Ein Mord vor Winnetous Augen in Engelberg

Silvia Götschis Detektivtrio Max, Fede und Milagros ermittelt im neusten Roman in Engelberg. Selbst Winnetou ist in die Mordgeschichte verwickelt.

Romano Cuonz
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Eine heisse Spur im Krimi führt von Engelberg hinauf zum Brunni.

Eine heisse Spur im Krimi führt von Engelberg hinauf zum Brunni.

Bild: Romano Cuonz

«Die Gondel setzte sich in Bewegung. Unter ihnen lag die Welt. Tannenspitzen wogten im Wind. Auf den Wiesen weideten Kühe, weiter oben Schafe», so farbig und präzis schildert Silvia Götschi die Fahrt vom Dorf Engelberg zum Brunni, wohin eine heisse Spur führt. Und der Kurort Engelberg – von da oben liegt er dem Detektivpaar Max von Wirth und Fede Hardegger zu Füssen – ist gleichzeitig Tatort wie auch Titelzeile des neuen Schweizer Regionalkrimis.

Die mittlerweile zur Schweizer «Queen of Crime» arrivierte Erfolgsautorin Silvia Götschi, die in Stans geboren wurde und heute in Weggis lebt, kennt Dorf und Umgebung aus dem Effeff. Ja, mit ihrer neusten Mordgeschichte erfüllt sie alle Erwartungen, die der Kölner Verlag an einen erfolgreichen Krimi knüpft: Direkt vor der Haustür spielen soll er und jeder Globalisierung trotzen. Fürwahr: In Götschis neuem Bestseller mit der stolzen Auflage von 10 000 Exemplaren finden sich alle Namen beteiligter Personen – inklusive jenem des Täters oder der Täterin – im Engelberger Telefonbuch: Hess, Odermatt, Hurschler, Feierabend und, und, und.

Im Dorf, wo es von Indern und Schweden wimmelt

Wiedererkennungseffekte, die Regionalkrimis so erfolgreich machen, sind denn hier auch Seite für Seite gegeben. Alles, worüber in Engelberg geredet wird, worüber sich die Talleute ab und zu auch ärgern, kommt zur Sprache. So etwa schimpft Annie Odermatt, die als Betagte im neu konzipierten «Fichtenheim» haust, ganz unverblümt: «Schlimm, nicht wahr? Es wird ein ähnliches Gebäude werden wie das neue Schulhaus. Kinder und Alte steckt man in Stahl-Beton-Klötze. Ich frage mich, was diese hirnamputierten Architekten denken, wenn sie solches zeichnen?» Oder die zeitlos attraktive und strahlende Grande Dame Milagros (ist sie wohl das Alter Ego der Autorin?) erklärt dezidiert: «Die Engelberger haben es heutzutage nicht leicht.» Und deshalb ist sie – als Dritte im Detektivbunde – bald auch wieder mit dabei, wenn es darum geht, ihrem Sohn Max bei der Entlarvung eines bislang unerkannten Mörders zu helfen.

Autorin Silvia Götschi.

Autorin Silvia Götschi.

Bild: PD

Im Dorf, in dem es von indischen Touristen und schwedischen Free-Ridern nur so wimmelt, wo ein skrupelloser chinesischer Investor sich verdächtig gebärdet, legt Silvia Götschi noch und noch falsche Spuren. Sie versteht ihr Handwerk, lässt Leserinnen und Leser unentwegt mitraten. Und – wenn sie nicht vor lauter Spannung vorzeitig zur letzten Seite blättern – genau wie die Detektive eins ums andere Mal auf die Nase fallen. Beim Erzählen stets tiefgründig, psychologisch vorgehen wolle sie, verspricht die Autorin. Doch weil dabei immer auch noch eine tüchtige Portion Frivolität und eine ganze Menge unverhüllter Sprachwitz Platz haben, ist Lesevergnügen für alle garantiert.

Karl May hätte sich gefreut

«Winnetou! Winnetou!» Mit diesen lauten Rufen beginnt der Krimi. Albin Odermatt – in der Rolle des geldprotzigen Bösewichts und Ölprinzen Bud Forrester – will seinem Verderben entrinnen. Hangelt sich eine Strickleiter zum Felsen hoch. Plötzlich ein Knall! Doch diesmal ist es keine Platzpatrone. Und wie die Musik von Martin Böttcher verebbt, ist Albin Odermatt tot. Mausetot! Ermordet vor den Augen Winnetous. Im Höhepunkt des Spiels. Auf offener Bühne. Bald schon wird der Mörder verhaftet. Nur: Es ist der falsche! Und wie dieser sich dann im Gefängnis noch selber umbringt, legt die unfähige Obwaldner Polizei den Fall als gelöst ad acta. Doch sie macht die Rechnung ohne das findige Detektivtrio Max, Fede und Milagros. Die drei rollen ein ziemlich gespenstisches, altes Dorf-Drama neu auf: Akt um Akt.

Recherchierend im muffigen Geheimgang eines maroden Hotelkastens, in vollen Bars und Souvenirläden, in einer Brunni- Alphütte und im Winnetou-Dorf. Jurist Max von Wirth mit viel Spürsinn, Fede als Femme fatale und freche Computer-Hackerin sowie Milagros, die die High Society des Orts in- und auswendig kennt, lösen auch diesen Fall. Sorgen für Gerechtigkeit. Der gute alte Karl May hätte an ihnen wohl seine helle Freude gehabt.

Hinweis

«Engelberg», Emons Verlag, Köln, ISBN 978-3-7408-0625-5. 336 Seiten, zirka 19 Franken.