildet.

Zu den 132 Silbermünzen vom Brünig hat Peter Halter den darauf abgebildeten Basler Bischof mit purpurroten Fäden nachgebildet.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 18.Mai 2020)

Verschiedenste rostige Blechbüchsen – Beweise für die Achtlosigkeit moderner Touristen – hat Halter einem kleinen, eigens dazu konstruierten Holzross aufgebürdet und ihm gleich auch noch eine Schutzmaske verpasst. Sogar den Schädel des Hans Im Sand aus dem Haslital haben die Aussteller aus der Sakristei in Sachseln ins Museum gezügelt. Was es mit dem als Heiligen verehrten Rebellen und Führer gegen die Reformation auf sich hat, zeigt ein Besuch im Museum.

Mit Vorsicht zu geniessen

Massnahmen

Obwohl das Historische Museum Obwalden derzeit voller Schätze und Überraschungen ist, muss man es mit nötiger Vorsicht geniessen. Leiterin Klara Spichtig dazu: «Die Platzverhältnisse im Treppenhaus und in den oberen Etagen sind sehr eng.» Um die Regel des Verbands der Museen Schweiz einzuhalten, habe man diverse Massnahmen getroffen. Offiziell ist nur die Sonderausstellung «Fundort Brünig» im Parterre offen. Bei wenigen Besuchern darf aber auch die neue Ausstellung «Ein Kloster im Gepäck» besucht werden. Diese beleuchtet im Rahmen des Jubiläums 900 Jahre Kloster Engelberg die Gründung des dazugehörigen Frauenklosters St. Andreas in Sarnen. Die laminierten Ausstellungstexte werden nach Gebrauch desinfiziert. Auch sind die Öffnungszeiten des Museums reduziert. Dafür gibt es für alle freien Eintritt.

Historisches Museum Obwalden: Sonderausstellungen «Fundort Brünig» und «Ein Kloster im Gepäck». Neue Öffnungszeiten: Freitag bis Sonntag, inklusive Fronleichnam. 14 – 17 Uhr. Offen ist auch der neue Brünig Themenweg Archäologie. Infos unter www.museumobwalden.ch.