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EMMETTEN/OBWALDEN: Der kompromisslose Visionär

Zehn Jahre feiert Martin Hess mit seinem Volksmusikfestival Obwald. Das sind zehn Jahre Perfektion, Suche nach Volkskultur und kompromissloser Umgang mit Weggefährten.
Roberta Fischli
Martin Hess: Seit zehn Jahren immer wieder unterwegs auf der Suche nach Volkskultur – hier auf dem Flughafen in Bangkok. (Bild Roberta Fischli)

Martin Hess: Seit zehn Jahren immer wieder unterwegs auf der Suche nach Volkskultur – hier auf dem Flughafen in Bangkok. (Bild Roberta Fischli)

«Ich möchte auch noch etwas sagen.» Der Hüne streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und setzt zu einer langen Dankesrede an. Er blickt zu Martin Hess, der sich angeregt mit seiner Tischnachbarin unterhält. Kühlwasser perlt von den Bierflaschen im Restaurant in Hanoi, der Stadt, in der Bäume die Strassen decken wie grosse Zelte. Zwölf Köpfe drehen sich, aber Martin Hess merkt nichts. Wenn sich der 66-Jährige auf etwas einlässt, vergisst er die Welt. Vielleicht dreht sie sich deshalb um ihn, wohin er auch geht.

Es ist das Abschiedsessen seines zehntägigen Aufenthalts in der vietnamesischen Hauptstadt. In der vergangenen Woche hatte Hess hier Musiker getroffen, Vorführungen gefilmt, Stücke für «sein» Obwald ausgewählt, das jetzt das Zehnjährige feiert, mit neuen Künstlern und solchen, die schon mal da gewesen sind. «Diese Menschen sind meine Familie», sagt er später über die Musiker. Hess findet Brüder und Schwestern, wohin er reist. Sein Pass sieht aus, als hätte ein Kindergärtner ein Stempelset darin getestet. Bhutan, Indien, Tansania, Laos, Japan, Mexiko, Andalusien – die Liste ist lang. Der Mann ist immer unterwegs, vor allem, um den Schweizern ihre eigene Kultur näher zu bringen.

Drei Monate geschlafen

«Mit 50 hatte ich erlebt, wofür andere 90 Jahre brauchen.» Hätte er so weitergemacht, er wäre in zwei Jahren tot gewesen, sagt er. Er musste etwas ändern. Kurz vor der Jahrtausendwende hängt Hess, damals Manager des Musikers Stephan Eicher, seine Karriere an den Nagel und geht für eine Auszeit nach New York, mietet sich eine Loft in Brooklyn, legt sich ins Bett und schläft drei Monate praktisch durch. Als er aufwacht, fasst er sein Leben in sieben Worte: «Hier bin ich, ich kann nicht anders.» Hess hatte 25 Jahre lang Luftseiltanz im Musikzirkus erlebt. Jetzt wollte er zurück auf den Boden.

Er trennt sich von allem, das etwas anderes vorgibt, als es ist. Er will das Ursprüngliche, das Unverdorbene. Für die Musik bedeutet das: Suche nach der Wurzel. Er findet sie in der Volksmusik: «Echte Volksmusik ist im Alltag der Menschen verankert. Sie braucht kein Publikum und keine Bühne. Volksmusik ist Kultur.»

Immer bereit loszulaufen

Er reist um die Welt, auf der Suche nach dieser ursprünglichen Form der Musik, nach Leuten, die sie leben. Der weisshaarige Mann trägt Anzug und Wanderschuhe – immer passend gekleidet, immer bereit, loszulaufen. Wer Hess begleitet, muss seine Route täglich neu auslegen. Darum findet er auf seinen Reisen fast immer, was er sucht.

Wer mit Martin Hess unterwegs ist, trifft auch immer auf den Instinkt, die Erfahrung, die Menschenkenntnis. Oder einfach das Glück. Am Flughafen in Kambodscha steuert er gezielt an allen Taxifahrern vorbei hinter die Absperrung und kehrt mit Borey zurück, einem Tuk-Tuk-Fahrer, dessen Gefährt sich als fahrende Diskothek herausstellt. Am zweiten Tag fährt ihn Borey an eine Kilbi am Stadtrand, wohin kein Tourist fährt. Am dritten nennt er ihn «Papa». Oder der Abend in einer Pizzeria in Thimphu, Bhutan, als Hess Bekanntschaft macht mit einem intelligenten Mann, der sich als Tshering Tobgay vorstellt, politischer Oppositionsführer – heute ist er Premierminister.

«Älplerkilbi war eine Farce»

Der flatterhafte Reisende ist auch ein messerscharfer Denker. In der Schweiz initiiert Hess das Kulturhaus Mondial an der Expo 02, einen Begegnungsort aus Musik, Essen und Bildern, der weit über die Landesausstellung hinaus Anklang findet. Dann tritt der Obwaldner Regierungsrat an ihn heran und bittet ihn um Unterstützung bei der Wiederbelebung der serbelnden Kultur. Hess, ein Obwaldner, kehrt zurück. Und findet nichts. «Die Älplerkilbi war eine Farce geworden, den Fronleichnamsumzug gab es nicht mehr, Trachtenvereine waren Verkleidungsvereine», urteilt er im Rückblick.

