Ein Obwaldner Forscher entdeckt Neues im Dunkeln

Dank abenteuerlichen Expeditionen in Zentralschweizer Höhlen liefern der Alpnacher Höhlenforscher Martin Trüssel und sein Team neues Wissen zur Köcherfliege. Dieses hilft, verborgene Welten besser zu verstehen.

David von Moos
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Eine Köcherfliege beim Brienzer Rothorn. (Bild: Martin Trüssel/PD)

Eine Köcherfliege beim Brienzer Rothorn. (Bild: Martin Trüssel/PD)

Wo die Welt für andere aufhört, öffnet sich Martin Trüssel eine Neue. Der 59-jährige Alpnacher ist Präsident und Geschäftsführer der Stiftung Naturerbe Karst und Höhlen Obwalden (Neko). Zusammen mit Gleichgesinnten kriecht, klettert und watet er durch die Höhlen der Region. Ein Teil dieser Touren lieferte kürzlich «neue Erkenntnisse, die so noch nicht bekannt waren», wie Trüssel gegenüber unserer Zeitung sagt.

Dabei geht es für einmal nicht um neue Höhlensysteme, geologische Verhältnisse oder archäologische Funde. Im Zentrum des Interesses steht ein kleines Tierchen, das unkonzentrierten Blicken komplett entgeht. «Etwa 98 Prozent der tierischen Höhlenbewohner sind Insekten. Bei einem grossen Teil davon handelt es sich um Köcherfliegen», erklärt Martin Trüssel. «Aufgrund der gemachten Beobachtungen können wir sagen: Neben den drei bei uns vorkommenden Höhlenfaltern sind die Köcherfliegen wohl die vierthäufigste Insektenart.»

Eine Köcherfliege im Schildloch beim Bonistock auf der Melchsee-Frutt. (Bild: Martin Trüssel, Melchsee-Frutt, 17. September 2019)
11 Bilder
Köcherfliege im Drohnenloch beim Widderfeld auf dem Pilatus. (Bild: Martin Trüssel, Pilatus, 12. September 2019)
Eine Köcherfliege in der Oberen Eiseehöhle auf dem Gebiet der Obwaldner Gemeinde Giswil beim Brienzer Rothorn. (Bild: Martin Trüssel, Giswil, 28. September 2017)
Zwei Köcherfliegen bei der Paarung. (Bild: Martin Trüssel, Giswil, 28. September 2017)
Ein Höhlenfalter im Schildloch. (Bild: Martin Trüssel, Melchsee-Frutt, 12. September 2019)
Ein gelb-grauer Höhlenspinner im Schildloch. (Bild: Martin Trüssel, Melchsee-Frutt, 12. September 2019)
Eine Höhlenspinne in der Karsthöhle M34 auf der Melchsee-Frutt. (Bild: Martin Trüssel, Melchsee-Frutt, 12. Juli 2019)
Abgelegte Eier der vorher gezeigten Höhlenspinne im «Edi’s Loch» bei Hasle-Heiligkreuz, einem 1,5 Kilometer langen Höhlensystem in der Äbnistettenfluh. (Bild: Martin Trüssel, Hasle-Heiligkreuz, 22. August 2015)
Ein anderer Höhlenfalter im Schildloch. (Bild: Martin Trüssel, Melchsee-Frutt, 12. September 2019)
Höhlenforscher Martin Trüssel beim Eingang zur Karsthöhle M37 auf der Melchsee-Frutt. (Bild: Christoph Spoetl, Melchsee-Frutt, 25. September 2017)
Eine am Höhlenende vom «Edi's Loch» gefundene Schlupfwespe. (Bild: Martin Trüssel, Hasle-Heiligkreuz, 22. August 2015)

Eine Köcherfliege im Schildloch beim Bonistock auf der Melchsee-Frutt. (Bild: Martin Trüssel, Melchsee-Frutt, 17. September 2019)

Ein Merkmal der Köcherfliegen sind die langen behaarten Flügel sowie die dunklen Knopfaugen. Namensgebend sind die Wohnröhren der Larven, die als Köcher bezeichnet werden und in vielen Bächen und Seen etwa an Steinen und Holz kleben. «Bisher ging man davon aus, dass Köcherfliegen sich nur dort aufhalten, wo auch das Tageslicht hinkommt. Jetzt aber haben wir Köcherfliegen durchgehend auch in vollständiger Dunkelheit entdeckt», erklärt Trüssel.

Forscher widerlegen bisherige Annahmen

Weil man die unterschiedlichen Köcherfliegenarten von Auge nicht erkennen kann, müssen die einzelnen Tiere eingefangen und konserviert werden. Das ist einfacher, als es tönt. «In der Dunkelheit sind die Tiere relativ ruhig. Sie müssen nur leicht angetippt werden und lassen sich dann fallen – in ein darunter gehaltenes Döschen mit 80-prozentiger Alkohollösung, die die Tiere augenblicklich tötet und konserviert», so Trüssel. Eine Gewässerökologin in Zürich bestimmt dann die gefundenen Arten und trägt sie im nationalen Artenregister ein.

Was erhofft sich Trüssel von der Entdeckung? Im besten Fall bringe die Arbeit ganz neue Erkenntnisse, die wichtig seien für das Verständnis der Kreisläufe in der Natur. Denn die Höhlenbiologie verändere sich zusammen mit den Jahreszeiten.

In einem gross angelegten Monitoring haben die Neko-Höhlenforscher ausgehend von Melchsee-Frutt verschiedene Höhlen in Hasliberg, beim Giswilerstock und entlang der Entlebucher Randkette bis zum Pilatus untersucht. «Dabei sind wir zur Erkenntnis gelangt, dass die Köcherfliegen nur in Höhlen leben, aus denen im Sommerhalbjahr kalte Luft strömt», sagt Trüssel. Das Insekt sei eins der wenigen Übersommerer in den Höhlen. «Die Tiere fliegen im April nach dem Schlüpfen als ausgewachsene Tiere in die Höhlen, wo sie sich bis zur Geschlechtsreife und Paarungszeit aufhalten und zum Teil dann auch sogar in der Höhle fortpflanzen. Zahlreiche Männchen leben bis im Herbst – und sterben nicht schon früher, wie bisher geglaubt wurde.»

Lange unterschätzter Lebensraum im Fokus

Die Forschungsarbeit über die Köcherfliege sei deshalb auch für ihn etwas Spezielles. Zwar hätte er die Tiere schon vor 20 Jahren in Höhlen gesehen. «Dazumal haben wir einfach notiert, dass es sich um Köcherfliegen handelt. Nun aber erschliesst sich hier eine verborgene Welt, die bisher sprichwörtlich im Dunkeln lag.» Höhlen seien als Lebensraum lange unterschätzt worden. «Geologisch sind viele Höhlen vollständig erforscht, aber als Lebensraum noch relativ unbekannt».

Das Gebiet Melchsee-Frutt mit seiner grossen Höhlendichte könne da hilfreiche Daten liefern. «Insofern leisten wir hier sicher Pionierarbeit», so Trüssel. Für jedes Höhlenlebewesen brauche es einen anderen Fokus. «Trotz vieler Jahre Erfahrung als Höhlenforscher müssen wir unseren Blickwinkel neu einstellen und können so selbst bestens bekannte Höhlen neu entdecken».

Weitere Infos: www.neko.ch