Kultur, Werte, sein persönlicher Ursprung, alles ist dabei, sich zu verflüchtigen. Hess gräbt tiefer und merkt, dass die Kultur noch existiert, aber an den Rand gedrängt worden ist. «Der ursprüngliche Obwaldner Juiz ist durch Jodellieder ersetzt worden.» Eine streng strukturierte Liedform, welche die heile Welt besingt; das traditionelle Juizen habe nur noch zwischen den Strophen stattgefunden.

Überall die gleichen Rhythmen

Diese Erfahrung hatte er auf seinen Reisen fürs Mondial überall erlebt. In den Tanzlokalen von Spanien, Vietnam oder Costa Rica pumpen die gleichen Rhythmen wie in den Clubs von Rio oder New York. «Die Globalisierung bedeutet auch Gleichschaltung der Kultur.» Auf die Frage, wie man den Leuten die eigene Kultur wieder näher bringen kann, findet er zwei Antworten: Man muss sie mit dem Fremden konfrontieren, um sie auf eigene Werte zurück zu werfen. Und man muss der Kultur eine Bühne geben, um ihren Wert in der Gesellschaft zurück zu erobern.

Und das tut er, seit zehn Jahren, jedes Jahr erfolgreicher. Seit drei Jahren ist Obwald Monate im voraus ausverkauft. Er inszeniert alles so, dass nichts vom Wesentlichen ablenkt. Was das ungeschulte Auge beifällig registriert, ist bis ins Detail durchdacht: Serviertöchter sind nicht zufällig Landfrauen aus der Region, die Speisekarte präzis, die Zutaten aus der Region, das Fleisch vom besten Metzger. Hess fotografierte zwei Wochen lang alle Waldlichtungen im Kanton, bis er den Gsang fand. Die Holzbühne entspricht auf jedem Zentimeter ihrem Zweck wie das schräg abfallende Zeltdach oder die roten Sofas hinter der Bühne, da, wo nach dem Konzert die Künstler aufeinander treffen und gemeinsam weiter musizieren, oft bis tief in die Nacht hinein.

Verbinden statt vermischen

Das Volkskulturfest konfrontiert die Zuschauer mit Flamenco-Tänzern aus Andalusien, Mönchen aus Bhutan, afrikanischen Stammestänzen – und dem Obwaldner Juiz. «Es geht nicht darum, Kulturen zu vermischen. Sondern sie einander gegenüber zu stellen und die Menschen für ihre eigene Kultur zu sensibilisieren», sagt Hess. Und verbindende Elemente sichtbar zu machen, die er überall findet, von Mexiko bis Bhutan – ähnliche Gesangsrhythmen, gleiche Tonlagen, stolze Haltung und Selbstverständnis der Menschen.

Mit diesem Gedanken war er nach Hanoi gereist. Er suchte das musikalische Gegenstück zu Tamara, der lautstarken 20-jährigen Obwaldner Juizerin, und fand es in Thi Trung, einer 17-jährigen Vietnamesin mit scheuem Lächeln und wachen Augen. Sie spielt das Tha-Bâu, ein Instrument mit nur einer Saite. Bis man es beherrscht, dauert es über zehn Jahre. «Das Tha-Bâu und der Juiz befinden sich auf der derselben Tonlage», sagt Hess. Eine von vielen erstaunlichen Gemeinsamkeiten der Volksmusik, wie er sie seit Beginn seiner Reise vor zehn Jahren immer wieder finde. Er finde überall die gleichen, verbindenden Elemente in der Musik. Egal, wo er ist. Auf drei Wochen hektisches Hanoi kann problemlos das stille Bhutan folgen. Einen Kulturschock habe er seit Jahren nicht mehr erlebt. «An dem Punkt, an dem ich stehe, sehe ich alles aus demselben Fundament gegossen.» Und so sitzt er drei Wochen später mit den Muotatalern Juizern «Natur Pur» und der jungen Tamara beim Mittagessen auf der Glattalp, wo sie anstossen, wie in Hanoi, auf das Festival, das Leben.

Im Anzug auf dem roten Sofa

Aber Hess ist auch ein kompromissloser Visionär. Das Volkskulturfest ist ein Abbild seiner Welt, ein Gesamtwerk mit eigenen Regeln. Er arbeitet jahrelang mit denselben Leuten, sie teilen seine Vision. Wer in seiner Gunst steht, wird gefördert, wer rausfällt, ist draussen. «Kompromisse bedeuten Fremdbestimmung.» Die Moderation macht seit dem ersten Tag sein technischer Leiter Fabian Christen, ein Lokaler. Hess weiss, dass die wichtigen Dinge auf der Nebenbühne passieren. Oder nach dem Konzert, wenn sich die Musiker unter der Bühne niederlassen, wo es aussieht wie ein Wohnzimmer, und die Notenblätter tauschen. Oben sausen Steppschuhe übers Parkett, Jodler juizen, Mönche raunen, Besucher staunen. Die Leute kommen wegen der Sänger aus Bhutan, den Flamencotänzern, den Vietnamesen – und entdecken den Juiz. Er, der Organisator, sitzt derweil auf dem grossen roten Sofa unterhalb der Bühne, im massgeschneiderten Anzug und abgetragenen Wanderschuhen, die Beine übereinandergeschlagen. Wer ihn nicht kennt, wird ihn nicht sehen.

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